Montag, 17. November 2014

363b

Peinlichkeit Ist Mein Programm

Julien Blanc ist der Barney Stinson der wirklichen Welt.

Als selbsternannter Pick-Up-Artist ( = Aufreiß-Künstler) zieht er weltweit mit seiner Firma Real Social Dynamics den Kerlen das Geld aus der Tasche, indem er sie zu Seminaren...


.. einlädt und ihnen CDs verhökert.

Worum es dabei geht? Klar: Ums "Aufreißen".

Eine von Blancs Seiten heißt einfach nur PIMP. Es ist eine dieser typischen Produkt-Anplärr-Seiten, die sich über gefühlte 8 Kilometer Scrollingfläche hinzieht und ständig die gleichen Botschaften wiederkäut. Gefakte Testimonials, horrende Preise, tonnenweise Selbstbeweihräucherung und der klassische "Ohne diese Lebenshilfe wirst du nicht existieren können"-Unterton sollen Kerle mit vielen Pickeln aber wenig Weibern dazu verführen, sich unter Anleitung des Gurus zu echten Meistern ausbilden zu lassen (und dabei einige Tausend US$ hinzublättern).

Blanc weht im Augenblick weltweit ganz schön der Wind der Entrüstung entgegen. Es soll Szenen in seinen "Ausbildungs"-Videos geben, in denen er mehr oder weniger zu sexueller Belästigung - wenn nicht gar Vergewaltigung - aufruft. In einem Tweet bat er Frauen, ihm doch die Arbeit abzunehmen und sich selbst K.O.-Tropfen in die Drinks zu schütten.

Ist also ein echter Prinz, dieser Blanc.

Wer nicht will, daß er seine Masche auch in Deutschland versucht, der kann hier eine Petition unterschreiben.

Wenn ich mal einen Schritt zurückmache und den Blick von der offensichtlichen Abartigkeit unzähliger Details nehme, um stattdessen das Gesamtbild zu betrachten, dann gibt es einige Fragen, die mich schwer beschäftigen: Was um alles in der Welt soll so befriedigend und großartig daran sein, als Kerl jede Nacht ein anderes Betthäschen mit nach Hause zu nehmen? Welcher Beitrag zum Selbstwertgefühl soll geleistet werden, wenn mir tatsächlich in einer Bar alle Mädels zu Füßen liegen, es aber nur deswegen tun, weil ich millimetergenau den Instruktionen eines Aufreiß-Gurus folge? Welchen Wert hat ein Booty-Call-Adressbuch, in dem ich eine zweistellige Zahl von Frauen finde, von denen ich weiß, daß bei ihnen ein Anruf und ein "Haste mal wieder Bock?" genügt, um ein wenig "Fun" zu haben? Welche Unsicherheiten werden hier ausgebeutet? Was entgeht Kerlen, die sich zu kleinen Blancs ausbilden lassen?

Und: Wo und wann genau ist Platz für die Liebe? Ist das alles nur ein Zufalls-Spiel, in dem man wenigstens regelmäßig die Belohnung eines kurzen, unbedeutenden Popps einstreichen kann bis man ganz vielleicht sogar eines Tages die Eine findet, die sich sagt: "Ja! Du bist sympathisch! Ich habe immer auf jemanden wie dich gewartet. Gib mir noch einen Drink aus. Hau mir noch ein paar Sprüche um die Ohren. Schick noch ein paar Photos von meinen Brüsten an deine Kumpels. Betrachte mich noch ein wenig länger als Verbrauchsartikel. Das ist alles so romantisch, tief und berührend! Ich glaube, ich möchte dich gerne besser kennenlernen."

Schon klar...

Jungs, wenn Ihr Euch von Julien Blanc irgendwie angesprochen fühlt, dann ist es an der Zeit, daß Ihr Euer Leben in den Griff kriegt! Denn dieses Getue von Blanc und Konsorten erinnert mich einfach zu sehr an eine Art von Mensch, die mir ausgesprochen suspekt ist und die in mir auch Mitleid auslöst. Sie sind zu klein, um den komplexeren Weg des Kennenlernens und der fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem Anderen zu gehen, und räumen ihre vermeintlichen Probleme auf die Art und Weise aus der Welt, die oberflächlich betrachtet am wenigsten Verpflichtungen, Geduld und - ja - Liebe fordert. Und so werden sie eines Tages mit leerem Blick und noch leererem Herzen dem Zug hinterherschauen, in welchem eine erträgliche Zukunft soeben davonrollt. Ihr Lebenselixier ist dabei nicht einmal der angesteuerte Sex, sondern die Anerkennung ihrer Bagger-Kollegen und die ehrfurchtsvollen Blicke der Beta-Männchen. Daß ihr Handeln dabei aber Opfer fordert (denn nicht jedes Mädel rennt mit einem "Pick-Up-Artist" auf dessen Bude, weil sie benutzt und weggeworfen werden oder in die "Möglicher Wiederholungs-Popp"-Kartei wandern will), das ist ihnen entweder egal oder kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Und daß viele von ihnen sich mit dieser Masche sehr wahrscheinlich weit unter Wert verkaufen, das scheint auch keine Rolle zu spielen.

Und noch ein weiterer, finsterer Punkt: Diese "Effektiv jagen und schnellstmöglich zum Abschluß kommen"-Strategie ist natürlich genau jener Trog, aus dem die "Bro Choice Bewegung" frißt, welche sicherstellen will, daß Abtreibungen immer und überall und kostenlos und überhaupt sind und von den Frauen allumfassend als geschmeidige Lösung akzeptiert werden, damit den Hengsten nur nicht der Spaß vergeht, weil ein ehemaliger Gebrauchsartikel plötzlich schwanger bei ihnen auf der Matte steht.

Alles ziemlich widerwärtig.

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