Donnerstag, 16. Oktober 2014

395.

Die Musik, mit der ich groß wurde und die bei mir blieb...

Auf facebook wurde ich nominiert, zehn Alben aufzulisten, die mein Leben geprägt haben. Ich verstehe das jetzt mal so: 10 Alben, die mich beim ersten Hören weggeblasen haben und die ich auch heute noch gerne mal auflege. Weil die Begründungen etwas ausführlicher werden, poste ich auf facebook nur die Alben und den Rest hier. Ich liste die Alben chronologisch auf, allerdings nicht nach Erscheinungsdatum (das steht in der Klammer hinter dem jeweiligen Album) sondern in der Reihenfolge, wie ich mir die Scheiben zu gelegt habe. Los geht's...

1.) Orchestral Manoeuvres in the Dark - Orchestral Manoeuvres in the Dark (1980): Das muß so ungefähr das dritte oder vierte Album gewesen sein, welches ich mir selbst gekauft habe. Ich war damals, Anfang der 80er, musikalisch sowas von New Wave und Synthie und Drum Machine, das es eigentlich schon nicht mehr schön war. Ich spielte sogar als Teenie für einige Jahre in einer "Wir wären so gerne Depeche Mode"-Synthie Combo, was rückblickend total cool war. Wir hatten nur ein einziges legitimes Konzert im Düsseldorfer ZACK, aber das war nur genial, weil wir lediglich die Vorgruppe waren für irgendwas Langweilig-Seriöses (also so mit Gitarre und Bass und Schlagzeug und Leuten, die wirklich spielen konnten), aber zum Konzert eigentlich nur unsere Schule und unser Freundeskreis gekommen war, so daß die Halle bebte, während wir spielten und danach eher grauburgunderschlürfende Ingeborg-Bachmann-Preisigkeit herrschte. Jedenfalls: Das Debut-Album von OMD war für mich eine echte Offenbarung. Ich hatte kurz vorher "Speak and Spell" von Depeche Mode kennengelernt und mich in kleine, fiepsende, brummende, blubbernde Synthesizer verliebt. "Orchestral Manoeuvres in the Dark" nahm diese Begeisterung auf und lenkte sie in die Richtung des freakigen New Waves, der völlig ungerührt angepunkte SciFi-Synthie-Schrägheit ("Bunker Soldiers"), schnörkellosen Pop ("Elcetricity"), Bossanova-Opern ("Julia's Song"), bizzarre Einweg-Plastikwerke ("Dancing") und schnulzende Herzensregungen ("Almost") miteinander vermischte. Damals waren OMD noch meilenweit von der Massentauglichkeit entfernt, und sie waren nie unabhängiger oder anarchischer.

2.) Depeche Mode - A broken Frame (1982): Wie oben bereits gesagt war "Speak and Spell" das Album, das mich Synthie-mäßig brachialst angefixt hat. Das etwas wärmere, etwas dunklere, etwas reifere zweite Album "A broken Frame" ist allerdings die Scheibe, die mich nach ihrem Erscheinen so richtig in den Bann zog und dazu auch das einzige Album von Depeche Mode, welches ich heute noch von Anfang bis Ende durchhören kann. Selten klang reine Synthesizer-Musik so unabweisend wie z.B. in den Songs "Leave in Silence", "See You" und "The Sun and the Rainfall". Poppiges Wegwerfgut ist ebenso dabei ("A Photograph of You", "The Meaning of Love") wie unerwartet Versuche in später nie wieder betretenes Terrain ("Sattelite", "Shouldn't have done that").

3.) Simple Minds - Empires and Dance - (1980): Nach der Synthie-Phase stürzte ich mich Hals über Kopf in die Gotik. The Cure war streng genommen die Band, die mich in den 80ern am fettesten beeinfluß hat, nicht nur musikalisch, sondern auch modisch. Parallel zu den Obergrufties hörte ich für lange Zeit eigentlich so richtig intensiv nur noch Simple Minds. Just als deren Meisterwerk "New Gold Dream" erschien (1982), war ich total auf ihr drittes Album "Empires and Dance" fixiert. Dieses Hin und Her zwischen groovigen, scheppernden Pop-Perlen wie "I Travel" oder "Thirty Frames a Second", monoton-mysteriösen Opern wie "This Fear of Gods" oder "Capital City" und wtf-igen Spielereien wie "Twist/Run/Repulsion" hielt mich ganz fest im Schraubstock und ließ mich lange Zeit nicht mehr los. Eigentlich bis heute nicht, da ich die Scheibe immer noch hoch schätze.

4.) Lloyd Cole and the Commotions - Rattlesnakes (1984): Vom Sinthie-Pop gelangte ich über den Goth dann zu eher gitarrenlastigem Pop. Hier war die eine meiner ersten beiden großen Lieben die Band Lloyd Cole and the Commotions, deren Debut-Album "Rattlesnakes" von mir verschlungen wurde wie die Atemluft beim Sommerschlußverkauf. Der Erwachsenen-Gitarren-Pop, der oft so unwiderstehlich gut gelaunt daherkam, und dessen Texte unter der Oberfläche manchmal so bedrohlich ätzten, das war ganz große Kunst, die einen echten Eindruck hinterließ und dem guten Lloyd Cole so viele Credits einbrachte, daß ich ihm auch während seiner späteren Solo-Karriere treu blieb. Zehn perfekte (oder annähernd perfekte) Pop-Songs in einem Album mit weniger als 36 Minuten Länge unterzubringen und dabei Jangle-Pop definierende Augenblicke wie "Forest Fire", "Perfect Skin" oder "Charlotte Street" einzubauen, das ist die Leistung, die "Rattlesnakes" zu einem der bemerkenswertesten Debut-Alben der 80er macht.

5.) The Smiths - The Smiths (1984): Die zweite große Liebe aus der Gitarren-Pop-Ecke mußten natürlich die Schmitzens sein! Deren Debut-Album "The Smiths" (mir fällt auf, daß hier viele Debut-Alben in der Liste stehen) war anderthalb Sekunden nach Erscheinen der gemeinsame Nenner, auf dem sich - zumindest bei mir an der Schule - so ziemlich alle wiederfanden, die nicht grade auf Whitesnake oder Boney M abfuhren. Da standen auf Parties Punks friedlich vereint mit Poppern, Mods, Goten, Dopeheads und New Wavern vereint herum und starrten entweder auf ihre Schuhspitzen ("Suffer Little Children"), pogten herum ("Still Ill"), machten diesen komischen 80er New-Wave-Tanz ("What Differende does it make?"), wiegten sich mit geschlossenen Augen in den Hüften ("I don't owe You anything") oder schmachteten in Boxennähe leicht headbangend ab ("This Charming Man"). Rasend neu und genial fanden wir alle diese Smiths, zumal die Themen der Songs wie z.B. Mordlust, Sterben für die große Liebe, Irgendwie-total-nicht-verstanden-werden und zynisches Abrechnen mit den großen Enttäuschungen des Lebens uns 16-Jährigen mehr als gut reinliefen.

6.) Cocteau Twins - Head over Heels (1983): In dieser Phase meines Plattenkauf-Daseins begannen die Stile, mit denen ich groß wurde und die mich prägten, ihren Einfluß zu verlieren, so daß ich mich nach neuem Futter umsah, dabei aber in den Grenzen meiner alten Lieben zwangsläufig auf ganz bestimmte Bands aufmerksam wurde. Die Cocteau Twins kannte ich schon, seit ich sie 1982 im Vorprogamm von OMD live sah. Damals fand ich sie zwar supercool (weil sie mit einem Gitarristen und einem Bassisten und einer Sängerin dastanden, aber die Drums aus der Dose kamen), verlor sie aber erst einmal wieder aus den Augen... oder vielleicht eher aus den Ohren. Ich legte mir dann 1984 ihr Album "Treasure" zu, welches mir extrem gut gefiel, so daß ich mich bald darauf auf frühere Veröffentlichungen stürzte. So fand ich "Head over Heels", das Cocteau Twins-Album, welches meiner Meinung nach ihr größter Wurf ist und welches auch heute noch absolute Güligkeit besitzt. Die Gesamtrichtung ist schon irgendwie gotisch, aber die Songs sind teilweise so quirky, teilweise so mitreißend, teilweise so anders als alles andere, daß man die Scheibe streng genommen eigentlich gar nicht kategorisieren darf. Die Stücke "When Mama was Moth", "In Our Angelhood", "Multifoiled" und "Musette and Drums" als Song-Quartett bieten einen ziemlich guten Einblick in ein Gesamtwerk, welche einerseits durch die wenigen verwendeten Instrumente monoton wirkt, andererseits aber unzählige Ideen hat, die sonst nur wenige Leute ins Tonstudio mitgebracht haben.

7.) Throwing Muses - Throwing Muses (1986): Und schon wieder ein Debut-Album! Diese Scheibe ist eine der wenigen, die ich mir einfach nur deswegen zulegte, weil der Name der Band immer wieder mal im Zusammenhang mit anderen Combos auftauchte, die ich knorke fand. Also dachte ich mir 'Riskierst Du's einfach mal...', und ich wurde nicht enttäuscht. Die an manisch-depressiven Störungen leidende Kristin Hersh hat mit ihrer sonnigen Stiefschwester Tany Donelly (später Breeders und Belly) und den Mitmuckern David Narcizo und Leslie Langston ein Album geschaffen, auf dem sie glasklar demonstriert, daß sie sich ihrer Qualen bewußt ist, ohne dabei irgendwie prätentiös hausieren zu gehen. Die wilden Stimmungsschwankungen (oft mitten in den Liedern) und die brachiale Gewalt, die sich mit unendlicher Verletzlichkeit abwechselt, tragen zu einem Gesamtbild bei, welches gleichzeitig ein wenig erschreckend aber auch explosiv, energiegeladen, schwärmerisch, schön und einzigartig ist. Keiner der Songs ist einfach zu verstehen, aber jede einzelne Note ist einfach zu spüren, sei es auf Postpunk-Energiebomben wie "Call me" und "Vicky's Box", Seelenschälern wie "Hate my Way" und "Delicate Cutters" oder dem spaßig-wilden Folkabilly-Gemetzel "Rabbit's Dying". Einzig "Green" fällt mit seiner vergleichsweise eingängigen Lieblichkeit etwas aus dem Rahmen. Der Song wurde allerdings als Einziger auch nicht von Hersh sondern von Donelly geschrieben, die also damals schon zeigte, daß sie die gradlinigere Komponistin ist, was sie dann ja mit Belly und ihren Solo-Alben noch unterstrich. Das Debut-Album der Wurfmusen steht heute noch auf meiner Hörempfehlungs-Liste ganz weit oben, ist aber wirklich nur geeignet für Leute, die sich auch etwas trauen.

8.) The Chameleons - Strange Times (1986): Die Post-Punks von den Chameleons haben mit "Strange Times" wohl ihr definitives Statement abgeliefert. Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Scheibe verstarb der Bandmanager Tony Fletcher, was zur Auflösung der Band führte. Zwar reformierten sich die Chameleons 2000 wieder für drei Jahre, aber das Material aus dieser Zeit reicht nicht mehr an das heran, was sie in den 80ern veröffentlichten. "Strange Times" zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihrer Songwriterlust und Spielfreude. Insgesamt gehört die Scheibe wohl in die leicht angegothte Post-Punk-Gitarrenrock-Schublade. Aber es ist eben keine handelsübliche Platte, weil so gut wie jeder Song annähernd perfekt ist (mit den Ausnahmen "Swamp Thing", "Tears" und "Caution", welche komplett perfekt sind). Das Gute an dem Album ist, daß die Chameleons sich offenbar der simplen Klassifizierung als Rockband entziehen wollen. Das mag krampfhaft klingen, aber es funktioniert, weil plötzlich Ideen auftauchen, die sich nicht erst höflich vorstellen, sondern mit der Türe ins Haus fallen. Die Emotionen werden nicht im Zaum gehalten, die Instrumente zeigen nicht nur, was sie dürfen, sondern oft auch, was sie können und die Kompositionen sind einerseits absolut massentauglich aber andererseits auch kreativ genug, um auch nach fast dreißig Jahren nicht öde zu klingen.

9.) The Nits - Urk (1989): Die besten Niederländer aller Zeiten haben mit ihrem Live-Album "Urk" einen echten Klassiker abgeliefert. Songmäßig ist alles dabei, was Rang und Namen hat, von den wenigen wirklich bekannten Hits ("J.O.S. Days", "Nescio" und "In the Dutch Mountains") über die melancholischen Träumereien ("The Swimmer", "Two Skaters", "The Dream", "Dapper Street") bis hin zu den schrägen Zuckungen ("Port of Amsterdam", "Bike in Head", "Mountain Jan") ist alles dabei, was reingehört, oft in neuen, überraschenden Arrangements.

10.) Stereolab - Mars Audiac Quintet (1994): Das einzige Album dieser Liste, welche sich mir nicht in den 80ern zulegte. Stereolab ist eine meiner absoluten Lieblingsbands und "Mars Audiac Quintet" ist das Album, durch das ich so richtig mit der Band warm wurde. Das Werk hängt irgendwo zwischen den eher rockigen Anfängen und dem späteren Zerebralgefrickel der Gruppe. Hier werden die Krautrock-Wurzeln zwar nicht geleugnet, aber sie werden in ein eingängiges, manchmal zuckerpoppiges, machmal monoton-brummendes Umfeld eingebettet, in dem geschichtete Komplexität ("New Orthophony") ebenso einen Platz findet, wie Farfisa-Minimalismus ("Anamorphose") und Ab-nach-vorne Gerocke ("Transporte Sans Bouger") und hüpfender Mitsingpop ("Ping Pong").

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