Donnerstag, 25. September 2014

416b

Lothar Franz von Schönborn in Häppchen (V)

achdem Neumann mit Erthals und Ritters Empfehlungen in Paris gewesen war, erschien 1724 der königliche Architekt Boffrand zum Gegenbesuch in Franken. Da der Kurfürst in Mainz unabkömmlich war, geleitete der Würzburger Neffe mit Neumann und anderem Gefolge den Gast nach Gaibach, Pommersfelden und Wiesentheid. Boffrand hatte selbst den Wunsch geäußert, Pommersfelden zu sehen und Lothar Franz freute sich darüber; indes, so sicher er sich sonst auch fühlte, nun, da einer der Kunstgewaltigen vom Versailler Hof sich näherte, kamen ihm doch Zweifel und es klingt fast etwas zaghaft, wenn er schreibt, daß er sehr gespannt sei, Boffrands Meinung zu hören und daß dieser gewiß vieles tadeln werde, was man aber damit entschuldigen müsse, daß es eben nur ein Landhaus sei. Doch der Kurfürst hat sein Werk und auch seinen Gast unterschätzt; Boffrand, der sich dann auch als Mensch alle Sympathien der Familie Schönborn erwarb, ist ehrlich überrascht vom Anblick des Schlosses, Obermarschall von Bubenhofen, der Nachfolger Schrottenbergs und ebenso Bauliebhaber wie dieser, und Oberstallmeister Rotenhan stehen bereit, um jedes Wort des Fremden aufzufangen und es sogleich nach Mainz zu melden. "Man sieht in ganz Frankreich nichts so Großes und Prächtiges", gestand Boffrand angesichts des Treppenhauses.

Und eben dieses Stiegenhaus, diese einzigartige Raumschöpfung, ist einer Idee des Kurfürsten selbst entsprungen; sie im Detail zu redigieren und auszuarbeiten, wurde die Aufgabe Hildebrandts. Mit grandioser Weite öffnet sich die riesige Halle, die in der Tat das erste große Treppenhaus der deutschen Barockkunst enthält. Es sind, nüchtern gesagt, achttausend Kubikmeter umbauten Raues geschaffen worden, nur um das Ersteigen des Hauptstocks zu ermöglichen; wirklich der absolute Sieg der architektonischen Idee über den Zweck (den ja schon die Wendeltreppen in den Schlössern der Renaissance erfüllten), denn das Ziel des Barockmenschen war nicht, "vernünftig" zu bauen, sondern "Bedeutendes" zu bauen (Montesquieu). Man tanzte, speiste oder schritt auf der Treppe, um gesehen zu werden; deshalb wurde das Leben des Barockfürsten zu einer Staatsaktion (nicht zum Theater); die riesigen Räume sind, wie die der Natur abgetrotzten großen geometrischen Gärten, oder selbst die gewaltigen Perücken als Rahmen des menschlichen Geichts, Zeugen eines gesteigerten Lebensgefühls.

Lothar Franz wußte seine geniale Konzeption gegen alle Bedenken durchzusetzen und hat um ihretwillen auch des sehr starke Hinauswachsen des Mittelbaus gegen Hof und Garten in Kauf genommen. Dadurch hat das Schloß trotz allem zeitgemäßen Prunk doch jene ganz persönliche Note bekommen, die so unmittelbar anspricht.

[Aus Max H. von Freeden, Kunst und Künstler am Hofe des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, Mainfränkische hefte, Heft 3, Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.v., Würzburg (Hrsg.), Buchdruckerei Karl Hart, Volkach, 1949]


Persönliche Notiz: "... daß es eben nur ein Landhaus sei". Ich erweise mich nun als total bescheiden und tue kund, daß mir ein Landhaus vollkommen genügt!

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