Sonntag, 28. September 2014

413d

Lothar Franz von Schönborn in Häppchen (VI)

ie aus dem Westerwald stammende alte Familie hat Kurfürst Johann Philipp Schönborn durch die Belehnung seines Bruders mit der im fränkischen Kreistag stimmberechtigten Herrschaft Reichelsberg bei Aub auch in Franken heimisch genacht; sie zählt schon bald zu den angesehensten im Reiche. Ein Kupferstich des Hofmalers Lünenschloß, der 1721 erschien, zeigte die Glorie des Hauses, den Fürstbischof Johann Philipp Franz in der Mitte seiner Brüder: Damian-Hugo, Kardinal-Fürstbischof von Speyer und Landkomtur des Deutschherrenordens, Rudolf Franz Erwein, kaiserlicher Geheimer Rat und Ritter des Goldenen Vlieses, Franz Georg, damals erst Propst verschiedener Stifte, Friedrich Karl, Reichsvizekanzler, Titularbischof und Koadjutor von Bamberg, Anselm Franz, Kaiserlicher General und Adjutant Karls VI., sowie Marquart Wilhelm - der einzige von den Brüdern, welchen der Ehrgeiz nicht plagte und der es vorzog, als zweifacher Dompropst auf verhältnismäßig ruhigem Posten zu bleiben: "Eine Republik für sich", wie ihn der Onkel nannte.

Dieser Oheim Lothar Franz war das Haupt der Familie, damals schon seit fünfundzwanzig Jahren Kurfürst von Mainz und damit Inhaber des Reichskanzleramtes sowie Fürstbischof von Bamberg. Er ist der eigentliche Anreger und Förderer der fränkischen Barockkunst gewesen. Schon da er erst Würzburger Domherr war, hatte er Schloß und Park zu Gaibach ausgebaut und angelegt und diesen seinen Privatbesitz mit aller Liebe des Dilettanten und Kenners ausgestattet. In seinem Wesen bestrickend und liebenswürdig, trat er als Herrscher so anspruchsvoll auf, wie er es seiner Stellung schuldig war. Das Schloß Pommersfelden, das er als Privatschloß und zur Aufnahme seiner großen Gemäldegalerie errichtete, ist das Hauptdenkmal seines künstlerischen Wolens. Als Landesherr baute er die neue Residenz in Bamberg und die Jägersburg bei Forchheim sowie Schloß und Garten Favorite bei Mainz. Ein Stab von ersten Künstlern umgab ihn zu jeder Zeit, und er wußte fachmännisch mit ihnen allen zu reden; er griff auch selbst zu Zirkel und Reißbrett, um mit seinen Hofarchitekten Welsch und Dienzenhofer zu planen. Lothar Franz war der väterliche Freund seiner sieben Neffen und sieben Nichten, ihr Protektor und manchmal auch ihr Diktator, in Familiensachen wie in Dingen der Politik und der Kunst. Viel und gut zu bauen war allen Mitgliedern der Familie eigen, und der große Georg Dehio sagte mit Recht: "Es ist keine Übertreibung, in der ersten Hälfte des 18. jahrhunderts, also in der eigentlichen Blütezeit des deutschen Barocks, hat die Familie Schönborn für die Baukunst mehr vollbracht als irgendein weltlicher Fürst der Zeit."

[Aus: Die Schönbornzeit, Max H. von Freeden, Mainfränkische Hefte, Heft 80, 1983, Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V., Würzburg]

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