Dienstag, 14. Oktober 2014

397.

Dogma/Barmherzigkeit

Der Zwischenbericht der Bischofssynode im Vatikan zur Familienpastoral ist raus, und manche Beobachter sehen in den dort zu findenden Sätzen bereits ein "pastorales Erdbeben".

Ein Erdbeben ist es sicherlich, aber vorerst noch ein mediales. Die MSM schnappen sich die entsprechenden Auszüge aus dem Dokument und rennen wild jubeld damit los, bis sie im Bett des nächsten Lebensabschnittspartners landen. Auf der anderen Seite sieht die Wagenburg bereits das "Schisma". Es ist in der Natur dieser Stimmen festgelegt, daß sie in der Debatte die lautesten sind.

Irgendwo dazwischen gibt es natürlich auch nachdenklichere, leisere Stimmen, die sich durchaus bewußt sind, daß zwischen Schwarz und Weiß ein grauer Nebel liegt, in dem man leicht Gefahr läuft, sich auf ein "Sowohl... als auch..."-Eis zu begeben, welches sehr dünn ist.

Selbstverständlich sind die extremen Positionen die einfachen. Und zwar für diejenigen, die sie vertreten. Wenn man diese extremen Positionen einmal mit "Dogma" und "Barmherzigkeit" bezeichnen möchte, so liegt dazwischen ein barmherziger Dogmatismus oder eine dogmatische Barmherzigkeit. Wie auch immer das Mischungsverhältnis sein mag, eines ist sicher: Für die "Welt" klingt "Dogma" in erster Linie nach "Kirche" (ist also böse), während "Barmherzigkeit" erst einmal nach "Jesus" klingt (ergo gut ist).

Es muß also ein Weg gefunden werden, der Welt klarzumachen, daß die Barmherzigkeit nicht ohne Bedingungen kommt und daß das Dogma nicht um seiner selbst Willen existiert.

Wo man ansetzt, um diesen Weg zu finden und verständlich zu beschreiben, das wüßte ich auch ganz gerne.

Sicher ist für mich dies: Menschen treffen Entscheidungen. Entscheidungen sind nicht immer richtig. Es wäre Wahnsinn, eine Kirche zu schaffen, in der niemand aufgrund falscher Entscheidungen entsprechende Konsequenzen spürt.

Sicher ist auch: Menschen haben Bedürfnisse. Bedürfnisse sind nicht immer erfüllbar. Es wäre Wahnsinn, eine Kirche zu schaffen, in der das Wort "Bedürfnis" gleichgesetzt wird mit der Definition "Etwas, das Du auf jeden Fall haben kannst".

Sicher ist weiterhin: Menschen geben Versprechen. Versprechen werden manchmal gebrochen. Es wäre Wahnsinn, eine Kirche zu schaffen, in der gebrochene Versprechen ein Laufsteg sind, auf dem man durch's Leben schreitet und kein Kreuz, welches man zu tragen hat.

Sicher ist schließlich: Menschen erleiden Verletzungen. Verletzungen können geheilt werden. Es wäre Wahnsinn, eine Kirche zu schaffen, in der man die Menschen glauben macht, daß man nicht einmal nach Heilmethoden für bestimmte Verletzungen suchen will.

Die Ehe ist nach katholischer Lehre unauflösbar. An dieser Lehre zu rütteln halte ich für gefährlich. Das Wissen um und das Verständnis von der Ehe als Sakrament ist bei der Mehrheit der Erwachsenen, die ich kenne, abgrundtief unvorhanden. Dieses Wissen zu vermehren, halte ich für verantwortungsvoll. Die Sehnsucht verletzter Menschen nach Versöhnung und innerem Frieden ist stark. Diese Sehnsucht nicht ernst zu nehmen, halte ich für unchristlich.

Irgendwo vermuten die in Rom tagenden Bischöfe nun ein Hilfmsittel, mit dem sich dieser Knoten lösen läßt. Ich beneide die Herren nicht, wünsche mir aber, daß sie weniger auf Alexander und sein Schwert schielen werden, sondern eher auf Maria, die Knotenlöserin.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Volle Zustimmung.
Und ein Blick auf den barmherzigen Jesus:
Er war immer barmherzig - weil Barmherzigkeit immer gebraucht wird.
Er hat immer Sünde als Sünde bezeichnet - und nicht als irgendwas Gleichgültiges, wofür Barmherzigkeit nicht notwendig wäre.

Er hat der Ehebrecherin nicht gesagt, "Is schon gut, mach einfach weiter", sondern "Sündige ab jetzt nicht mehr".

Smilodon hat gesagt…

Wobei man vielleicht die Leute auch etwas heftiger über die Natur von Dogmen informieren sollte. Nämlich speziell darüber, dass Dogmen ja nichts sind, was dem Kirchenvolk von "denen da oben" aufs Aug gedrückt worden ist, sondern etwas, was eigentlich "von unten" kommt. Etwas, was schon längst zum allgemeinen Glaubensgut gehört, wird dann zum Dogma, wenn von oben der offizielle Sanctus dazu kommt.
Das aktuellste Beispiel dafür: Das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel (1950). Das Fest "Mariä Himmelfahrt" wird von den meisten Christen schon seit eineinhalb Jahrtausenden begeistert gefeiert. Ich habe meine Mutter einmal gefragt, wie das damals war, als dieser Glaubensinhalt dogmatisiert wurde. Ihre Antwort: erstens haben wir das gar nicht so mitgekriegt, es hatten nur wenige Leute ein Radio und Fernsehen gab es gar nicht. Und wenn wir es mitgekriegt hätten, dann hätten wir uns sehr gewundert, dass man das als Katholik erst ab jetzt glauben muss, weil wir haben es ja schon immer geglaubt.

Monika hat gesagt…

daß die Barmherzigkeit nicht ohne Bedingungen kommt und daß das Dogma nicht um seiner selbst Willen existiert.
Zum zweiten Teil volle Zustimmung. Doch ich glaube, daß Bedingungen Barmherzigkeit kaputt machen. Es fragt sich jetzt, von welcher Barmherzigkeit Du sprichst:

Von der Barmherzigkeit, die man gibt? Dann machen die Bedingungen daraus Sozailarbeit. Was nichts Schlechtes ist, eben nur keine Barmherzigkeit.

Von der Barmherzigkeit, die man bekommt? Da gilt obiges genauso.

Von der Barmherzigkeit, die man erwartet? Da ist es ganz nützlich, zu behaupten, daß man Bedingungen erfüllen muß. Denn Barmherzigkeit kann man nicht einfordern. Und wenn man selbst Dinge tut, um sein Leben wieder in Ordnung zu bringen, ist auf jeden Fall etwas geschehen.

Von der Barmherzigkeit Jesu? Ich hoffe doch nicht, daß Du unterstellst, die Barmherzigkeit Gottes wäre an Bedingungen geknüpft.

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Die Ehe ist nach katholischer Lehre unauflösbar
Da laß ich Leute sprechen, die sich tiefgreifender damit beschäftigt haben: "Dennoch ist es möglich, dass eine Ehe faktisch so zerstört wird, dass sie zu bestehen aufhört" Zitat aus http://peter-knauer.de/unaufloeslichkeit.doc - aber dieses Zitat nur als Appetithäppchen, die ganze Argumentation sollte gelesen werden.

Es ist leider nicht so einfach, daß man Dogmen als Leitlinien hernehmen kann, um ganz allgemein andere zu beurteilen.

Alipius hat gesagt…

Die Bedingung ist, daß man um Gottes Barmherzigkeit bitten muß. Dies kann man glaubwürdig aber nur tun, wenn man Reue zeigt, Buße tut und einen Willen zur Umkehr erkennen läßt.

Den Knauer werde ich lesen, wenn ich Zeit habe.

Anonym hat gesagt…

Schön, dieser in den Augen vieler vorhandene Widerspruch zwischen Dogma/Kirche einerseits und Jesus andererseits. Das Dogma stammt aus Jesu Mund und die Kirche ist Jesu Leib.

Meine laienhafte Sicht auf die Barmherzigkeitsfrage ist diejenige, daß Er die Gebote, auch das, die Ehe ernst zu nehmen, uns Menschen aus Barmherzigkeit gegeben hat. Unter Menschen, die diese Gebote einhalten, lebt es sich angenehmer als unter Menschen, die sie nicht einhalten.Bei manchen Geboten springt das nicht so ins Auge wie bei dem Verbot zu töten oder dem zu stehlen. Wer den Sinn eines Gebotes nicht versteht, möge doch aber darauf vertrauen, daß unser Schöpfer und jahrtausendelanger Begleiter uns besser kennt als wir selbst und besser weiß, was gut für uns ist.
Zur Unauflöslichkeit der Ehe gehen mir immer vier Dinge durch den Kopf:
- Psychologen sagen, daß Depressionen auf dem Vormarsch sind, Volkskrankheit Nummer 1 zu werden. Als Grund dafür wird die zunehmende Zukuntsangst durch zunehmender Ungewißheit zukünftiger Entwicklungen im eigenen Leben angeführt, anders gesagt: daß im Leben auf nichts mehr Verlaß ist; auf den Bestand des Arbeitsplatzes nicht, auf den Bestand der Ehe/Familie nicht (um nur die wichtigsten Faktoren zu nennen).
- Wir können nur mit dem Barmherzigkeit üben, das uns gehört, mit unserem Geld, unserer Zeit etc. Wir zur Bekämpfung materieller Armut nicht über Güter verfügen, die uns nicht gehören. Genausowenig können wir "aus Barmherzigkeit" über die Kirche und Leib und Blut Jesu Christi verfügen. Es gibt Formen der Barmherzigkeit, die wir GOtt überlassen dürfen und sollten.
- Es ist kein Ehebruch, bei untragbaren Zuständen oder, nachdem der Ehegatte einen verlassen hat, vom Ehegatten getrennt zu leben, wenn man nur anerkennt, daß er weiterhin der Ehegatte ist und bleibt, solange er lebt, und sich keinen neuen findet. Wenn man, sobald man ehebrüchig wird, sogleich nicht mehr die heilige Kommunion empfängt, wird einen das schon ermahnen, über die Prioritäten nachzudenken und neue Beziehungen von Anfang an auf einer keuschen Basis halten (- wenn einem das nicht gelingt, dürfte man sich, wenn alle die Voraussetzungen für den Empfang der Kommunion ernst nähmen nicht sonderlich ausgegrenzt fühlen, wenn man gemeinsam mit einem nicht unerheblichen Teil der Gemeinde nur noch geistig kommunizieren darf).
- Meiner Ansicht und Beobachtung nach geht man in einer von beiden Teilen als unauflöslich empfundenen Ehe von vornherein ganz anders, vorsichtiger, miteinander um als in Paarbeziehungen, bei denen die Beteiligten im Hinterkopf haben, daß sie die Beziehung jederzeit beenden können, wenn sie ihnen keinen Spaß mehr macht.
Viele Grüße
ein Gutmensch

Anonym hat gesagt…

Er hat aber auch gesagt: "Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Und wie ist es, wenn jemand nicht Ehebruch begangen hat, sondern die Ehe ist gescheitert, er wurde verlassen, und findet dann einen neuen Partner? Vielleicht einen, der endlich ähnliche religiöse Überzeugungen hat? Mit dem man endlich gemeinsam glauben und beten kann?
Ich finde es gut, wenn Kirche klare Richtlinien gibt. Ich sehe es so, dass sie recht hat wenn sie die Unauflösbarkeit der Ehe fordert. Aber Menschen die sich einander versprechen können Fehler machen. Sie können sich irren. Genauso wie bei der Wahl der Freunde, des Berufes, des Arbeitsplatzes, des Wohnortes - ja, der Vergleich hinkt, aber es ist nun mal so. Gerade wenn es um das religiöse Miteinander geht, kann man sich ganz arg irren.

Anonym hat gesagt…

Das sind sehr gute und treffende Worte. Der springende Punkt ist, wie Sie sagen, dass alle die Voraussetzungen für den Empfang der Kommunion und damit auch die Unauflöslichkeit der Ehe ernst nehmen. Überhaupt dass die Sakramente ernst genommen werden. Und DAFÜR die Voraussetzung ist intensive religiöse Erziehung von Anfang an. Da müssen die Eltern mitmachen, aber auch die Kirche. Sie muss begeistern, so dass junge Menschen voller Begeisterung für den Glauben die Ehe eingehen. Aber ist das heute so? Ich kenne so viele, die bekommen von zuhause kein Jota an Glauben mit. Und die Kirche holt sie nicht ab. sie haben eine unbestimmte Sehnsucht nach Halt und nach ewiger Liebe und Treue und geben sich das Versprechen - voll Begeisterung über den schönen Brauch, durch den sie im Mittelpunkt stehen. Aber der wahre Glaube fehlt, wurde ihnen nie vorgelebt. Im Gegenteil: Das Gegenteil wird vorgelebt! Und wenn sie Hoffnung haben, sich bei einem Priester aussprechen zu können, sind sie oft auf dem Holzweg. Die haben keine Zeit, das wird einem immer wieder vermittelt. Die Pfarreien werden immer größer. Kleine Kirchen werden geschlossen. Feiern der Heiligen Messe finden nicht mehr statt. Ich zum Beispiel will nicht einen von Laien gefeierten Gottesdienst mit Kommunionausteilung. Dann kann ich auch zu irgendeinem Kumpel gehen, mich ausquatschen. Das hat noch den Vorteil, dass ich dabei einen Kaffee trinken kann. Ich will einen geweihten Stellvertreter Gottes. Wenn ich den nicht mehr kriegen kann, dann brauche ich es auch mit den Sakramenten nicht so genau zu nehmen.
Grüße
Anonym 2

Monika hat gesagt…

Aber das bestimmt doch kein Mensch. Wann man von Herzen bittet, kann kein Mensch sehen, in einen anderen Menschen hat noch nie einer reingekuckt.

Die Kirche kann nicht barmherzig sein. Nicht weil sie nicht wollte oder irgendwie schräg drauf ist. Nur Menschen können barmherzig sein - und Gott natürlich. Einer Organisation ist das unmöglich.

Alipius hat gesagt…

Natürlich bestimmt es kein Mensch. Aber derjenige, der um Barmherzigkeit bittet, der muß schon ein wenig wissen, was er tut und wie er es tut. Wir reden hier ja jetzt nicht ausschließlich von Menschen in Extremsituationen (z.B. auf der Schwelle des Todes). Wenn man hingeht und Gott um Barmherzigkeit bittet, ohne dabei Reue für Vergangenes und Willen zur Besserung und Wiedergutmachung zu zeigen, dann kommt man nicht weit. Die Beichte ist ja nicht dazu da, damit die Priester sich im Beichtstuhl einen ablachen können, sondern damit diejenigen, die um Barmherzigkeit bitten, einen echten, ehrlichen und tiefen Blick in sich selbst tun und vor Gott, vor sich selbst und vor einem vertrauenswürdigen Zeugen es auch aussprechen können. Die reinigende Wirkung einer solchen Prüfung inkl offener Aussprache mit anschließender Absolution sollte nicht unterschätzt werden.

Die Kirche kann durchaus barmherzig sein, wenn man ihre Natur kennt. Als mystischer Leib Christi ist die Kirche sogar streng genommen außer Gott die Einzige, die barmherzig sein kann. Natürlich nicht in dem Sinne, daß es jetzt die Kirche selbst ist, die hingeht und barmherzig ist, sondern in dem Sinne, daß durch Christus und seine Gnadengaben überhaupt nur in der Kirche die Möglichkeit zur echten Barmherzigkeit vorgezeichnet ist. Die Menschen in der Kirche sind es dann, die diese Barmherzigkeit durch Lehre und Sakramente bekannt und wirksam werden lassen müssen.