Dienstag, 21. Oktober 2014

390b

"Alle gamachten lutherischen nebensprüng müssen beseitigt werden..."

So verfügte es entsetzt Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn, als sich herausstellte, daß der repräsentative Neubau der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen einer ziemlichen Verhunzung entgegenschritt.

Folgendes war geschehen: Im Jahre 1735 hatte Schönborn dem Abt des für Vierzehnheiligen zuständigen Klosters Langheim die Erlaubnis zum Neubau gegeben. Der Abt erteilte dem von ihm wegen seines eher preiswerten Baustiles favorisierten Architekten Gottfried Heinrich Krohne den Bauauftrag, wurde aber vom Fürstbischof überstimmt, der einen Plan Balthasar Neumanns vorzog. Krohne erhielt nun die Bauleitung nach Neumanns Plänen.

Wahrscheinlich um teure Planierungsarbeiten zu umgehen verrückte Krohne den Bau ein Stück weit nach Osten. Krohne, ein Protestant, war mit dem katholischen Wallfahrtswesen und den besonderen Anforderungen, welche dieses an Kirchen stellt, nicht sonderlich vertraut, weswegen es ihm möglicherweise gar nicht auffiel, daß durch seine Änderung die für die Wallfahrer zur Verfügung stehende Fläche kleiner wurde, nur für ca die Hälfte der Pilger überhaupt ein Blick auf den Gnadenaltar möglich war und für umherziehende Prozessionen überhaupt kein Platz mehr vorhanden war. Denn durch das Verrücken der Kirche war der - selbstverständlich unverrückbare - Gnadenort des Wunders plötzlich von der Vierung ins Langhaus gerutscht. Panik brach aus, und Balthasar Neumann wurde nun vom Fürstbischof persönlich beauftragt, den Bau "nach dem wahren katholischen Erfordernuss gantz zu machen".

Finanziell war an einen Abriß der bereits stehenden Außenmauern nicht zu denken. So nahm Neumann das Bestehende als Grundlage und zauberte ab 1744 darauf jene wundersame Kirche, die auf so eizigartige Weise feierlich und leicht, majestätisch und luftig, würdevoll und lichtdurchflutet dasteht.

Zum besseren Verständnis hier ein Grundriß der Kirche:


Wie Ihr seht, hat Neumann um den Gnadenaltar (Mitte) die gesamte Kirche in Kreise und Ovale aufgeteilt und - um den notwendigen Platz zu schaffen - einfach alles so weit wie möglich an die Außenmauern herangedrängt. Jetzt war nicht nur der Blick auf den Gnadenaltar frei, sondern es war auch ausreichend Platz für Prozessionen entstanden.

Die Kirche hat Säkularisation, Wallfahrtsverbot, Brand nach Blitzeinschlag und de-barockisierende Umgestaltungen überstanden und ist nach den Renovierungsarbeiten des 20. Jahrhunderts, die wieder näher an Neumanns Plan heranrückten, auch heute eines der großen spätbarocken Schmuckstücke überhaupt.

1 Kommentar:

Hedda Giese hat gesagt…

Schöner Zufall, hab heute früh nämlich länger drüber nachgedacht, ob wir nicht einen Ausflug nach Vierzehnheiligen machen könnten am Wochenende. Mal sehen, ob das organisierbar ist.