Sonntag, 26. Oktober 2014

385b

Das Aussetzen des Verstandes...

... ist heutzutage bei vielen Leute nicht nur ein Argument für Sterbehilfe, sondern manchmal auch ein Phänomen, welches ganz plötzlich beim Schreiben von Artikeln auftritt.

Aktuelles Beispiel: Gideon Böss in Freitod ist ein Menschenrecht. Dort echauffiert er sich wegen der Einmischung des Christentums/der Kirchen mit der Begründung:
    Muss man wirklich erst eine Blutspur durch die Jahrhunderte gezogen haben, bevor man als Gewissen der Nation salonfähig ist? Das Christentum hat jedenfalls in seiner Geschichte vielen Menschen durch erschlagen, ertränken und verbrennen die Entscheidung abgenommen, wann ihr Leben zu enden hat. Auf gewisse Weise ist diese Religion also schon ein Experte für die Frage nach (aufgenötigter) Sterbehilfe. So wie es ohnehin auffällig ist, dass Religionen zwar nie Schwierigkeiten hatten und haben, Tötungsbefehle spirituell zu legitimieren, aber den individuellen Freitod zur schweren Sünde erklären. Sie wollen eben Herr über Leben und Tod sein, was viel und nichts Gutes über sie aussagt.
Man muß das gar nicht kompliziert aufdröseln, sondern hat zwischen den Zeilen eigentlich gleich die 1:1-Übersetzung:
    "Weil Ihr früher mal Menschen aus ganz bestimmten Gründen abgemurkst habt, habt Ihr heute nicht das Recht, Euch für das Leben einzusetzen!"
Oder auch:
    "Weil Ihr früher machtgeile Säcke wart, seid Ihr es heute immer noch!"
Daß die hier angesprochenen Leute nicht diejenigen sind, die vor wasweißichwievielen Jahren wasweißichwelche Gräueltaten ausgeführt haben, liegt zwar auf der Hand. Die aus dieser Tatsache zu ziehende Konsequenz ist aber wegen des "Hexenverbrennungen! Kreuzzüge! Prada-Schuhe!"-Jokers im Laufe der Jahre völlig aufgeweicht worden. Wenn "Die böse Kirche!" mal irgendwann aus Gründen des vermeintlichen Machterhaltes irgendetwas Finsteres vollbracht hat, dann muß das eben auch unbedingt "Die böse Kirche!" gewesen sein und nicht Menschen, die eine Botschaft und eine Macht in den falschen Hals bekommen haben. Denn nur über das Argument "Die böse Kirche!" funktioniert die Ausgrenzung "Die bösen Katholiken/Christen!". Was komischerweise nie funktioniert ist der Blick von der anderen Seite. Wenn "Die böse Kirche!" heute in aller Welt für Arme, Kranke, Schwache und Alte da ist, um ihnen in irgendeiner Art und Weise zu helfen und sich dabei als eine Institution erweist, derem Mitgliedern durchaus etwas am Leben und am Nächsten liegt, dann darf diese Tatsache auf keinen Fall einfließen in das Gesamtgefüge der Sterbehilfe-Debatte. Dabei sollten viele Schreiber und Meiner und Finder eigentlich dankbar sein, daß die Kirche dies tut, ermöglicht es ihnen doch, in ihrer aufgeklärten Kleinfingerabgespreiztheit zu urteilen, anstatt selbst Hand zur Hilfe anlegen zu müssen.

Wobei...

Das tut eine breit angelegte Sterbehilfe-Praxis natürlich auch...

Nix für ungut...

Kommentare:

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Machst Du es Dir da nicht zu einfach? Die Kirche ist gestern, heute und morgen die gleiche.
Hier ein Zitat aus dem Artikel "Die Totalität der Geschichte und ihre Befreiung" von Dieter Hattrup; erschienen in dem Buch Geistliche und weltliche Macht. Das Paderborner Treffen 799 und das Ringen um den Sinn von Geschichte, in der Reihe "Paderborner theologische Studien" als Bd. 27 erschienen ist.

Here we go…
»Es gibt einen bizarren Autor in Deutschland, der Spezialist für die Anklage der Kirche ist und sein tägliches Brot damit verdient. Seit Jahren sammelt er die Schatten des Christentums ein uns schreibt einen Band nach dem anderen unter dem Titel: 'Kriminalgeschichte des Christentums'. Er bringt keine neuen Tatsachen ans Licht, aber er sammelt Schatten, möglichst ohne das Licht auch nur zu erwähnen, das diesen Schatten wirft. Es gibt zwar auch Kriminalgeschichten im Allgemeinen, welche die Verbrechen der Barone, der Bäcker, der Richter schildern, aber das sind historische Spezialuntersuchungen und keine Anklagen, sie treffen keine Lebenden. Niemanden gibt es, der sich mit den Baronen, Bäckern oder Richtern von damals identifiziert. Nur bei der Kirche ist das anders, die heutige ist 100% die damalige, deshalb bekommen die historischen Anklagen eine solche Schärfe. So unangenehm das für diejenigen ist, die zur Kirche gehören, weil sie die Kirche lieben: Es ist gut so! Erst durch die Fremdanklage, gegen die ich mich nicht wehre, bekommt die Geschichte einen Sinn und behält ihn. Werde ich angeklagt, so bin ich. - Accusor ergo sum. Ich beginne den Sinn des Lebens zu spüren und die Lasten zu tragen.«

Alipius hat gesagt…

Nun ja... Es gibt eine Kirche, die gestern, heute und morgen die gleiche ist (der mystische Leib Christi), und es gibt eine Kirche, die gestern, heute und morgen nicht die gleiche ist (die Glieder des mystischen Leibes Christi). Die Kirche ist aufgrund ihres Fundaments immer die gleiche, und sie wird sich aufgrund ihres Missionsauftrags immer wieder ändern.

Die Frage ist doch, was jemand wie Böss meint, wenn er "Die Kirche" schreibt. Er scheint zu glauben, daß die Kirche auch in ihren Gliedern nie eine Änderung vollzogen hat und vollziehen kann. Und das ist schlicht falsch.

Ich persönlich habe übrigens Deschner nicht einmal gebraucht, um wegen bestimmter Phänomene der Kirchengeschichte bestimmte Lasten zu tragen.

kalliopevorleserin hat gesagt…

"Die Frage ist doch, was jemand wie Böss meint, wenn er "Die Kirche" schreibt."
Ich halte das für die falsche Frage, weil sie voraussetzt, daß er überhaupt etwas "meint" i.S.v. mit dem Verstand erwägt. Er schreibt aber über "die Kirche" einen dermaßen unrecherchierten Quark, daß ich ihm dies abspreche. Da ich ihn nicht für unterdurchschnittlich intelligent halte (bis zum Beweis des Gegenteils), nehme ich zu seinen Gunsten an, daß er einfach faul ist. Recherche ist schließlich mühsam.