Samstag, 24. Januar 2015

295.

Routine oder Überraschung?

Schnelligkeit, Lautstärke und Härte dominieren im Moment die Debatten zwischen zwei Positionen, deren extreme Vertreter für die meisten Leute mit "Pegida" und "Antifa" ausreichend beschrieben sind. Vermeintlicher Streitpunkt ist die vermeintliche Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung des vermeintlichen Abendlandes.

Neben der Gefahr des Zurückrudern-Müssens ("Rache für Khaled!" bzw "Wir sind das Volk!" - immer noch?) riskiert man im Metal-Modus (schnell, laut, hart) auch ein haarscharfes Vorbeirasseln an den Fragen, die für die Streithygiene interessant sind, die aber jeder Beteiligte nur für sich beantworten kann. Dies wiederum kann nur dort geschehen, wo man sich tatsächlich Zeit nimmt und Ruhe gönnt, wo man auf durch simplen Knopfdruck abrufbare Reaktionsprogramme verzichtet und sich überlegt, worum es einem eigentlich grundsätzlich geht.

Geht es mir um einen Abbau von Haß und Gewalt (körperlich, verbal) oder geht es mir um eine solide Positionierung innerhalb einer Peer-Group, die mir ein Beheimatetsein unter größtenteils Gleichgesinnten gewährt, mich aber gleichzeitig in ein Umfeld einbettet, in dem ich durch Abgrenzungs-Signale regelmäßig verdeutlichen muß, daß ich bestimmter Dinge niemals verdächtigt werden kann?

Wenn es mir tatsächlich um einen Abbau von Gewalt und Haß geht, dann muß ich nicht nur schauen, welche Erscheinungsformen von Gewalt und Haß existieren, sondern auch (und besonders) die Frage stellen, in welchem Maße ich selbst dazu beitrage, daß diese Erscheinungsformen Nährboden finden.

Versuche ich, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen? Reagiere ich auf Haß mit Haß? Wird Intoleranz mit Intoleranz beantwortet? Weise ich Verallgemeinerungen mit Verallgemeinerungen zurück? Sprich: Benutze ich das, was ich nicht sehen, hören und fühlen will, um das zu bekämpfen, was ich nicht sehen, hören und fühlen will?

Früher oder später wird so jedermann einen Widerpart finden, dem man sich stellen muß in der Bereitschaft, die "Meine Fresse, deine Fresse"-Masche zu durchbrechen, zu übersteigen, um dorthin zu gelangen, wo man eigentlich wirklich hin will: Weg von der Routine, in der auf bestimmte Aktionen nur bestimmte Reaktionen folgen dürfen, hin zu einem Überraschungsmoment, in dem plötzlich nachgedacht und in Zimmerlautstärke gefragt und geantwortet werden darf.

Die falsche Frage lautet: "Gegen wen muß ich mit verbaler oder körperlicher Gewalt vorgehen, um verbale und körperliche Gewalt einzudämmen?"

Die richtige Frage lautet: "Auf wieviel verbale oder körperliche Gewalt muß ich verzichten, um dazu beizutragen, daß verbale und körperliche Gewalt eingedämmt wird?"

Die Antwort auf die richtige Frage dürfte klar sein.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Ich finde es wahnsinnig schwierig (wirklich!), hier den richtigen Schlängelpfad zu finden. Denn in der Tat gibt es Situationen, in denen klare Ansage sinnvoll ist - und gern auch ein bißchen weniger nett. Es gibt Situationen, in denen Gewalt als ultima ratio im Wortsinn notwendig ist und alles andere versagt hat. Ob es zur Zeit wirklich schwerer ist denn je zu sehen, ob gerade Freundlichkeit und Sanftmut der richtige Weg ist oder klare Ansage und Bereitschaft zur Verteidigung mit härteren Mitteln - oder ob es nur mir so scheint, daß es noch nie dermaßen schwer war - das kann ich nicht beurteilen.
Ich merke selbst, daß ich in mancher Hinsicht weniger tolerant bin als früher, aber vielleicht bin ich ja auch nur weniger gutmenschelnd.
Was ich leider merke, ist, daß ich von Pegidaanhängern als Islamistenversteher und von Islamistenversteher als Pegidaanhänger angesehen werde, obwohl ich beide Seiten gräßlich finde.

Alipius hat gesagt…

Die Gewalt als ultima ratio bei Notwehr oder bei Selbstverteidigung oder bei der Verteidigung Schwächerer habe ich in meinem Beitrag geistig ausgeklammert. Das sind irgendwie Sonder-Bedingungen, die nicht zu dem Bereich passen, in dem jeder, der Lösungen will, zuerst einmal Teil der Lösung werden muß und nicht Teil des Problems bleiben darf. Angespornt wurde ich übrigens weder von Pegida-Mitgliedern noch von Islamisten sondern von total überzogenen Reaktionen aus der Antifa-Ecke, die mittlerweile schon so antifaschistisch ist, daß sie auch vor dem Gebrauch des Wortes "degeneriert" (= entartet - was ich Dir natürlich eigentlich nicht übersetzen muß) nicht zurückschreckt.