Freitag, 26. Februar 2016

Gotteslästerung...

ie Aufregung ist groß, nicht nur im katholischen Münsterland. Denn dort - genauer: in Lüdinghausen - stand nun der Ex-Physiklehrer und bekennende Atheist Herbert Voß wegen Gotteslästerung vor Gericht. Was hat er angestellt? Er ist Erfinder und Fahrer des Spruch-Taxis, eines ansonsten eher unauffälligen Kleinwagens, in dessen Heckscheibe er glaubens-, bibel- und kirchenkritische Sprüche durch die Gegend kutschiert. Beispiele:
  • Wir pilgern mit Martin Luther: Auf nach Rom! Die Papstsau Franz umbringen. Reformation ist geil! *
  • Christl. Eltern! Wenn dieser schreiende Bettnässer euch auch noch verflucht, sollt ihr ihn lynchen! Jesus will es! (nach Mt 15,4) Macht ein neues Kind!
  • Kirche sucht moderne Werbeideen. Ich helfe. Unser Lieblingskünstler: Jesus - 2000 Jahre rumhängen. Und immer noch kein Krampf!
Das Gericht hat jetzt drohend "Du, du!" gerufen, einen Verwarnung wegen Gotteslästerung ausgesprochen und dem Vielfahrer 500 Euro Tankgeld abgezogen. Voß sieht natürlich kein Problem, will er doch, wie er im Video angibt, "die Leute mal aufmerksam machen auf Dinge, die man in der Bibel findet". Nun ja...

Der Spaß sei ihm gegönnt. Ich persönlich sehe das mit der Gotteslästerung ja eher locker: Vorausgesetzt, es gibt einen Gott (wir sind ja nicht alle bekennende Atheisten...), so wird es auch dieser Gott sein, der entscheidet, ob über ihn gelästert wurde. Er wird es schwerlich seinen wankelmütigen, gewaltbereiten und grundsätzlich oft total bescheuerten Geschöpfen überlassen, für ihn diese Entscheidung zu treffen. Daß dies in der Vergangenheit dennoch häufig geschah und in der heutigen Zeit in bestimmten Kulturkreisen immer noch geschieht, ändert ja nichts an der Tatsache, daß ein allmächtiges Wesen sicherlich keine Geschöpfkrümel braucht, die ihm sagen, wann gefälligst es sich eingeschnappt, angepißt oder beleidigt zu fühlen hat. Natürlich besteht unter gläubigen Menschen das Einverständnis, daß man Gott ehren und sich nicht über ihn lustig machen soll. Und natürlich dürfen gläubige Menschen sich schräg angemacht fühlen, wenn dahergelaufene (oder in diesem Fall dahergefahrene) Aufmerksam-Macher mal wieder der Hafer sticht, sie morgens aufwachen und sich sagen "Hach... Ich müßte eigentlich mal etwas machen, was vorher noch nieeeeeeeee jemand gemacht hat. Wie wäre es mit ein wenig Aufklärungsarbeit in puncto Bibel und Kirche...?". Aber gläubige Menschen sollten deswegen nicht automatisch annehmen, daß irgendwo da oben im Himmel nun ein Gott sitzt, der sich irgendwie so marginalisiert und bloßgestellt vorkommt, daß er dringend den Einsatz irgendwelcher Bodentruppen braucht, die seinen schlaflosen Nächten ein Ende bereiten.

Gotteslästerung ist also eigentlich weniger Gotteslästerung als Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen. Und so heißt es ja auch im Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches, aus dem das Urteil abgeleitet wurde. Und da treffen wir den Kern der Sache schon eher. Denn es geht auch und besonders - wie man ebenfalls im Strafgesetzbuch lesen kann - um den öffentlichen Frieden. Was heißt das konkret? Egal, wie cool Gott ist, wie dick seine Haut und wie groß seine Bereitschaft zu verzeihen: Man muß leider davon ausgehen, daß er erstens auf Erden nicht immer so portraitiert wird, wie er eigentlich ist und daß er zweitens Anhänger hat, die nicht nur in seinem Namen reden, sondern notfalls auch in seinem Namen töten wollen. Und dieses Kontingent potentiell explosiver Anhänger ist immer eine Gefahr für den öffentlichen Frieden, weswegen man eben mit Reden und Schreiben über Gott ein wenig vorsichtig sein sollte.

Natürlich ist eine solche Geiselhaft unfair. Natürlich möchte man sich in puncto Religions- oder Kirchenkritik keinen Maulkorb anziehen, nur weil man Angst haben muß, daß man sonst verprügelt, erschossen oder in die Luft gesprengt wird. Aber wir leben nun mal in einer unvollkommenen Welt und wir müssen immer damit rechnen, daß Gott von seinen Geschöpfen mißverstanden wird und ein Glaube an ihn sich daher nicht immer heilsam, rational und zivilisationsunterstützend manifestiert.

Wir sind aber auch als Menschen frei geschaffen und wir haben es nicht nur in der Hand sondern vor allem auch im Hirn und im Herzen, zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung zu treffen. Das heiß z.B. für mich als Christ konkret, daß ich eben nicht den Skalp fordere bzw den öffentlichen Frieden störe, wenn irgendwo irgendwer irgendwas von sich gibt, was man als Gotteslästerung auslegen könnte. Umgekehrt könnte dies bedeuten, daß irgendwelche Schreiber oder Karikaturisten oder Kabarettisten oder Ex-Lehrer mit Kleinwagen nicht zwangsläufig die Religions- oder Christentums- oder Katholizismus-Karte spielen müssen, nur um sich relevant zu fühlen oder Öffentlichkeit zu erzwingen. Aber wir leben, wie gesagt, in einer unvollkommenen Welt...

Wenn ich Leute wie Voß überhaupt anklagte, dann nur deswegen, weil sie so fürchterlich unoriginell, monoton und farblos und dennoch gleichzeitig so pfauenhaft sind.
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* Vom Luther-Spruch glaube ich übrigens, daß er kein Aufruf zum Papst-Mord sein soll, sondern eher Beweis dafür, daß Luther eben auch nicht besser war, als der Papst, wird dem Reformator doch die Frage zugeschrieben: „Wenn wir die Diebe mit dem Galgen, die Räuber mit dem Schwert, die Häretiker mit dem Feuer strafen, warum greifen wir nicht viel mehr diese Magister des Verderbens, diese Kardinäle, diese Päpste und diese ganze Dreckansammlung des römischen Sodom, die die Kirche Gottes ohne Ende zerstört, mit allen Waffen an und waschen unsere Hände in ihrem Blut, so wie wir uns und die unsern von einem allgemeinen und für alle höchst gefährlichen Brand befreien?".

Kommentare:

Thomas Sebbel hat gesagt…

Danke für die klare und verständliche Erklärung.
Das Herr Voss aus Lüdinghausen kommt wußte ich gar nicht.
Und das Physiker auch bekennende Atheisten seien können, man lernt nie aus, ich vermutete sie eher bei den Biologen.

Alois hat gesagt…

Es gibt sogar handwerker, welche Atheisten sind! Wie ich. Wenn auch nicht "bekennende", was immer darunter zu verstehen ist.

Der Herr Alipius hat gesagt…

Ich denke mal, Atheisten dürfte es so ziemlich in allen Berufen geben (also, jetzt mal von Priestern abgesehen, will ich hoffen)...