Dienstag, 4. November 2014

376.

Experiment und Liturgie

Gestern fand ich auf facebook einen Link zu einer Pfarre, in welcher hin und wieder einmal etwas angeboten wird, was sich "Experimentelle Liturgie" nennt (Wer's genau wissen will, der suche bitte bei google unter "Experimentelle Liturgie"). Mußte ich natürlich gleich mal nachgucken. Ich fand unter anderem zwei Bilderstrecken vergangener "Experimenteller Liturgien" und mußte feststellen, daß es gar nicht so schlimm war, wie ich befürchtet hatte.

Dafür war es aber viel tragischer: Die Photos wirkten wie ein "Best Of" all der Dinge, die ich schon als Jugendlicher in der Kirche grenzenlos langweilig oder irgendwie peinlich fand. Da gab es natürlich die bunten Schleier, dekorierte Nahrungsaufnahmestationen luden zum Vorbeigehen ein, irgendwie verloren herumstehende Kerzen flackerten hier und dort, ein Gitarrero durfte nicht fehlen, Spiritualitätsdamen hantierten mit wichtiger Miene und hilfloser Haltung am priesterlosen Altar herum, Handzettel wurden mit strenger Miene studiert von Mitmachsenioren und Jugendbeiwerk.

Wenn das Experiment lautete "Wir erfinden eine Zeitmaschine und reisen in die Siebziger!", dann ist das wohl gelungen. Alleine, mir fehlt das Verständnis dafür, warum man dann ausgerechnet die Liturgie bemühen muß und sich nicht lieber ins erste Sex-Pistols-Konzert oder zu einem Spitzenspiel auf dem Bökelberg beamt.

In der immer jungen Debatte um die rechte Form und die angemessene Würde finde ich es im übrigen daneben, wenn in den Kirchenraum, der ja immerhin auf besondere Art und Weise für die Anbetung und den Lobpreis Gottes bereitegestellt ist, so viel wie möglich von der Welt hineingeholt wird. Ich bin durchaus dafür, die Kirchen wieder voll(er) zu machen, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das schaffen, wenn wir in den Kirchen das anbieten, wovon wir glauben, daß die Menschen es gerne hätten. Wir sollten eher den Menschen klarmachen, daß es in der Kirche das gibt, was sie brauchen und daß sie in diesen Gebäuden die seltene Gelegenheit haben, in einer Gemeinschaft hin und wieder mal einige Minuten und Stunden in der Gegenwart eines ganz und gar sensationellen Geheimnisses und gleichzeitig einer ganz und gar umwerfenden Realität zu verbringen, in welcher die Grenze des Alltagsgeschehens auf dramatische und schöne und heilsame Art überschritten wird.

Kommentare:

Jürgen Niebecker hat gesagt…

»…Kirchenraum, der ja immerhin auf besondere Art und Weise für die Anbetung und den Lobpreis Gottes bereitegestellt ist,…«

Den Ausdruck »bereitgestellt« finde ich mehr als unpassend. Das hört sich so an, als könne man mal eben so jede Turnhalle, Schimmbad, S-Bahn etwas umdekorieren und »für die Anbetung und den Lobpreis Gottes« bereitstellen. Naja, wird ja auch alles leider gemacht.
Die Kirche ist aber kein bereitgestellter Ort, sondern ein geweihter Ort, wenngleich heutzutage die Weihe vielleicht schlichter ausfällt als anno dazumal.

Ansonsten finde ich es auch richtig, daß die Kirche nicht das anbieten soll, was die Menschen auch außerhalb der Kirche finden, sondern daß sie das anbieten soll, was sie außerhalb der Kirche nicht finden, von dem die Kirche aber überzeugt ist, daß sie es brauchen.

Alipius hat gesagt…

Die Kirche ist ein heiliger Ort, und das Heilige ist doch immer das, was auf besondere Art für Gott bereitgestellt ist. Wichtig ist hier nicht das Wort "bereitgestellt" sondern die Wendung "auf besondere Art". Ich denke, das macht schon deutlich, daß es bei einer Turnhalle oder einer S-Bahn eben nicht geht (keine Einweihung, keine Sakristei, kein Tabernakel etc...).

Richelieu88 hat gesagt…

¨Zeitreise in die Siebziger¨. Na ja...

Bei dem ganzen Faldenbroten, Saftkaraffen und Obstschalen erinnert mich das eher an meine Erstkommunionsvorbereitung ´98, bei der ich erst nach gut 4-5 Jahren nach diesem Ereignis erfahren habe, was mit ¨Leib Christi¨ wirklich gemeint war und weitere Jahren hinzukamen, um den vollen Umfang zu verstehen.

Dass so ein Kindergarten (übrigens Entschuldigung an den Kindergarten für diese negative Nennung) noch heute gemacht wird, obwohl das überhaupt nichts bringt, ist mir immer noch ein Rätsel. Und wie so viele Leute davon regelrecht angep**** sind, wenn man das kritisiert, dürfte das noch größere sein.

Jürgen Niebecker hat gesagt…

"geht nicht" gibt's nicht.

Messe auf dem Weihnachtsmarkt: KLICK

Messe in der S-Bahn: KLICK

Messe im Schwimmbad: KLICK

Es ist immer gut, wenn man auf der Festplatte ein Verzeichnis "Photo-Giftschrank" hat.
;-)

Andrea hat gesagt…

>Ich bin durchaus dafür, die Kirchen wieder voll(er) zu machen (...)

Jajaja, sprich es doch offen aus: voll Putten und Stuckmarmor und allerhand Barockschnickschnack - schon klar ... ;)
(scnr)

Alipius hat gesagt…

Mindestens!