Mittwoch, 22. Oktober 2014

389b

Solide Berichterstattung...

Über den Kollegen bellfrell stieß ich auf ein Video des ORF, welches laut Anmoderation irgendetwas mit einer Bilanz der Synode zu tun haben soll.

Um die korrekte Betriebstemperatur zu schaffen, wird der gespannte Zuschauer vor Beginn des Beitrags mit der wichtigen und total nicht aus der Luft gegriffenen Information ins Rennen geschickt, Homosexuelle gälten in der Kirche als unnatürlich.

Im Film selbst kommen dann all jene zu Worte, die exakt wissen, wieviele Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte die Kirche hier oder dort hinterherhinkt, und Frau Martha "Priesterlose Wohnzimmermesse" Heizer (lt. Bericht exkommuniziert, weil sie für die Modernisierung der Kirche kämpft...) darf schon mal für den Fall der Nichteinlösung der nicht gegebenen Versprechen bei der Synode im nächsten Jahr das Sterben der Kirche voraussehen.

Die einzige Gegenstimme zur Pro-alles-Masse ist ein Priester aus Afrika. Auch dies ist sicherlich mehr als ein Zufall. Wo kämen wir denn hin, wenn wir die Gegenden, in denen der Katholizismus tatsächlich noch zuckt, nicht schnell in den Sack mit der Aufschrift "Homophob/mysogyn/genderfeindlich" steckten? Die Keule zum Draufschlagen wird dann schon noch früh genug gefunden werden...

Es gab mal eine Zeit, in der die Menschen der Kirche anhingen, weil sie verstanden hatten, daß es um die Seele geht. Heute wenden sie sich von der Kirche ab mit der Begründung, die Kirche verstehe nicht, daß es um Sex geht.

All diese Debatten und Diskussionen und Synoden sind einen feuchten Furz wert, wenn der Großteil der Menschen überhaupt nicht mehr weiß, warum wir hier auf Erden Teil des mystischen Leibs Christi sein dürfen und welche Heilsinstrumente dieser Leib für jene bereit hält, für die das Leben nicht nach dem Tod endet bzw mit dem nächsten Geschlechtsakt erst wieder so richtig beginnt.

Wir müssen wieder an die Essenz dessen zurück, was es bedeutet, Mensch unter Gott zu sein. Logischerweise können hier den Aufbau nur diejenigen leisten, die bereit sind, sich als Mensch unter Gott zu sehen. Alle anderen werden weiterhin mit Forderungen zufrieden sein. Aber - machen wir uns nichts vor - jedes Eingeständnis seitens der Kirche wird immer irgendwo auf Leute stoßen, denen es nicht weit genug ging und die sogleich den nächsten Katalog mit Forderungen produzieren.

Und noch etwas: Einst hat Gott den Menschen nach seinem Abbild geschaffen. Je mehr wir jetzt hingehen, um Gott nach unseren Wünschen zu schaffen, desto mehr geben wir den Atheisten recht, die behaupten, Gott sei eine Erfindung des Menschen.

Kommentare:

Jorge hat gesagt…

Deine Schlussfrage finde ich hoch spannend.

Erinnert mich an die Replik G.L. Müllers (in den StdZ 6/2012, S. 374-385) auf die Thesen von Georg Kraus (damals gings um Frauenordination, Kraus vertrat da eine Art "Freigeisthäresie", die eine Weiterentwicklung im Sinne weiblicher Priester erlaube; das Thema spielt aber für den Gedanken hier keine Rolle).

O-Ton Müller: "Würde man die Formulierung der Bedingungen, unter denen Offenbarungslehren und Bekenntnisaussagen der Kirche wahr sind, der letztverbindlichen Erklärungsinstanz nichttheologischer Wissenschaften, Philosophien, Gesellschaftstheorien oder ideologisch begründeter Menschen- und Weltbilder überlassen, dann würde nicht die Wahrheit Gottes das menschliche Denken regieren und korrigieren, sondern das menschliche Denken würde umgekehrt über die Offenbarung als sein eigenes Produkt verfügen. Keine einzige Glaubenslehre vom personalen Gott, der Trinität, der Inkarnation, der eschatologischen Geistsendung, der Sakramentalität der Kirche in Christus bis zur Erschaffung des Menschen nach Gottes Bild als Mann und Frau könnte vor dem Projektionsverdacht in Schutz genommen werden." (ebda. S. 378)

Das ist natürlich schnöder Fideismus. Weil es keine rationalen Argumente gegen Feuerbach gibt, könnte er recht haben. Weil er nicht recht haben darf, sollten wir gar nicht mehr rational argumentieren und einfach vorgegebene "Wahrheiten" glauben, ohne sie in Frage zu stellen. Klasse! Da war J. Ratzinger allerdings schon in der "Einführung" weiter.

Wenn du auch erfundene Märchen glauben darfst, ohne sie rational begründen zu müssen, kannst du letztlich auch Salafist oder Spaghettimonsteraner werden. Mit dem Argument punktete schon der sel. Lullus in seinem Gleichnis vom Missionar und dem Mohammedanerkönig. Ob man sagt "Die Bibel hat immer Recht" oder "Das Lehramt hat immer Recht" (oder "Die Partei hat immer Recht" oder "Die Scharia hat immer Recht") kommt sich ja gleich, wenn man den Verstand dabei ausschaltet.

Ich finde diese Frage deswegen gerade heute so wichtig, weil alle heute modernen religiösen Irrlehren (vom Islamismus über den Biblizismus bis zum Traditionalismus), die sich so verhängnisvoll auswirken und dem militanten Atheismus das argumentative Futter für seine Pauschalverurteilung der Religion als "Quatsch" liefern, auf solchen fideistischen Grundentscheidungen (Glauben wider besseres Wissen) beruhen.

Alipius hat gesagt…

Das ist richtig.

Ich sprach allerdings in meinem letzten Satz absichtlich von "Wünschen" und nicht vom "Verstand" der Menschen. Nicht, weil ich denke, daß Intellekt und Wille nicht zusammenarbeiten können oder müssen, sondern weil ich erkenne, wie sehr der auf die göttliche Offenbarung anzuwendende Intellekt manchmal den Wünschen untergeordnet wird.

Kein vernünftiger Mensch will reinen Fideismus, alleine schon deshalb, weil's zu langweilig wäre.

Heute sehe ich manchmal eine Art umgekehrten Fideismus, in dem unbedingt an die individuellen Bedürfnisse geglaubt wird, und dieser Glaube die mit Verstand und Wissen greifbaren Inhalte der offenbarten göttlichen Wahrheit zu übertrumpfen hat.

Natürlich sättigen sich die militanten Atheisten an religiösen Irrlehren. Wir müssen die Speisekarte also nicht noch um eine weitere Irrlehre erweitern, welche besagt, daß Gott einzig das ist, was der Mensch aus ihm macht.

Anonym hat gesagt…

Der ästaraichische Rotfunk hat mit bekannter Sachkompetenz wieder zu- oder eher danebengeschlagen ...

Zwetschgenkrampus

Anonym hat gesagt…

Ich glaube, nach jahrelangen Diskussionen mit diesem und jenem, dass sich die Menschen nicht von der Kirche abwenden, weil sie ein Problem mit den kirchlichen Regeln zum Thema Sexualität haben. Die Regeln sind ihnen eh wurschtegal und sie machen, was sie für richtig halten - die sind, außer für ganz wenige, kein Aufreger.
Sie wenden sich von der Kirche ab, weil sie die Kirche nicht für relevant halten; sie halten die Botschaft der Kirche in Puncto Gott und Seele nicht für relevant (wohl aber ihre Botschaft im karitativen und sozialen Bereich), und die Art der Gottesverehrung erscheint ihnen unspannend und altbacken. Das ist zumindest das, was ich so mitkriege.
Das heißt nicht, dass die Leute uninteressiert an sprituellen Fragen wären - sie halten nur die Antwort der Kirche für falsch oder ungenügend, oder sie reicht ihnen nicht, oder sie hören sie nicht. Angesichts der Situation is eher sekundär, was die Kirche über Sex sagt. Das ist so, wie wenn ich weise Worte über Fußballabseits sagen würde - nett, aber offensichtlich mit wenig Grundlagenwissen, unspannend in der Vermittlung und letztlich für die Zuhörer irrelevant.

Jorge hat gesagt…

Wir müssen wieder an die Essenz dessen zurück, was es bedeutet, Mensch unter Gott zu sein.

Den Satz sollte man unterstreichen. Es ist der Wunsch, das Salz in der Suppe zu sein. Wer es überzeugend vorlebt und vertreten kann, weil er selbst mit und unter Gott lebt, dem wird nach meiner Erfahrung auch zugehört, sogar von den kuriosesten Gestalten, denen man eine Gottesbeziehung auf den ersten Blick gar nicht zutraut.

Selbstreferenzielle Debatten über Sex stören dabei mehr als sie helfen, dgl. die vielen Missverständnisse von Leuten, die das Christentum als eine Art Heilsversprechen für sich selbst betrachten. Wer meint, er müsse Christ sein, um seine Seele zu retten, hat es ja im Grunde schon verbockt. Meist geht ja gerade dieser Fehler mit einer besonders sittenstrengen Sexualmoral einher, weil sexueller Asketismus so eine heilsegoistische Haltung am besten bestärkt. Ebenso wie umgekehrt die sexuelle Ausschweifung und Fixierung des ganzen Lebens auf sexuellen Genuss quasi die Reinstform des Egoismus verkörpern. Das liegt wohl in der Natur des Menschen. Ist auch kein modernes Problem, sondern dieser Konflikt prägte die Kirche von Anfang an.
Beim Christsein geht es immer darum, Jünger zu werden und die Welt zu retten, nicht sich selber. Christ ist man nur für andere. Auch das gesamte innerliche geistliche Leben eines Christen (Kontemplation und so) zielt ja auf Weltumarmung und Weltrettung, nicht aufs eigene Wohlfühlen. Nicht einmal die reine Gottesschau ist egoistisch. Das ist das Geheimnis der Trinität.

Alipius hat gesagt…

"... dem wird nach meiner Erfahrung auch zugehört,..."

Mir scheint es, als seien die Menschen grundsätzlich eher bereit, einem anderen Menschen zuzuhören als einer Institution. Ich kann im persönlichen Gespräch mit skeptischen, kritischen, agnostischen und auch atheistischen Leuten Standpunkte versöhnlich und durchaus auch glaubwürdig vertreten, die der Vatikan so eben nicht vertreten kann, obwohl die Standpunkte inhaltlich gleich sind. Das liegt vielleicht daran, daß die Leute denken, einem Priesterchen könne man ja mal zuhören und beipflichten, weil es ja eben nur ein Priesterchen und nicht der Vatikan ist.

"Beim Christsein geht es immer darum, Jünger zu werden und die Welt zu retten, nicht sich selber." Der Satz ist gut. Da schwingt so ein wenig mit vom Unterschied zwischen der Furcht des Sklaven und der Furcht des Sohnes, welchen ich immer gerne betone.