Mittwoch, 28. Januar 2015

291.

Warum?

Anläßlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz leben wir wieder in den Tagen des großen "Warum?".

Es läßt sich anhand von Aussagen Überlebender nachvollziehen, was geschehen ist. Es herrscht Übereinstimmung, daß so etwas nicht noch einmal geschehen sollte. Andererseits wird nicht grundsätzlich ausgeschlossen, daß es noch einmal geschehen kann.

Ich bin natürlich kein Zeitzeuge, aber ich kann mir ganz gut vorstellen, daß nach Auschwitz so etwas im Raum stand wie die Fragen: "Was zum Henker sind wir eigentlich für Kreaturen?", "Was ist mit uns schiefgelaufen, daß so etwas möglich ist?" oder, kürzer "Warum?". Nun ist es nicht so, daß Ausschwitz der einzige oder der letzte Vertierungs-Augenblick in der Geschichte des ansonsten sich Menschheit nennenden Phänomens war. Aber Auschwitz steht halt irgendwie stellvertretend für all jene Momente und ist daher immer wieder Anlaß für das große "Warum?".

Mein letztes, riesengroßes "Warum?" liegt nur ein paar Tage zurück. Es nistete sich bei mir ein, als ich von der 19-jährigen Schwangeren las, die in Berlin von ihrem Ex-Freund und einem Mittäter bei lebendigem Leib verbrannt wurde, nachdem ihr mehrere Messerstiche in den Unterleib verpaßt wurden.

Gänzlich unabhängig von Religion, kulturellem Hintergrund oder sozialer Lage der Täter stelle ich mir seitdem die Frage, was genau einem solchen Täter in seinem Leben widerfahren oder entgangen sein muß, daß er zu einer solchen Tat fähig ist. Ich habe keine Antwort, und ich weiß nicht, ob ich sie nicht habe, weil es sie nicht gibt oder weil ich sie lieber nicht wissen möchte.

Ich erkenne nur, daß man beim Menschen die richtigen Knöpfe in der richtigen Reihenfolge drücken muß, um ihn dazu zu bringen, über jegliches Mitgefühl, jeglichen Anstand, jegliche Barmherzigkeit, jegliche Großzügigkeit hinweg die monströsesten Taten zu vollbringen.

Wäre der Mensch nicht ebenfalls dazu in der Lage, über jeglichen Widerstand, jegliche Anstrengung, jegliche Unwahrscheinlichkeit, jegliche Aussichtslosigkeit die großartigsten Taten zu vollbringen, man müßte eigentlich sofort beim Customer Service anrufen und das Produkt beanstanden.

So aber bleibt es, wie es immer war und immer sein wird: Ein Gott blickt auf uns herab und erkennt, daß wir trotz Betriebsanleitung viel zu viel falsch machen.

Ist es ein Trost, daß ER nicht fragt "Warum?", sondern daß er sagt "Wart' nur! Komm' Du mir nach Hause!"?

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