Montag, 15. September 2014

426.

Lothar Franz von Schönborn in Häppchen (I)

ls 1673 Johann Philipp von Schönborn starb und ihm bereits ein Jahr später sein Neffe, der Mainzer Dompropst Franz Georg, in den Tod folgte, schien die zukünftige Platzierung des Hauses Schönborn in den Domstiftern gefährdet. Die 'bischofskandidatenlose' Zeit schlug sich sichtbar in der Stagnation des Familienvermögens und in erkennbarer Ferne zu den Machtzentren der Reichskirche nieder. Alle Hoffnungen ruhten auf Lothar Franz, den 1655 geborenen jüngsten Sohn Philipp Erweins und Maria Ursulas, der nun als einziger Schönbornneffe Johann Philipps in den Stiftern präbendiert war. Rund 20 Jahre später war ihm der Erwerb des Bamberger Bischofs- und des Mainzer Erzbischofsstuhles gelungen. Sein Regierungsantritt leitete die Blütephase des Adelsgeschlechts Schönborn ein. Die neuerliche Standeserhöhung des Gesamthauses, die beträchtliche Vermehrung des Vermögens, der Gewinn namhafter Herrschaften und die Finanzierung ehrgeiziger Bauprojekte, schließlich die geschickte Platzierung etlicher Neffen aus der Ehe seines Bruders, Melchior Friedrich, mit Sophie von Boineburg, von denen vier zu Fürstbischöfen aufsteigen sollten, fielen in seine Regierungszeit. Insgesamt gingen zwischen 1693 und 1729 fünf Mitglieder des Hauses Schönborn in sechs Wahlfürstentümern aus acht Bistumswahlen siegreich hervor. Als Lothar Franz 1729 starb, zählte seine Familie zu den bedeutendsten Geschlechtern in den Domstiftern. Politisch vollzog der zweite Kurfürst aus dem Haus Schönborn den Wandel von einer um Neutralität und Friedenswahrung bemühten reichischen Haltung hin zur loylen Anlehnung an das Kaiserhaus. Doch auch weiter stand die Behauptung einer eigenständigen reichsbezogenen Position im Zentrum des Agierens des Kirchenfürsten, der sich wie sein Onkel der Reichsritterschaft und dem Reich verpflichtet fühlte. Dreh- und Angelpunkt der familiären und politischen Platzierungsbemühungen und Ausgangspunkt des familiären Aufstiegs blieben auch in der Blütephase des Geschlechts Schönborn die Domstifter.

[Aus: Das Haus Schönborn - Eine Familienbiographie, von Sylvia Schraut, Verlag Schöningh, Paderborn, 2005]

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