Montag, 8. September 2014

433d

Was ich nie so richtig verstanden habe...

... und auch heute noch nicht so richtig verstehe, ist das "Der wahre Islam"-Argument.

Ich meine das jetzt ganz privat, ganz für mich persönlich betrachtet, und hege dabei keine finsteren Aufheiz-Gedanken, die meine unzähligen, weltweit strategisch verteilten Schergen zur sofortigen Einflußnahme und Stimmungsmache anhalten sollen. Dies nur, um Mahner, Befürchter und Schnellrichter zu besänftigen.

[Ihr habt's gehört, Schergen! Bleibt erst einmal locker...]

Warum genau sollte es mich interessieren, ob die sich auf Allah und den Koran berufenden Terroristen den wahren Islam repräsentieren oder nicht? Macht eine Antwort auf die Frage ihre Untaten erträglicher oder schlimmer? Macht es das Sterben eines jeden von ihnen hingeschlachteten Menschen irgendwie würdiger oder dreckiger?

Angenommen, die Frage ließe sich fallweise tatsächlich mit 100%-iger Präzision beantworten. Wie hoch ist für den Fall, daß ein Mensch von einem sich auf Allah oder den Koran berufenden Terroristen umgebracht wird, die Wahrscheinlichkeit eines dieser beiden Szenarien:
  • Das Opfer denkt sich: "Na gut... Wenigstens ist es nicht der wahre Islam!"

  • Das Opfer denkt sich: "Oh Mist! Es ist der wahre Islam! Das muß ich schnell noch twittern!"
Eben...

Lohnt es sich, in der momentanen Situation die Frage nach dem wahren Islam zu stellen und auf weitere Antworten zu warten, die wie gewohnt unvollständig und widersprüchlich ausfallen werden?

Oder lohnt es sich, darauf zu achten, welche Art von Menschen aus welchen Gründen von den Anhängern welcher Religion für Mord und Zerstörung begeistert werden können und nach Mitteln und Wegen zu suchen, dort Abhilfe zu schaffen?

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

Ich verstehe die Frage schon.

Es ist nuneinmal ein himmelweiter Unterschied, ob
a) der Islam selbst das Problem ist oder
b) ob der Islam selbst ein Problem hat, nämlich mit Leuten, die ihn mißverstehen.

Nach allem, was mein hoffentlich gesunder Menschenverstand mir sagt, macht das auch einen himmelweiten Unterschied für die Herangehensweise, mit der man mit dem Problem umgeht. Aber ich bin kein Praktiker, sondern Theoretiker, also lassen wir die Frage an sich einmal so stehen, weil sie für sich schon ihre Berechtigung hat.

Denn soviel zumindest dürfte klar sein: Bei allem Mitleid mit den Opfern - das Problem ist schwerer, als es wäre, wenn es (wie bei sagen wir bei einer unideologischen Gang von Gewaltliebhabern, die halt einfach Verbrecher sind) sich nur auf die persönlichen Leiden der Opfer beschränkte.

Anonym hat gesagt…

Besser als Imrahil kann ich's nicht ausdrücken.
Man merkt den Unterschied, wenn man die Frage auf das Christentum münzt: ist das "wahre Christentum" das, das Menschen den Impuls dazu gab, "Hexen" zu verbrennen (um beim Klischee zu bleiben)? Oder beruht der Impuls, "Hexen" zu verbrennen, auf einer falschen Auslegung das "wahren" Christentums? Falls ersteres, muss ich das Christentum ablehnen, weil es dann eine Religion ist, die zum Mord aufruft. Falls zweiteres, muss ich mich in erster Linie mit den Leuten beschäftigen, die auf diese Idee gekommen sind, und ihnen beweisen, dass sie mit ihrer Auslegung weit von der Intention der Religion entfent liegen.

Alipius hat gesagt…

@ Imrahil und Anonym: Danke für den Input.

Einige Gedanken dazu: Ich denke, daß es zu den Bestandteilen so gut wie jeder Religion gehört, sich für ihre Lehre und deren Befolung eine weite Verbreitung zu wünschen. Wenn wir diesen Wunsch bereits als Problem betrachten wollen, dann könnte man mit Recht behaupten, daß nicht nur der Islam das Problem ist, sondern daneben auch jede andere Religion, die diesen Wunsch hegt.

Ich denke aber, daß nicht der Wunsch das Problem ist, sondern die Art, wie an der Erfüllung dieses Wunsches gearbeitet wird. Und dann beschränkt sich besagtes Problem meiner Meinung nach tatsächlich auf die persönlichen Leiden der Opfer.

Denn sobald die Arbeit an der Erfüllung des Wunsches bedeutet, daß irgendwo irgendwann irgendjemandes Freiheit, sich mit informiertem Gewissen angstfrei für oder gegen die Lehre und deren Befolung zu entscheiden, beeinträchtigt wird, haben wir bereits ein Opfer.

Und dieses Opfer wird sich nunmal im Moment der Verhaftung, der Verächtlichmachung, der Ausgrenzung oder der Hinrichtung nicht dafür interessieren, ob hier die betroffene Religion als solche das Problem ist, oder ob ein unglücklicher Interpretations-Fehlwuchs vorliegt.

Die Außenstehenden können und dürfen sich selbstverständlich für diese Frage interessieren. Aber es wird sich immer für beide Antwortvarianten ein bestimmtes unterstützendes Kontigent finden; und wir haben nun mal keinen übergeordneten Gerichtshof, der die Frage verbindlich für alle Zeiten beantworten wird oder kann.

Die Frage lautet also für mich nach wie vor: Welche Art von Menschen werden unter welchen Umständen aus welchen Gründen von den Anhängern welcher Religion zu Mord und Totschlag motiviert, und wie kann man dort Abhilfe schaffen?

Die Abhilfe kommt meines Erachtens aber nicht durch Erkenntnisse wie "Der Islam ist das Problem" oder "Das hat aber mit dem Islam nichts zu tun".

Eher hilfreich sind Erkenntnisse wie "Wir haben als Christen die befreiende Botschaft unseres Glaubens nicht deutlich und glaubwürdig genug zum Strahlen gebracht".

Anonym hat gesagt…

D'accord, für das Opfer ist die Frage nicht so wahnsinnig relevant, aus welcher Motivation ihm jemand den Kopf abhackt.