Montag, 3. November 2014

377.

Lothar Franz von Schönborn in Häppchen (IX)

s ist ein grandioses Bild des Aufstiegs aus dem beengten Raum des landsässigen Westerwälder Adels auf die Höhen reichsfürstlicher Halbsouveränität, das die Famiie Schönborn damals mit ihrem in breiter Front angelegten Ansturm auf die Bischofsstühle an Rhein und Main bot; es gelang ihr während dreier Generationen, das Wahlprinzip in den geistlichen Fürstentümern durch Einschleusung vieler begabter Söhne in die Domkapitel an Rhein und Main durch ein Jahrhundert zu überspielen. Wiewohl es Vorbilder genug für die Pfründenkumulation des einzelnen und für die quasi-Erblichkeit eines geistlichen Thrones gibt, etwa im Falle der Wittelsbacher in Köln, so ist die Schönbornsche Dynastiebildung - wenn man einmal so sagen darf - doch einmalig geblieben. Solche Erfolge wurden natürlich nur durch kluge und systematische Vorarbeit möglich, und hierzu haben alle Schönborn oft zusammengewirkt; am deutlichsten zeigte sich das, als Franz Georg Schönborn in das Kölner Domkapitel kam; die vorher in Abständen angelegten Sympathie-Listen verraten genau, welchen Fortschritt man in der Beeinflussung der erforderlichen Stimmen gemacht hatte, bis dann die Präsentation gewagt werden konnte.

Kurfürst Lothar Franz war ein Meister in solchen Aktionen, und die "fortune" seines Hauses lag ihm allezeit besonders am Herzen. Man muß das Zustandekommen dieses Familien-Imperiums verfolgen, wenn man nachher das Reich der Künstler in diesem Rahmen verstehen will, der natürlich ja auch eine politische Realität war. Kaiser Karl VI. wußte gewiß, warum er 1732 die Wahl Friedrich Karls zum Mainzer Kurfürsten hintertrieb: es genügte den Wienern zweifellos, daß er Reichsvizekanzler war und ja schon Bamberg und Würzburg besaß und seine Brüder gleichzeitig Trier, Worms und Speyer innehatten.

Der erste große Sprung vom Domherrn und Offizier zum vornehmsten Reichsfürsten nach dem Kaiser war Johann Philipp von Schönborn geglückt, der 1642 mit 37 Jahren Bischof von Würzburg, dazu 1647 Kurfürst von Mainz und 1663 Fürstbischof von Worms geworden war; die Fundamentierung des Erreichten war auch Sache seines Bruders Philipp Erwein und dessen Sohnes Melchior Friedrich: kluge Finanzpolitik, sorgfältig bedachte Heiraten, glückliche Erbschaften und die vom Kurfürsten patronisierte Einschleusung der Brüder in den fränkischen Kreistag mit Sitz und Stimme, die an der ihm verliehenen Burgruine Reichelsberg hingen - all das gehört dazu. Der Ausbau im Politischen und die Fixierung im künstlerischen Bereich gelangen Philipp Erweins Bruder* Lothar Franz, wiederum von der hohen Warte des Mainzer und des Bamberger Stuhles aus, mit der kaiserlichen Verleihung des Reichsgrafenstandes für die Gesamtfamilie, mit der glänzenden Idee des Kurfürsten Reichserzkanzlert, seinen Neffen als Vizekanzler nach Wien zu delegieren, mit der Großartigen Chance, als Erzkanzler die unsichere Kaiserwahl des Habsburgers 1711 durchsetzen zu können, und mit der Betruung der Lebenswege von sieben Neffen und sieben Nichten.

[Aus: Die Schönbornzeit, Max H. von Freeden, Mainfränkische Hefte, Heft 80, 1983, Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V., Würzburg]


* Hier hat sich ein Fehler eingeschlichen: Philipp Erwein war Lothar Franzens Onkel. Der Bruder von Lothar Franz hieß Melchior Friedrich. Somit muß es im Text entweder heißen "Philipp Erweins Neffe Lothar Franz" oder "Melchior Friedrichs Bruder Lothar Franz".

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