Freitag, 14. November 2014

366.

Friede auf Erden...

Wenn ich einen nicht einmal 4 Minuten langen Film sehe, der in eindrucksvollen Bildern einige Szenen aus dem "Weihnachtsfrieden" des Jahres 1914 nachspielt, dann wird mir gleichzeitig warm und kalt ums Herz: Warm, weil der Hauch von Ritterlichkeit zwischen Feinden in der heutigen Zeit wie ein Märchen klingt. Kalt, weil ich gar nicht sehen will (und im Film auch nicht sehen muß), wie die Soldaten wieder in ihre Schützengräben springen, um zur Tagesordnung zurückzukehren, sprich: die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen.

Wenn dann am Ende des Filmes der Spruch "Christmas is for sharing" erscheint und direkt danach das Logo der britischen Supermarktkette Sainsbury's, dann fühle ich mich im ersten Moment irgendwie ertappt. "Wie? Was? DAS fandest du jetzt bewegend, obwohl es nur um schnöden Konsum und Geldbörseneroberung ging?"

Meinem eigenen, ersten Hin- und Hergerissensein entsprechen dann auch die Reaktionen, die ich auf die Schnelle im Internet fand. Die Einen finden den Spot einfach nur großartig und erklären ihn jetzt schon zum besten Weihnachtswerbefilm der Saison. Die Anderen finden den Film gefährlich und geschmacklos gegenüber denen, die in den Schützengräben litten.

Nun ist es erst einmal einleuchtend und normal, daß Unternehmen besonders in der Zeit vor Weihnachten ihre Umsätze mit ganz besonderen Werbespots ankurbeln wollen, und daß sie dabei der alten Formel "Menschlichkeit + bekannte, rührende Melodie = Klang einer sich öffnenden Registrierkasse mit passendem Glöckchenbimmeln" folgen.

Die Fragen, die sich beim Betrachten nicht nur dieses Werbespots stellen, lauten: Wo darf man sich als Unternehmen bedienen, um die Waren an den Mann zu bringen? Welche Themen haben grünes Licht? Wo sollte eine Grenze gezogen werden?

Hier hilft es dann auch, einen Blick auf die Botschaft zu werfen, die hinter dem "Kauft unseren Kram!" steck. Und die Botschaft des Sainsbury's-Filmchens wurde offenbar nicht nur von den Kritikern sondern selbst von den Machern mißverstanden.

Ich denke nicht, daß der Film gefährlich uns respektlos ist, weil er den Ersten Weltkrieg "schön gemacht hat", wie Ally Fogg im Guardian schreibt. Denn nicht der Erste Weltkrieg ist es, der hier als "schön" aufscheint, sondern die vollkommene Abwesenheit jeglicher Kampfhandlungen zwischen Männern, die eigentlich knurrend an des Anderen Gurgel hängen müßten und stattdessen Vornamen, Familienphotos, Schokolade und Fußballspielzüge austauschen.

Ebensowenig denke ich, daß das Weihnachtsfest mit dem Slogan "Weihnachten ist zum Teilen da" treffend beschrieben wird. "Weihnachten ist zum Anfangen da" hätte ich schon passender gefunden. Wenn in der Nacht, in der Gott Mensch wurde, um ein Leben anzufangen, nach dessen Vollendung im Universum vieles nicht mehr so ist, wie es war, sich in Schützengräben gegenübersitzende Soldaten plötzlich den Krieg Krieg sein lassen und stattdessen - bewußt oder unbewußt - dem Aufruf von Papst Benedik XV folgen, am Fest Waffenstillstand zu halten, dann klingt das "Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade", welches damals die Engel verkündeten, vom Hirtenfeld ins Kriegsgebiet hinüber und bereitet den Boden für gewaltige Ereignisse.

In der Heiligen Nacht des Jahres 1914 keimt der Anfang einer Hoffnung: Frieden ist möglich. Da gab es diesen einen Moment, in dem es plötzlich wichtiger und dringender war, auf fremde, ja sogar feindliche Menschen zuzugehen und mit ihnen einen freundlichen Austausch zu beginnen. Dieser Moment ist es, der festgehalten gehört, wie ein in Bernstein eingeschlossenes Insekt. Dieser Moment ist es, der einen eigenartig geheimnisvollen Anfang enthält, welcher heute noch als Ansporn dienen kann. Dieser Moment ist es, den wir gegen das Licht halten müssen, welches Christus ist, um uns immer und immer wieder zu fragen: Warum nur sind die eigentlich wieder in ihre Schützengräben zurückgestiegen?

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