Dienstag, 2. Dezember 2014

348.

Das zweite "WSDST"-Türchen

Im letzten Jahr waren jene Adventskalender-Bilder besonders beliebt, die die Phantasie anregten, weil sie auf diese oder jene Art einen Schnappschuß aus der Mitte einer erzählten Geschichte festzuhalten schienen.

Das kann dieses Werk des Italieners François Brunery (auch, aber weniger bekannt als Frappachino Brunson, 1849-1926) meiner Meinung nach auch:


Die Szene ist zwar klar, aber was genau die vier Herren in der Bibliothek treiben, wird nicht ganz ersichtlich. Versuchen sie, gemeinsam eine Antwort auf eine drängende Frage zu finden? Lesen und forschen sie jeder für sich alleine? War der Kardinal zuerst da und ist nun ein wenig genervt, weil um ihn herum die Mitbrüder toben?

Was auch immer Ihr Euch ausmalt: Mir gefällt das Bild wegen der Vielfalt der Gewänder-Farben. Extra-Punkt für die auf die Stirne geschobene Brille des Globus-Betrachters!

Kommentare:

peccator quidam hat gesagt…

Betrachtet Msgr. Stirnbrillner denn wirklich den Globus oder blickt er nicht eher daran vorbei? Mir scheinen sich alle Blicke auf dem Kardinal zu vereinigen. Vielleicht wackelt Se. Eminenz ja nervös mit dem Fuß oder schnieft fortwährend, wodurch dann auch den tobenden Mitbrüdern ein gutes Maß an Genervtheit zuteil wäre?


Andere Deutung:

"Schön, daß Sie da sind, Eminenz!" -- "Wünsche erbauliche Lektüre, Eminenz!" -- "Haben Sie schon die Nachrichten aus Rom gelesen, Eminenz?" -- "Darf es noch ein Buch sein, Eminenz?" -- "Wünschen Eminenz vielleicht ein Gläschen Portwein?" -- "Würden Ew. Eminenz mir wohl freundlichst das Papiermesser...? Vergelt's Gott, Eminenz!" -- "Ist heut nicht ein Wetterchen zum Eierlegen, Eminenz?" -- "Eine sehr gute Ausstattung hier, Eminenz!"

[Einige Minuten später.]

"Aber was ist denn, Eminenz? Warum lesen Sie denn nicht?" -- "Sie lassen mich ja nicht!" -- "Ich lasse Sie nicht lesen?" -- "Wie können Sie denn so etwas sagen, Eminenz? Der Monsignore hat Ihnen doch völlig korrekt Reverenz erwiesen!" -- "Ich lasse Sie nicht lesen?!" -- "Sie haben mir ins Buch gequatscht!!" -- "Das ist ja unerhört! Ins Buch gequatscht..."

[Wieder etwas später.]

"Dann lesen Sie doch, Eminenz! Lesen Sie doch jetzt!" -- "Das kann ich nicht." -- "Eminenz müssen sich zwingen!"

[Seine Eminenz beginnt, unter den aufmerksamen Blicken aller, mit sichtlichem Unbehagen zu lesen.]

"Na also, es geht doch!" -- "Sieht doch gut aus." -- "Wünsche wohl zu lesen, Eminenz!" -- "Wohl zu lesen, Eminenz!" -- "Nun lassen Sie den Frater doch mal nach vorne!" -- "Also bitte, liebe Mitbrüder, nun drängen Sie doch nicht so: Sie sehen doch, Seine Eminenz möchte in Ruhe lesen!" -- "Was ist denn hier los?" -- "Seine Eminenz liest Apuleius' 'Florida'." -- "Ach!"

Anonym hat gesagt…

monsignore Stirnbrillner blickt m. E. auf den Kardinal, weil er wissen will, was dieser denn da so hingebungsvoll liest.Prälat Violett dagegen scheint mir mit Zettelchen beschäftigt zu sein, Abrechnungen ...? Spannend ist auch die frage, was diese samtknäulerein zu Füßen der Herrn eigentlichsind , uih, wenn die Eminenzen später aufstehen und nicht
aufpassen:..rutsch....schrei...fall...autsch.....ja das Leben währet 70 Jahre und wenn es hochkommt....ihr wisst schon!

Anonym hat gesagt…

Ich glaube, die hängen einfach da rum und sind dekorativ - ein reines Bibliotheksinterieur ohne Moire-Seide war dem Künstler wohl nicht herausfordernd (und lukrativ) genug erschienen.

Alipius hat gesagt…

Beim ersten Betrachten des Bildes dachte ich auch, daß der Bischof mit der Brille den Kardinal anschaut. Erst dann entdeckte ich den Globus (mein Hirn verarbeitet Informationen machmal eigenwillig...) und bin mir jetzt ziemlich sicher, daß die Pupillen auf diesen gerichtet sind.