Sonntag, 5. Oktober 2014

406b

Die Sterbehilfe wird kommen

Schaut Euch bitte einmal kurz die Welt an, in der wir leben. Achtet auf die Forderungen, die gestellt werden. Lauscht den Einzelschicksalen, die als Argumente herangezogen werden. Und dann sagt mir, daß sich für die Sterbehilfe keine Mehrheit finden wird.

Alles wird darauf hin zugeschnitten, daß der größtmöglichen Anzahl jener Menschen, die ihre Bedürfnisse spüren und sie in Ansprüchen formulieren können, das Leben so hindernisfrei wie möglich gestaltet wird.

Das Sterben ist das große Hindernis zwischen dem Leben und dem Tod. Und dieses Hindernis muß demnach auf ein Mindestmaß zuerchtgestutzt werden.

Die Frage ist nicht, ob die Sterbehilfe kommen wird. Die Frage ist, wie wir uns darauf vorbereiten und wie wir eine Kultur aufrechterhalten, in der die Sterbehilfe wenigstens nicht als selbstverständlich betrachtet wird.

Meine Fragen: Ist es überhaupt denkbar, daß schwer kranke und leidende Menschen Sterbehilfe ablehnen, wenn sie nicht an Gott glauben, nicht aufs Kreuz blicken? Und ist es denkbar, daß auch gläubige Menschen so weit getrieben werden, daß sie schmerzfrei und schnell sterben wollen?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Als Veteranin von Zahnproblemen behaupte ich jetzt mal, dass man nicht von außen "getrieben" werden muss, um schmerzfrei sterben zu wollen. Da tut's wahrscheinlich eine langwierige, tödliche Krankheit mit Schmerzen, die nicht durch Opiate oder sonst was effektiv ausgeschaltet werden können. Schmerzen sind so fies und können so grausam sein, dass sie für jemanden Grund genug sein könnten, Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu wollen.
Ich nehme an, schwer kranke und leidende Nichtgläubige würden Sterbehilfe dann ablehnen, wenn sie den Eindruck haben, dass hier noch genug Erlebenswertes auf sie wartet, z. B. eine sehr liebevolle Familie, ein Enkelkind, das auf die Welt kommen soll, usw.
Ich glaube, das Postulat "Gläubige handeln per se anders [und viel, viel besser] als Nichtgläubige" lässt sich sehr oft nicht aufrechterhalten. Vielleicht sollten sie anders handeln, aber den Wahnsinnsunterschied kann ich nur selten beobachten.

Anonym hat gesagt…

Und ja, ich glaube auch, die Sterbehilfe wird kommen, und finde das per se für die Betroffenen befreiend. Es gibt einen ganzen Katalog von Krankheiten, denen ich mich gerne durch Sterbehilfe entziehen wollen würde, who needs Dahinsiechen? Schmerzen machen einen nicht per se zum besseren, gottegfälligeren Menschen.
ABER, der Grund, warum ich gegen eine Legalisierung von Sterbehilfe bin, ist der:
1. ist abzusehen, dass Staaten sie aus den falschen Gründen legalisieren werden (i.e. Sozialsysteme zu belastet, zu hohe Kosten im Gesundheitswesen) und
2. das Ärzte, aber auch Angehörige in unmöglich schwierige Situationen bringen würde. Es kann auch die Betroffenen selbst einem großen Druck aussetzen.
Vielleicht noch
3. Zu hohe Gefahr eines Dammbruches - heute sind es tödliche Krankheiten im Endstadion, und was ist es morgen? Depressionen? Ein gewisses Alter? Erblindung?

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Weil's gerade so gut in die Zeit passt:

»Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.«

Alipius hat gesagt…

Mit "getrieben" meinte ich allerdings nicht "von außen", sondern "von den eigenen Schmerzen".

Gläubige Menschen handeln auf jeden Fall "anders" als nicht-gläubige Menschen, jetzt mal so rein vom Tages/Wochenablauf (Messe, Beichte) und von den Gewohnheiten (Tischgebet, Rosenkranz) her betrachtet.

"Besser" oder "schlechter" sind hier unpassende Kategorien, weil ja ohnehin nie einer von uns den Ansprüchen gerecht wird, seien es nun die Ansprüche, die Gott an uns stellt, oder die Ansprüche, die andere an und stellen (mal ganz zu schweigen von denen, die wir selbst an uns stellen).

Ich denke, wenn es um das eigene Leben geht, dann ist mit "besser" oder "schlechter" auch Schluß. Wer bin ich, daß ich als Katholik zu einem Menschen, der vor lauter Schmerzen sterben will, sage: "Du bist aber kein guter Christ!"? Alles, was ich dann noch tun kann, ist beten und dasein, wenn es eben geht.

Es ist ein sehr bedrückendes Thema, weswegen sehr viel Fingerspitzengefühl gefordert ist.

Severus hat gesagt…

Leute, machen wir uns doch nichts vor: Alles wird zurückkehren, was schon mal dagewesen ist, vor ca. 75 Jahren: a) Selektion lebensunwerten Lebens, b) Verhinderung erbkranken Nachwuchses.
Nur, was einem heute fast das Hirn platzen lässt: Wer sich gegen a) und b) auflehnt, wird als Nazi verschrieen !!



Alipius hat gesagt…

** like **

Alipius hat gesagt…

Das ist was dran...

Anonym hat gesagt…

Tu tmir leid, das "getrieben" hatte ich mißverstanden - das Schreckgespenst der ungeduldigen, überforderten Angehörigen wird ja oft an die Wand gemalt, die bewußt oder unbewußt den Kranken in die Entscheidung für die Sterbehilfe drängen. Das "besser" hatte ich nach einem Zögern hineingefügt, weil das ja impliziert ist - ein Gläubiger wird davon ausgehen, dass er und seine Glaubensgenossen sich idealerweise "besser" verhalten als der klägliche Rest. Aber man kann's hier auch auslassen. Ich bleibe trotzdem dabei - von vielen Menschen, die ich im Lauf der Jahre kennengelernt habe und die sich im Einhalten von religiösen Riten deutlich von anderen unterschieden haben, fallen mir nur einige wenige ein, die sich im Alltag (!) tatsächlich anders verhalten habe. Und zwar so, dass ich ein positives Bild von christlichen Werthaltungen dadurch gewinnen konnte.
Das Thema ist in der Tat bedrückend, besonders, weil sich keine gute Lösung abzeichnet. Meine Großmutter hat über Jahre immer wieder um Sterbehilfe gebeten - es heißt ja oft, dass Menschen damit nur nach Zuwendung rufen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass man durch diese Interpretation den Menschen nicht mehr für voll nimmt.Wer bin ich denn, festzulegen, ob einer wirklich sterben will oder schlicht nicht in der Lage ist, klar zu kommunizieren? Deprimierend, deprimierend, deprimierend.

kalliopevorleserin hat gesagt…

"Ist es überhaupt denkbar, daß schwer kranke und leidende Menschen Sterbehilfe ablehnen, wenn sie nicht an Gott glauben, nicht aufs Kreuz blicken?" Ja. Meine Eltern, beide. Obwohl meine Mutter am Ende nicht mehr leben wollte. Aber Sterbehilfe wollte sie nicht - nur Palliativmedizin, die sie selbstverständlich bekam. Und Zuwendung, die sie auch bekam.

"Und ist es denkbar, daß auch gläubige Menschen so weit getrieben werden, daß sie schmerzfrei und schnell sterben wollen?"
Mir ist eine katholische Frau bekannt, die das durchaus in Erwägung zieht - und die von keinen Verwandten etc. dazu getrieben wird.

Es ist immer nicht ganz so einfach. Du weißt, daß ich Sterbehilfe vollkommen falsch finde - aber es gibt eben nicht nur Leute, die dahin getrieben und gedrängt werden, und zwischen Christen und Ungläubigen verlaufen die Fronten auch nicht so gerade.

Eugenie Roth hat gesagt…

Es ist - das gebe ich zu - auch sehr schwer, einen Menschen leiden zu sehen und zu wissen, dass man nicht helfen kann. Und das 24 Stunden am Tag. Siehe meinen Arbeitsplatz in Myladydorf, 2007 - 2010. Kurz vor ihrem Tod habe ich angefangen zu bloggen ...

Alipius hat gesagt…

Ja, ich hatte eigentlich auch diese Antworten erwartet. Danke!

Ester hat gesagt…

Ich habe es schon lange kommen sehen, schon lange.
Und ohne Kreuz ohne den Glauben an die Kraft erlösenden Leidens, lässt sich christlich auch nichts dagegen sagen.
Ich muss aber ehrlich sagen, es ist schon komisch, klopft der Tod an die Tür des Lebens, in Form der Zipperlein des Alters, (und ich komme langsam in das Alter wo ich mitreden kann) dann rennen wir davon und schießen mit allem, was wir haben dagegen.
Macht sich der Tod dann vom Acker, dann rennen wir ihm wieder nach, aktuell noch mittels palliativer Sedierung und heimlich mittels Dignitas und/oder halb illegal mit Lachgas und gespritzer Lungenembolie.
Kalliopevorleserin hat übrigens recht.

Anonym hat gesagt…

Schmerzfrei und schnell sterben hört sich für mich als Katholikin toll an. Unvorbereitet möchte ich jedoch nicht sterben. Noch toller wäre jedoch ein möglichst schmerzfreies LEBEN. Schmerzfrei muss es ja gar nicht sein. Einfach nur mit ERTRÄGLICHEN Schmerzen.

Ich frage mich auch, wie andere manche Krankheiten ertragen können, wenn sie nicht an Gott glauben. Der Glaube gibt teilweise schon Trost. Aber mal ehrlich: Eher an guten Tagen.

Die Schmerzwahrnehmung ist natürlich sehr subjektiv. Aber wer noch nie Schmerzen hatte, die er als unerträglich bezeichnet und bei denen ihm klar wurde, dass man tatsächlich vor Schmerzen die Kontrolle über sich verlieren kann, kann sich meines Erachtens glücklich schätzen.

Ich bin auch der Überzeugung, dass die Sterbe"hilfe" kommen wird. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, über das Thema etwas zu lesen. Bis vor einem halben Jahr konnte ich es von einer grundsätzlichen Warte aus machen - und dagegen sein. Heute ist mir klar, dass ich - wenn sie kommt - vermutlich einmal zu den "zwangsbeglückten" gehören werde. Und die Zwangsbeglückung wird meines Erachtens nach Einführung der Sterbehilfe dann ebenfalls nur noch eine Frage der Zeit sein. Manche Leute muss man halt einfach zu ihrem Glück zwingen...


Matthias Ruckenbauer hat gesagt…

Eigentlich gehe ich davon aus, daß nicht einfach nur die Sterbehilfe kommen wird, sondern - als logische Konsequenz und Erweiterung - die Sterbepflicht. Das Wasser der Argumente dafür tropft bereits und das Ziel ist den Stein auszuhölen. Wenn es die Möglichkeit gibt unter extremen Umständen beim Sterben nachzuhelfen, dann ist es nur mehr eine leichte Verschiebung, nicht die Aufhebung einer Grenze wenn man auch weniger schwere Fälle einschließt. Danach kommt dann die "völlige Entscheidungsfreiheit", die ja schließlich niemand anzweifeln kann und dann wird es heißen: "Du sollst! Du bist nicht nütze! Du belastest das Sozialsystem! Du bist eine Bürde!" So geschieht es bei der Abtreibung und so wird es bei der Behandlung alter Menschen sein. Ich weiß nicht, ob ich es noch erleben werde, aber ich sehe die Tage kommen, wo brave Menschen ihre Alten verstecken müssen damit sie nicht abgeholt werden. Das wird genauso Realität werden wie die erzwungene "postnatale Abtreibung" bei sozialen und ökonomischen Problemfällen.
"Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?"

Cicero hat gesagt…

Meine Antwort ist etwas länger ausgefallen:

http://katholon.de/?p=7521

Iris Kammerer hat gesagt…

Dieser Damm ist schon gebrochen:
»Ein Sexualstraftäter in Belgien darf nach fast 30 Jahren in Haft sterben. Dies hatte der 52 Jahre alte Mann selbst beantragt. Ein Berufungsgericht in Brüssel billigte nun den Antrag des Häftlings auf Sterbehilfe endgültig.«
(Quelle: zeit.de, 29. 09. 2014 - http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-09/belgien-sterbehilfe-sexualstraftaeter-gefaengnis)
Allein die Ausdrucksweise (wiederholt "darf sterben") macht deutlich, dass in den linksliberalen Mainstreammedien das Thema durch ist.

Anonym hat gesagt…

Ja, das ist wirklich ein schauderhaftes Urteil. Gerade in der Situation, da wird so nebenbei das Verbot der Todesstrafe de facto ausgehebelt.

Jürgen Niebecker hat gesagt…

Die Giordano-Bruno-Stiftung macht gerade eine Werbe-Aktion:
http://giordanobrunostiftung.wordpress.com/2014/10/06/gbs-aktion-zur-sterbehilfe/

Verwiesen wird dort dann auf die Seite http://letzte-hilfe.de/ und da hat man dann alle üblichen Verdächtigen beisammen:
- Giordano Bruno Stiftung
- Gesellschaft für humanes Sterben
- Bund der Atheisten und Konfessionslosen
Interessant auch, wer da alles als "Unterstützter" seinen Kopf in die Kamera gehalten hat:

Nach
"Mein Bauch gehört mir"
jetzt also
"Mein Ende gehört mir"

Das ist natürlich Unsinn: Wie kann mir das Ende gehören? – Wenn ich nicht bin, gehört mir auch nichts.
Oder sollte da bei den ganzen Atheisten doch noch irgendwie die Idee mitschwingen, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist, und daß es nach dem Ende doch noch etwas gibt?