Montag, 24. November 2014

356c

Strafe oder Aufklärung?

In England hat eine Frau während der gesamten Zeit ihrer Schwangerschaft massenweise Alkohol getrunken. Ihr Kind kam mit einer Behinderung zur Welt. Nun sollen Gerichte darüber entscheiden, ob die Mutter sich strafbar gemacht hat.

Die Argumente für bzw gegen eine Strafe lauten:
    ... ein Anwalt verlangt im Namen von CP eine Entschädigung aus dem staatlichen Opferfonds für Gewaltverbrechen. In erster Distanz hatte ein Gericht dem Anwalt Recht gegeben und geurteilt, die Mutter habe dem Kind bösartig Gift verabreicht. Ein Berufungsgericht hob dieses Urteil wieder auf. Die juristische Begründung: Die Mutter habe zwar Alkohol getrunken, damit jedoch nur den Fötus geschädigt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein Wesen mit persönlichkeitsrechtlichem Status, weshalb an ihm auch kein Verbrechen begangen werden kann. Das heißt im Klartext: CP war noch kein Mensch, ihre Mutter also juristisch unschuldig.
Der Guardian berichtete, die Mutter habe während der Schwangerschaft täglich eine halbe Flasche Wodka und acht Dosen Bier getrunken.

Abseits von der etwas gewagten Formulierung "CP war noch kein Mensch" stellen sich mir zwei Fragen:

Erstens: Wenn die Mutter während ihrer Schwangerschaft alkoholabhängig war (was man bei der konsumierten Menge wohl annehmen darf), war sie dann überhaupt Herrin über ihr Verhalten? War sie überhaupt dazu in der Lage, zum Alkohol "Nein!" zu sagen? Selbst, wenn sie damals wußte, daß der Alkohol dem Kind im Leib nicht gut tut?

Zweitens: Hat die Mutter wegen der Behinderung ihrer Tochter die Strafe nicht bereits erhalten? Antwortet man auf diese Frage mit "Ja", dann macht das die Tochter zwar nicht wieder gesund, aber eine weitere Strafe für die Mutter tut dies auch nicht. Eine Strafe kann also nur abschreckende Wirkung haben und als Präzendezfall dienen, um andere werdende Mütter vom Alkoholkonsum abzuhalten.

Es ist doch irgendwie allen Menschen klar, daß eine Frau während der Schwangerschaft kein Alkohol trinken sollte. Dennoch gibt es Frauen, die es tun. Wie begegnet man als Gesellschaft nun diesem Phänomen? Boxt man eine "Keinen Tropfen!"-Regelung durch, die es erlaubt, schwangere Frauen bei Alkoholkonsum sofort zu bestrafen? Wenn nicht, setzt man eine Höchstmenge erlaubten Alkoholkonsums während der Schwangerschaft fest? Wenn ja, wer kontrolliert es? Wer spielt den messenden Schnüffler? Straft man bereits bei Alkoholkonsum oder wartet man, ob das Kind behindert zur Welt kommt und bestraft erst dann?

Ich habe gewaltige Probleme, meinen Verstand um das Konzept "Strafe für Schwangere bei Alkoholkonsum" zu winden. Nicht, weil ich es befürworte, wenn schwangere Frauen trinken, sondern weil ich im Moment einfach nicht sehe, wie das glaubhaft und konsequent durchgezogen werden kann, ohne Freiheiten einzuschränken (man stelle sich die Sonderbeobachtung vor, unter der schwangere Frauen sich wiederfänden) oder behinderten Kindern zu sagen: "Hier, weil's dir eh schon schlecht geht, bestrafen wir noch deine Mama!"

Auch hier denke ich, daß vermehrte Aufklärung ebenso wichtig ist, wie ein Umdenken in der Gesellschaft, was Kinder betrifft. Natürlich kann man die Liebe der Mutter zum Kind nicht erzwigen. Aber wenn das Kind immer häufiger und immer deutlicher als Accessoire kommuniziert wird, auf wleches man eben Bock hat oder nicht und welches man sich in beliebiger Partnerkonstellation austragen läßt (und nur annimmt, wenn das Produkt fehlerfrei geliefert wird), dann trägt man andererseits auch nicht dazu bei, die intime Beziehung zwischen der Frau und dem in ihr heranwachsenden Leben zu stärken oder auch nur zu begründen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wehret den Anfängen!

kalliopevorleserin hat gesagt…

Ich stelle mir hier genau die gleichen Fragen wie Du. Ich fürchte, es ist hier nicht möglich, eine wirklich gerechte Lösung zu finden. Ferner fürchte ich, eine schwer suchtkranke Frau wird in den meisten Fällen nicht aufgrund eines positiven Schwangerschaftstest urplötzlich die Kraft zum Entzug finden.

Andrea hat gesagt…

"Hat die Mutter wegen der Behinderung ihrer Tochter die Strafe nicht bereits erhalten?" Ein behindertes Kind als Strafe für die Mutter oder die Eltern zu bezeichnen, finde ich ganz furchtbar, auch wenn in diesem Fall die Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach verantwortlich für die Behinderung ist. Trotzdem: Überleg mal, was das für die Kinder und Familien bedeutet, wenn man eine Behinderung als Folge von Schuld betrachtet! "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm."

Alipius hat gesagt…

Du hast vollkommen Recht. Das war blöd formuliert. Ich meinte Strafe natürlich im Sinne von "Konsequenz". Die Behinderung ist ja Folge des übermäßigen Alkoholkonsums. Inwieweit man den nun als "Sünde" bezeichnen mag oder muß, ist fraglich.

Monika hat gesagt…

Volle Zustimmung. Und, ja, auch zu Andreas Kommentar. Ich hatte "Strafe für die Mutter" so gelesen, wie es wohl gemeint war - daß sie wahrscheinlich unglücklich darüber ist, daß ihre Tochter behindert ist, weil es nicht so hätte sein müssen. Also, daß sie auch unter der Behinderung ihrer Tochter leidet. Doch genauer besehen, ist die eine blöde Formulierung.
Wir könnten ja Alkohol wieder verbieten? (Ist nicht ernst gemeint)

Anonym hat gesagt…

Schwangere Frauen befinden sich jetzt schon massiv unter Beobachtung und haben mit teils unverschämter Distanzlosigkeit zu tun. Irgendwelche Wildfremden, die einem auf den Bauch langen und glauben, sie müssten Auskunft über privateste Dinge erhalten. Ich kann schon sehen, woher das kommt - das muss so ein archaischer Reflex sein, dem wir angesichts Schwangerer verfallen, die ja die Zukunft unserer Gemeinschaft herumtragen, und für die wir alle irgendwo ein bisschen verantwortlich sind. Diesem Reflex jetzt noch Nahrung zu geben, indem man öffentliche Spitzelei gegenüber Schwangeren erlaubt, das halte ich für ein völlig falsches Signal. Das beginnt mit Alkohol und irgendwann ruft einer die Polizei, wenn eine Schwangere sich ein Cremetörtchen reinzieht. Nein, ernsthaft, wehret den Anfängen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Hier hätte meines Erachtens ein Gericht eine einstweilige Einweisung verfügen müssen, da die Patientin nicht in der Lage war, Entscheidungen über ihre Gesundheit (und die ihres Kindes) zu treffen. Dann hätte in der Zeit ein Entzug stattfinden können. Die Leute einfach machen lassen ist unter bestimmen Konstellationen wie dieser nicht möglich.

Anonym hat gesagt…

Es gibt tatsächlich immer mal wieder Frauen, die wegen einer Schwangerschaft eine Alkohol- oder Drogenentziehungskur machen. Deren Zahl dürfte aber eher ab- als zunehmen, wenn Alkoholkonsum in der Schwangerschaft generell oder bei Verursachung einer Behinderung beim Kind strafbar wird, denn dann wird wohl kaum noch jemand seine Sucht gerade während einer Schwangerschaft amtlich machen wollen.

Imrahil hat gesagt…

Volle Zustimmung.

Und, auch wenn das unter "das mußte ja jetzt kommen", aber wenn es straffrei ist, das Kind umzubringen, dann ist es unlogisch, wenn bestraft wird, dem Kind eine Behinderung zuzufügen.

(Das Grundprinzip war ja "lieber ein behindertes Leben als gar kein Leben", gell?)