Montag, 29. September 2014

412.

"Ein Plädoyer gegen die Liebe"...

... veröffentlichte Markus Günther vor vier Tagen in der FAZ.

Genauer gesagt richtet sich der Text gegen...
    ...jene Art von Liebe, ohne die kein Popsong und kein Film auskommt, diese eine große, wahnsinnig romantische Liebe, bei der zwei Menschen sich unsterblich ineinander verlieben, vor Lust und Freude fast den Verstand verlieren, wie im Rausch übereinander herfallen und ab dann einfach nur noch glücklich, glücklich, glücklich sind. Yeah!!!
Der Artikel kommt in katholischen Kreisen offenbar gut an, wenn ich dem Feedback auf facebook trauen darf. Ich selbst stimme dem Inhalt auch größtenteils zu, hätte aber vielleicht kein "Plädoyer gegen die Liebe" sondern eher ein "Plädoyer für die Rückeroberung der Liebe" verfaßt.

Günther kritisiert vor allem den Status der Ersatzreligion, welchen die Liebe eingenommen hat, die damit zusammenhängenden übersteigerten Erwartungen und das nicht einlösbare Heilsversprechen, welches zu oft seelische Verwüstungen hinterläßt.

Jeder will im Grunde die Liebe a la Hollywood, doch fast niemand findet sie. Die Partnersuche ist zur Partnerjagd geworden. Die Körper werden auf das erwartete Maß getuned wie Autos, mit denen wir auf der Straße der seriellen Monogamie die Hausnummern abklappern, in der Hoffnung, daß sich hinter einer der Türen schon irgendwann Mister oder Misses Right finden werden, um dann endlich "glücklich, glücklich, glücklich" sein zu können.

An dieser Stelle erinnerte ich mich an einen kleinen Satz, den ich bei Bastian fand:
    Wer liebt, um glücklich zu sein, liebt nicht.
Da ist schon etwas dran.

Günther kommt in seinem Text auch auf den Augenblick zu sprechen, an dem die "Liebe plötzlich mehr eine Aufgabe als ein Gefühl" ist.

Es ist wohl wirklich an der Zeit, daß wir die Liebe wieder vor dem Hintergrund und als Geschenk dessen betrachten, der die Liebe ist. Für Jesus Christus war die Liebe sicherlich eine Aufgabe, und sicherlich nicht die leichteste. Gott ließ sich von denen, die er liebt, letztlich sogar ans Kreuz nageln und hat uns dennoch niemals sein "Ja!" entzogen.

Die Menschen hingegen vergessen das "In guten wie in schlechten Tagen" bereits, wenn es zu Irritationen, Mißverständnissen und Streitigkeiten kommt, in denen dann der Andere nicht mehr derjenige ist, dem wir etwas schulden, sondern derjenige, der den Dingen im Weg steht, auf die wir gefälligst ein Anrecht haben.

Ich möchte nicht so weit gehen wie der von Günther zitierte amerikanische Psychiater M. Scott Peck, welcher schreibt:
    "Der Mythos der romantischen Liebe ist eine schlimme Lüge".
Natürlich gibt es die romantische Liebe, die Schmetterlinge im Bauch, das Hingerissensein, das anfängliche Kribbeln der Ungewißheit und der Hoffnung und das manchmal zu Tränen rührende Hineinfallen in die erste, innige Umarmung.

Aber diese romantische Liebe ist nicht planbar. Man zieht nicht einfach los und sagt: "Ich finde heute den Partner für's Leben! Zuerst werde ich mich romantisch verlieben und dann gehe ich eine lebenslange Beziehung zum beiderseitigen Wohl ein!"

Die romantische Liebe ist jener unberechenbare Unruhestifter, der einen manchmal einfach überfällt, ohne einem genau zu sagen, was er eigentlich will. Unter dem Einfluß der romantischen Liebe tut man leidenschaftliche, verrückte, riskante Dinge. Man schwärmt von den Möglichkeiten, man macht sich verletzbar, man wirkt vielleicht auch ein wenig kopflos, gar lächerlich. Aber man sagt sich selbt "Das muß jetzt einfach so sein!". Und man hat damit gar nicht nicht so unrecht. Denn schließlich muß doch der Andere, dem unsere romantische Liebe gilt, aufmerksam gemacht werden, eingeladen werden und wohl auch an die Grenze gebracht werden, an der sich zeigt, ob da vielleicht wirklich Zuneigung ist, die in beide Richtungen fließt.

All dies ist schön und gut und aufregend und richtig. Aber es ist eben nur der Beginn. Die Hollywood-Liebe, die uns heute als das höchte zu erreichende Gut verkauft wird, hat den Fehler, daß sie diesen Beginn von einer kompletten darauf folgenden Geschichte amputiert. Wenn sich im Film die beiden Protagonisten endlich "gekriegt haben", dann rollen die Credits. Wenn in der wirklichen Welt zwei Leute sich finden, dann geht's doch erst richtig los.

Die romantische Liebe ist - bei aller Popsong-, Hollywoodfilm- und Schmachtroman-Tauglichkeit - letztlich doch nur die Zuckerschicht, die wir durchbrechen müssen, um an den darunterliegenden Schatz zu kommen. Und dieser Schatz ist - recht nüchtern eigentlich - eine Liste zu erledigender Aufgaben und einzuhaltender Richtlinien. Schön und unnüchtern werden diese Aufgaben und Richtlinien dadurch, daß man nicht alleine vor ihnen steht, sondern daß man sie nicht nur mit einem anderen, geliebten Menschen, sondern sogar zum Wohle eines anderen, geliebten Menschen angehen kann.

Die Liebe ist IM Himmel, aber die Liebe ist nicht DER Himmel. Die Liebe ist tatsächlich auch eine Aufgabe, ein Dienst, eine Überwindung. Dies zu erkennen, das ist in der heutigen Zeit in der Tat nicht leicht.

Wenn es so einfach wäre, wie es sich schreiben läßt, dann schröbe schrübe schriebe ich jetzt diesen Satz: Verliebt Euch nicht für ein paar Tage, um glücklich zu sein, sondern seid ein Leben lang glücklich, weil ihr liebt!

Kommentare:

Maria hat gesagt…

Wie schön Sie das geschrieben haben, alles, und vor allem den letzten Satz. Und ja, das stimmt alles, aber ich glaube auch, diesen "Anfang", diese Begeisterung am Anfang muss es geben, ohne die geht eine dauernde Liebe dann auch nicht. Weil es immer wieder mal Momente gibt, neben allem, was Sie beschrieben haben, in denen wieder etwas von dieser Begeisterung, diesem "Brennen" für den anderen, zu spüren ist. Ich glaube, es ist diese Begeisterung für den anderen, die dann auch in schweren Situationen trägt und hilft, eben nicht gleich aufzugeben. Und das kann dann alles andere als ein oberflächliches, auf Äußeres konzentriertes Toll-Finden des anderen sein. Ich könnte mir vorstellen, dass es einem Priester mit der Liebe zu Gott in manchen Punkten genauso geht. Dass es auch Aspekte von total Begeistert-Sein geben kann, aber oft halt auch mit Entscheidung, Aufgabe usw. zu tun hat. Aber dass es immer wieder mal ein total-Begeistert-sein gibt, das merkt man manchen Priestern an (oder eben auch nicht)...Ist natürlich jetzt nur mein Eindruck,ohne mir jetzt irgendeinen Einblick ins Seelenleben eines Priesters anzumaßen, ich hoffe, es kommt nicht so rüber.

Alipius hat gesagt…

Nein, es kam nicht so rüber. Danke für Ihre Zeilen!