Dienstag, 19. August 2014

452b

Herr, ich bin nicht würdig...

Matt Archbold's Artikel "7 Things To Restore Sense of Sacred Your Pastor Could Do Tomorrow" (hier in einer dem Original nicht ganz gerecht werdenden Übertragung auf kath.net) hat auf facebook und auf katholischen Blogs für Kommentare gesorgt.

Durch die deutsche Übersetzung kam das Wort "Würde" ins Spiel, wo es bei Pat eher um einen "Sinn für das Heilige" ging.

Ich denke, daß die Unterscheidung schon wichtig ist.

Da ich Priester bin, kenne ich die Heilige Messe also von beiden Altarseiten und schreibe daher nun auch aus diesen beiden Perspektiven. Aber zuerst schaue ich mal, was der Katechismus zur Eucharistie sagt (denn es ist immer hilfreich, einen Blick hineinzuwerfen, wenn es um bestimmte Themen geht):
    1324 Die Eucharistie ist "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens". "Mit der Eucharistie stehen die übrigen Sakramente im Zusammenhang; auf die Eucharistie sind sie hingeordnet; das gilt auch für die kirchlichen Dienste und für die Apostolatswerke. Die heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm". 1325 "Die Teilnahme am göttlichen Leben und die Einheit des Volkes Gottes machen die Kirche zur Kirche; beide werden durch die Eucharistie sinnvoll bezeichnet und wunderbar bewirkt. In ihr gipfelt das Handeln, durch das Gott die Welt in Christus heiligt, wie auch die Verehrung, welche die Menschen Christus und mit ihm dem Vater im Heiligen Geist erweisen". 1326 Durch die Eucharistiefeier vereinen wir uns schon jetzt mit der Liturgie des Himmels und nehmen das ewige Leben vorweg, in dem Gott alles in allen sein wird. 1327 Die Eucharistie ist also der Inbegriff und die Summe unseres Glaubens: "Unsere Denkweise stimmt mit der Eucharistie überein, und die Eucharistie wiederum bestätigt unsere Denkweise". 1346 Die Eucharistiefeier verläuft nach einer Grundstruktur, die durch alle Jahrhunderte bis in unsere Zeit gleich geblieben ist. Sie entfaltet sich in zwei großen Teilen, die im Grunde eine Einheit bilden: - die Zusammenkunft, der Wortgottesdienst mit den Lesungen, der Homilie und den Fürbitten; - die Eucharistiefeier mit der Darbringung von Brot und Wein, deren Konsekration in der [eucharistischen] Danksagung und die Kommunion. Wortgottesdienst und Eucharistiefeier bilden "einen einzigen Kultakt". Der Tisch, der uns in der Eucharistie gedeckt wird, ist zugleich der Tisch des Wortes Gottes und des Leibes des Herrn.
Für jedermann leicht verständlich und erkennbar: Die Eucharistie(feier) ist nicht eben unwichtig oder unbedeutend. Im Gegenteil: Sie bringt uns mit Gott auf einzigartige Weise in Berührung und ist gleichzeitig Grundlage der Einheit des Volkes Gottes.

Daß also die Eucharistie(feier) etwas Heiliges ist und enthält und daß daher die Sinne auf sie hingeordnet und für sie geschärft werden sollen, ist für mich durchaus einleuchtend (war es übrigens auch schon, als ich noch im ungefähren Pimpf-Alter in der Kirchenbank hockte).

Wenn Pat Archbold nun vom "Sinn für das Heilige" spricht, dann gebe ich ihm insofern Recht, als daß ich die Existenz des Heiligen anerkenne und den Wunsch nach einem Sinn (bzw nach Wiederherstellung des Sinnes) für dieses Heilige nachvollziehe. Ich widerspreche ihm aber dort, wo er den Sinn für das Heilige als eine Art Bonbon zu verstehen scheint, der aus einem Automaten fällt, sobald man das passende Geldstück einwirft.

Denn dann richtet sich der Sinn plötzlich auf die Suche nach dem richtigen Geldstück und es wird übersehen, daß der Automat hinten offen ist und unter einem Schild, auf welchem die Worte "für alle" zu lesen sind, sich ein Spalt befindet, der immerhin zugänglich und groß genug ist, daß das Angebot des Automaten "für viele" wirksam wird.

Schlimmer noch: Der Sinn richtet sich dann auch auf die anderen Leute, die in der Schlange stehen und verführt zu solchen Gedanken wie "Na klar! Die Frau Müller hat mal wieder nicht das richtige Geldstück dabei!" oder auch "Pff... Wie der Herr Meier mit großer Geste seine Münze herausholt und einwirft, während er sich umblickt, um zu sehen, ob ihm auch genügend Leute zuschauen..."

Der "Sinn für das Heilige" entsteht selten dort, wo man den Leuten einredet, sie müßten sich erst einmal für einen von zwei Wegen (ad orientem/versus populum, Hand/Mund, kniend/stehend, Latein/Muttersprache, Münzeinwurf/kein Münzeinwurf...) entscheiden. Denn eine solche Taktik sorgt zwangsläufig zu einem Lagerdenken. Der Sinn für das Heilige entsteht vielmehr dort, wo man den Leuten verständlich erklärt, warum eine Sache überhaupt heilig ist (siehe: Katechismus).

Ich kenne die Messe sowohl in der ordentlichen als auch in der außerordentlichen Form des Ritus und könnte nicht sagen, in welcher der beiden Formen der "Sinn für das Heilige" in stärkerem Maße in den Anwesenden vorhanden ist, da ich erstens nicht in die Leute hineinschauen kann und da ich zweitens irgendwie immer etwas besseres zu tun habe, als mich umzuschauen und nach Anzeichen einer Sinnbefreitheit zu schielen.

Was nun meine Sicht als Priester betrifft, so sage ich gerne, daß ich dort natürlich Präferenzen habe. Die Anzahl der Christus-Frisbees, die ich im Laufe der letzten 3 Jahre mit Blitzreaktionen abfangen mußte, weil irgendwer die Hand zu früh wegzog oder die Finger zu früh krümmte, wurmt mich schon ein wenig. Wie viel einfacher ist es doch, jenen Leuten den Leib Christi zu spenden, die mit leicht in den Nacken gelegtem Kopf und nicht allzu unvornehm herausgestreckter Zunge vor mir knien. Die Unfälle haben nach meinem Verständnis aber weniger mit einem Mangel am "Sinn für das Heilige" zu tun (oder gar mit einer vorsätzlichen oder zufälligen unwürdigen Methode des Empfangs), sondern mit Nervosität.

Auch fühlte ich mich bei keinen Messen so sehr "in der Zone" wie bei jenen, die ich an einem Hochaltar ad deum zelebrieren durfte. Ich mag diesen Showmaster-Aspekt des versus populum nicht so gerne (wenn ich mich auch mehr und mehr daran gewöhne).

Abschließend noch ein Wort zur "Würde". Nicht umsonst gestehen wir vor dem Empfang der Kommunion "Herr, ich bin nicht würdig, daß Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund".

Unsere Gesundung geschieht nicht dort, wo wir nach einer Form-Würde suchen, die dem Allerheiligsten ohnehin niemals gerecht werden kann. Wir können und sollen uns bei der Heiligen Messe auf eine Art und Weise verhalten, die diesem einzigartigen Anlaß entspricht, aber es ist schwer einzusehen, daß (jenseits der sich von selbst verbietenden Mißbräuche) die Blickrichtung des Priesters, die erklingende Musik, die gewählte Sprache, der Weihrauchpartikelanteil in der Luft oder die Kleider der Ministranten exakt den Unterschied ausmachen, der die Heilige Messe plötzlich vor Würde aus allen Nähten platzen läßt.

Unsere Gesundung geschieht vielmehr dort, wo wir einfach anerkennen, daß es uns in SEiner Gegenwart immer an Würde fehlen wird, aber gleichzeitig bereit sind, uns durch SEine Gnade transformieren zu lassen.

Keine Kommentare: