Freitag, 10. Oktober 2014

401.

Kommen Schlösser in den Himmel?

Jeder Schönborn-Bischof aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat mindestens einen Schloßbau hinterlassen, welcher ihm bei Barockfreunden einen fetten Stein im Brett einbringt: Lothar Franz ließ Schloß Weißenstein zu Pommersfelden erstehen. Dessen Neffen Johann Philipp Franz und Friedrich Carl machten die Residenz in Würzburg klar. Ein weiterer Neffe, Damian Hugo, schenkte der Nachwelt die Residenz in Bruchsal. Franz Georg baute das Schloß Schönbornslust in Kesselheim bei Koblenz.

Ich habe alle diese Schlösser natürlich bereits besucht, nur das Schloß Schönbornslust nicht, weil es das nicht mehr gibt. Schloß Schönbornslust war der letzte verwirklichte Schloßbau von Balthasar Neumann. Es wurde vom Trierer Kurfürsten und Erzbischof und Wormser Fürstbischof Franz Georg von Schönborn in Auftrag gegeben und 1752 bezogen. Aussagekräftiges Bildmaterial des Schlosses ist keines vorhanden, aber Zeitgenossen priesen es als nicht nur prächtigen, sondern auch reifen und harmonischen Bau, dessen besonderes Merkmal der Kontrast zwischen dem roten Sandstein des Mittelbaus und der gelben Fassade der Flügel war.

Franz Georg von Schönborn verstarb im Jahre 1756, konnte sich also noch vier Jahre an diesem Schloß erfreuen. Und ich kann mir durchaus denken, daß seine Nachfolger das Gebäude auch nicht verschmähten. Sicher ist, daß Clemens Wenzeslaus von Sachsen, Trierer Kurfürst von 1768 bis 1801, nach Ausbruch der Französischen Revolution den Emigranten das Schloß Schönbornslust als Zufluchtsstätte überließ. Das kam natürlich bei den Revolutionären nicht so gut an. Als die Revolutionsarmee im Jahre 1794 Koblenz angriff, stand das Schloß völlig schutzlos da. Eine Version des Untergangs lautet, daß die gesamte Anlage inklusive der Gärten, der Plastiken, der Orangerie und der Wasserspiele bei den Kampfhandlungen zerstört wurde. Eine andere Erzählweise berichtet, daß die Revolutionäre sich auf das mittlerweile entvölkerte und unbewachte Schloß stürzten und es als das verhaßte Aristokraten-Schlupfloch behandelten, welches sie nun mal zu sehen gezwungen waren. Was nicht geraubt wurde, daß wurde zertrümmert und verwüstet, bis man schließlich überall Feuer legte. Die Schloßleiche stand dann noch bis 1806 trostlos herum, bis man sie einriß.

Jetzt sagt der gesunde Menschenverstand natürlich, daß die Rechnung "Wüste Revolutionäre + prunkvolles Schloß = Zerstörungswut" eine durchaus stimmige und durch unzählige historische Vorfälle bestätigte ist, und daß man solche Vorfälle nun mal hinnehmen muß.

Meine rastlos-dämliche Schwärmerseele rechnet allerdings anders: "(Balthasar Neumann + Schönbornbischof + Schloßbau) - sinnlich erfahrbare Realität = Herzschmerz". Mir fällt es sehr schwer, so etwas einfach nur hinzunehmen, denn ich denke an all die Planung der Architekten, die Anstrengungen und die Genauigkeit der Arbeiter , die Vorfreude und die Begeisterung des Bauherrn und auch an die Unverwechselbarkeit, die ein jeder Schloßbau mitbringt.

Zu wissen, daß dieses Schloß einmal dort stand und daß ich es nicht wenigstens sehen, wenn nicht gar betreten kann, das empfinde ich weniger als persönliche Beleidigung, sondern eher als eine Art Loch im Lebenslauf und als einen eigenartig schwer wiegenden Verlust: Es könnte noch einen weiteren dieser bezaubernden Orte geben, an dem mir fleißige, kunstfertige, leidenschaftliche, schöpferische Menschen in der Vergangenheit ein paar Rosen gestreut haben. Aber leider ist dieser Ort bereits selbst schon Vergangenheit. Das wurmt, aber ich trage es mit unterschiedlich starker Fassung...

Was Franz Georg von Schönborn betrifft: Er hatte grundsätzlich mit seinen Schloßbauten wenig Glück, denn auch das unter seiner Amtszeit von Balthasar Neumann erweiterte und eingerichtete Schloß Kärlich nordöstlich von Koblenz und das ebenfalls erweiterte und veredelte bischöfliche Palais in Worms fielen den französischen Revolutionären zum Opfer.

Der schöne Neubau der Kirche St. Paulin in Trier, von Frang Georg von Schönborn aus eigenen Mitteln finanziert, steht allerdings immer noch.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Leider haben diese banausischen Revoluzzer würdige Nachfolger gefunden. Das Berliner Stadtschloss wurde auf Beschluß der SED beseitigt. Das ruinöse Schloß Charlottenburg im Westteil der Stadt sollte nach dem Willen des Senats von Berlin nützlichen Verwaltungsgebäuden weichen. Die Kunsthistorikerin Margarete Kühn hatte das Berliner Schloß nicht retten können, setzte sich aber zäh und erfolgreich für den Aufbau des Charlottenburger Schlosses ein. Auf der von der Senatskanzlei Berlin betriebenen Homepage ist das Schloss Charlottenburg selbstverständlich vorgestellt; Frau Kühns Name erscheint dort nicht. Noch Fragen?

Richelieu88 hat gesagt…

Ach ja, Schönborn und Neumann :-D

Komme jedes Mal, wenn ich nach Bruchsal komme (Zug, Auto, zu Fuß), am Schloss vorbei. Was ebenfalls von beiden stammt, ist die Kirche St. Peter, die seit den letzten Diebstählen leider permanent geschlossen ist, obwohl sich dort die Grablege der letzten Fürstbischöfe befindet :-( Und dann noch so eine tolle Innenarchitektur...

Was auch ein wenig stört: Die ganzen Neubauten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, da die Stadt fast komplett zerstört wurde. Waren zwar dringend nötig gewesen, aber stören eigentlich bis heute die barocke Bauharmonie.

Hoffentlich wird man das eines Tages wie bei der Königsberger Altstadt wieder nachholen...