Samstag, 25. Oktober 2014

386.

Todeslänglich oder Lebensstrafe?

Der Papst fordert die Abschaffung lebenslanger Freiheitsstrafen und beklagt, daß die Todesstrafe immer noch "Auf dem ganzen Planeten" angewendet wird.

Erst einmal die Fakten, wie ich sie sehe bzw wie sie mir bekannt sind:
  • Die Gesellschaft hat das Recht, sich vor Aggressoren zu schützen
  • Der Mensch hat einen ihm innewohnenden und manchmal derbst aufflackernden Racheimpuls, dessen Vollzug heutzutage glücklicherweise nicht mehr dem so empfindenden Einzelnen obliegt, sondern den dafür zuständigen staatlichen Organen
  • Die von einem fürchterlichen, metzelnden Scheußal begangenen Untaten können durch nichts wieder rückgängig gemacht werden; somit geht es nicht um eine Wiederherstellung des Zustandes vor dem oder den Verbrechen, sondern um ein Aufwiegen der Schuld, die jemand auf sich geladen hat, gegen eine Strafe, welche angemessen scheint
  • Die Todesstrafe ist - wenn sie ausgeführt wird - ein einmaliges, nicht wieder zurückzunehmendes Ereignis für alle Betroffenden
  • Eine lebenslängliche Freiheitsstrafe ist oft nur dem Namen nach lebenslänglich
  • Wenn auch der Zustand, so wie er sich vor dem oder den Verbrechen darstellte, nicht wiederhergestellt werden kann, so gibt es doch den Weg der Gewissenserforschung, der Reue, des guten Vorsatzes, der Bekenntnis und der Wiedergutmachung, welcher allen Sündern offensteht
  • Die Kirche schließt die Anwendung der Todesstrafe in schwerwiegendsten Fällen nicht kategorisch aus, fordert die zuständigen Autoritäten aber auf, sich an unblutige Bestrafungen zu halten, wenn diese "hinreichen, um das Leben der Menschen gegen Angreifer zu verteidigen und die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Menschen zu schützen" (CCC 2266, 2277)
Bereits 2011 äußerte Papst Benedikt XVI. in seiner Grußadresse an die Teilnehmer des von der Gemeinschaft Sant'Egidio organisierten Internationalen Kongress zum Thema "Keine Gerechtigkeit ohne Leben" den Wunsch, das Treffen möge "die politischen und legislativen Initiativen stärken, die von einer zunehmenden Zahl von Ländern ergriffen werden, um die Todesstrafe zu beseitigen und wesentliche Fortschritte zu erreichen, die unternommen werden, damit das Strafrecht die Menschenwürde der Gefangenen respektiere und gleichzeitig die öffentliche Ordnung wirksam sichert".

Nun greift Papst Franziskus dies wieder auf und erinnert die Weltgemeinschaft noch einmal daran, daß immer noch in viel zu vielen Ländern viel zu häufig die Todesstrafe verhängt wird.

Wenn man die Möglichkeit der Todesstrafe in schwersten Ausnahmefällen einräumt, dann befindet man sich demnach durchaus im Einklang mit der kirchlichen Lehre, allerdings nur dann, wenn man gleichzeitig immer nach Wegen sucht, der unblutigen Strafe den Vorzug einzuräumen.

Spielraum zu Zweifel und Debatten bietet sicherlich die Bedingung, die gewählten unblutigen Strafen müssen "hinreichen, um das Leben der Menschen gegen Angreifer zu verteidigen und die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Menschen zu schützen".

Jetzt ist der Spekulation die Türe geöffnet: Was ist hinreichend? Gefängnisaufenthalt? Gefängnisaufenthalt hinter besonders dicken Mauern? Gefängnisaufenhalt hinter besonders dicken Mauern unter ständiger und ungewöhnlich intensiver Beobachtung? Gefängnisaufenhalt hinter besonders dicken Mauern unter ständiger und ungewöhnlich intensiver Beobachtung ohne Chance auf ein Berufungsverfahren?

Hier ist man auf Erfahrungswerte angewiesen, aus denen man die Erkenntnis zieht, unter welchen Bedingungen ein gefährlicher Schwerstverbrecher zum Schutze der Öffentlichkeit sicher weggesperrt ist und dennoch nicht wie entsorgter menschlicher Sondermüll wirkt. Wenn wir sagen, daß die Todesstrafe wegen der menschlichen Natur nicht verhängt werden darf, dann wäre eine Sicherheitsverwahrung, die den Eingesperrten zu sehr seiner menschlichen Natur zu berauben versucht, im Grunde ja nichts weiter als eine Todesstrafe, die sich für den Rest des Lebens hinzieht.

Die gefährlichsten Schwerstverbrecher müssen selbstverständlich hinter Gittern stecken. Allerdings sollte bei ihnen hin und wieder geprüft werden, ob sie die Zeit in Gefangenschaft dazu genutzt haben, auf dem Weg "Gewissenserforschung -> Reue -> guter Vorsatz -> Bekenntnis -> Wiedergutmachung" ein Stück voranzukommen.

Wenn wirklich Christus unser Herr ist und nicht Papa Staat, dann sollten wir uns dafür einsetzen, daß jeder Sünder die Gelegenheit bekommt, sich seinen innersten Fragen zu stellen und im Idealfall sein Heil dort zu finden, wo es auch tatsächlich ist.

Die Todesstrafe sollte daher in der Tat so selten verhängt werden, daß man sie selbst mit der Lupe nicht findet. Gefängnisaufenthalt ist allerdings nicht nur notwendig, sondern muß sich in Exremfällen so lange hinziehen, bis Besserung zu erkennen ist, notfalls auch für den Rest des Lebens.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Ich will niemandem zumuten, Vollstrecker der Todesstrafe zu sein.
Ich will auch keinem Kind zumuten, auf die Frage "Was arbeitet denn dein Papa?" antworten zu müssen "Der macht böse Leute tot".
Todesstrafe gehört abgeschafft - und zugleich habe ich keine Antwort auf die Frage nach dem sicheren Umgang mit gefährlichen Schwerstverbrechern.

Alexander hat gesagt…

Man sollte den Deliquenten die Wahl zwischen Todesstrafe und Lebenslang lassen. Wenn ich nicht irre, haben in den USA - wo auch sonst? - einige Lebenslange Klage eingereicht, weil sie die Giftspritze lebenslanger Haft vorziehen würden. Warum nicht?

Es wird immer Menschen geben, denen es nichts ausmacht, andere zu töten. Ob nun als Henker oder als Mörder. Oder warum auch immer.

Wer absichtlich tötet, hat eine irreversible Grenze überschritten. Von dort aus gibt es keine Umkehr. Er kann Gott um Vergebung bitten und wird sie, sofern seine Reue echt ist, auch erlangen - im Himmelreich, aber nicht auf Erden. Menschen sind nicht Gott gleich, sie müssen und sie können oft nicht vergeben.

Unser Rechtssystem ist auf den Täter, nicht auf das Opfer fixiert: Man sollte die Täter zum Opferausgleich verurteilen und sei dieser nur materieller Natur. Mit den Folgen der Tat werden die Opfer allein gelassen. Das ist ungerecht: Soll der Täter im Knast Tüten kleben bis zumindest der materielle Schaden geheilt ist.

Viel weiter gehend wäre eine Neuordnung der Gesetze in der die Schuld- und Motivfrage gar nicht erst gestellt wird, sondern es nur darum geht entstandene Schäden zu heilen. Aber das würde das Thema jetzt sprengen.

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Über Strafen, Strafdauer etc. kann man ja trefflich philosophieren.

Man könnte sich z.B. auf einen rigorosen gehaltenen Grundsatz „aut poena aut satisfactio“ (Achtung Theo-Falle) stellen: Entweder Strafe oder Wiedergutmachung.
Ein Dieb hat dann die Möglichkeit entweder eine Strafe abzuleisten (Geldstrafe, Gefängnis o.ä.) ODER aber Wiedergutmachung leisten indem einfach die gestohlene Sache zurückzugeben ist. – Freilich ist Wiedergutmachung bei Mord und Totschlag auch unmöglich.

Dennoch kann man fragen: Ist es nicht seltsam, daß ein Dieb bei uns zulande beides tun muß?

Anonym hat gesagt…

na sagt mal das der IS-die lachen uns nur aus!

Anonym hat gesagt…

ich gehöre nicht zu den Gegnern der Todesstrafe, wenn diese bewiesenermaßen schwerste Schuld auf sich geladen haben und das Leben z. B. einer Familie zerstört haben( Kindermörder). Lebenslange Haftstrafe sollte auch wirklich lebenslang sein, nicht so ein paar Jährchen und dann wieder raus und Rache üben . Unsere Rechtsprechung wird leider oft viel zu lasch gehandhabt und auch das Jugendstrafrecht gehört klarer überarbeitet.

Taras Sirko hat gesagt…

Im Bezug auf Todesstrafe und lebenslanger Haftstrafe halte ich es mit dem KKK. Aber ich möchte einige weit verbreitete Irrtümer korrigieren:

1. Die Wiedergutmachung ist Bestandteil der Opferrechte und hängt nicht mit der eventuellen Einsicht eines Straftäters zusammen. Art und Umfang der Wiedergutmachung wird im Urteil festgesetzt.

2. In der Regel werden zu lebenslanger Haft Verurteilte nach 15 Jahren auf Bewährung aus der Haft entlassen, sofern keine ernsthaften Gründe dagegen sprechen. Geprüft hierbei werden weder die Gewissensprüfung noch die Reue, sondern eine zu erwartende künftige Unterlassung von weiteren Straftaten.

3. Einsicht, Reue und Sühne sind nur für eine Begnadigung erforderlich, also einem Rechtsakt, der über das übliche Maß der 'ordentlichen' Stafaussetzung auf Bewährung hinausgeht und wesentlich früher erfolgen kann. Bestes Beispiel ist der diebische Kammerdiener des Papstes, der (beinahe) schneller begnadigt als verurteilt wurde.