Donnerstag, 15. Januar 2015

304.

Kunstzerstörung (I)

Dies ist der erste Teil der hier angekündigten, kleinen Serie persönlicher Überlegungen zum Thema "Kunstzerstörung".

Gleich zu Beginn erst eimal einen dicken Dank an diejenigen, die mir noch weitere Motive für Kunstzerstörung geliefert haben. Ich werde die beiden Vorschläge, die sich nicht unter anderen Punkten einreihen lassen, unter Punkt 4 "Gezielte Kunstzerstörung durch Menschenhand" mit dem Titel "Öffentlichkeit/Ruhmsucht" einordnen.

Heute gibt es aber zuerst einmal den Punkt 1: "Kunstzerstörung durch nicht menschgemachte Katastrophen"

Ich werde mich in meinen Betrachtungen hauptsächlich mit den bildenden Künsten beschäftigen, also mit Malerei, Bildhauerei, Architektur und mit Produkten des Kunsthandwerks. Musik, Literatur oder darstellende Kunst werden nur dort berührt, wo sie offensichtlich mit angesprochen gehören.

Sinn der Reihe ist nicht, daß der Leser am Ende ein großes "Aha!"-Erlebnis hat. Wenn das geschieht, um so besser. Aber grundsätzlich geht es mir darum, eigene Gedanken zu ordnen und ein paar Leute dabei zusehen bzw mitlesen zu lassen.

Gehen wir's an.

1.) "Kunstzerstörung durch nicht menschgemachte Katastrophen"

Bei nicht menschgemachten Katastrophen denkt man in der Regel an Naturkatastrophen. Erdbeben, Windstöße, Wassermassen und Feuersbrünste sagen sich selten bis nie "Das ist aber Kunst! Das lasse ich bestehen...". Vor ihnen ist alles von Menschenhand Erschaffene gleich und wird daher auch gleich behandelt. Ausschlaggebend ist hier einzig die Frage, wie widerstandsfähig ein Kunstwerk gegen die Naturgewalt ist, welche sich soeben austobt.

Die Kunstzerstörung durch Naturkatastrophen hat den Vorteil (wenn man es so nennen mag), daß der Mensch sich nach der Schock- und Trauer-Phase (denn selten verläuft so eine Katastrophe, ohne daß Menschen sterben und verletzt werden) gleich wieder an den Aufbau machen kann, ohne lange eine Schuldfrage klären zu müssen und somit Rachegelüste aufzubauen oder zumindest eine Attitüde zu pflegen, in der die Verzeihung eine minimale Chance hat, das Vergessen aber durch ein Narrativ ersetzt wird, welches sicherstellt, daß auch 10 Generationen später die Nachfahren noch wissen, daß X für die Zerstörung von Y verantwortlich zu machen ist. Es folgt somit auf die Zerstörung ein Seufzen und ein "Dann wollen wir mal...", dessen resignativ-zurückblickender Unterton sicherlich im Laufe der Zeit und mit fortschreitender Arbeit durch ein hoffnungsvolles Vorausschauen ersetzt wird. Solidaritätskundgebungen und materielle oder organisatorische Hilfe von außen trägt in der Regel dazu bei, den Getroffenen das Gefühl zu geben, in ihren Bestrebungen nicht alleine dazustehen.

Die Schuldfrage wird nach Naturkatastrophen zwar auch gestellt, aber dann betrifft sie nicht den Auslöser der Katastrophe, sondern diejenigen, die vorher schlampig gearbeitet haben und deren Nachlässigkeit aufgrund der Katastrophe erkennbar wurde.

Ob nun das, was an Kunst durch Naturkatastrophen verloren ging, wieder hergestellt wird, oder ob man es ersetzt, daß hängt natürlich von der Bedeutung der zerstörten Kunst und von der Reproduzierbarkeit bzw Renovierbarkeit einzelner Werke ab. Ein nicht völlig ramponiertes bedeutendes Barockschloß wird man nach einem Erdbeben sicherlich wieder restaurieren. Eine verbrannte Mona Lisa läßt sich andererseits einfach nicht wiederherstellen, sondern höchsten kopieren, was aber sofort den Reiz senkt.

Je nach Ausmaß und Eindruck der Katastrophe und somit der Zerstörung, kann diese auch Folge haben, welche sich auf die Politik und die Geistes- und Naturwissenschaften auswirken. Das große Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 zerstörte am Allerheiligentag so ziemlich alles, was an Palästen, Kirchen und Klöstern vorhanden war und ließ pikanterweise das Rotlichtviertel der Stadt verschont. Zehntausende von Menschen verloren ihr Leben. Nach dem Beben legte sich die Feindschaft zwischen dem Premierminister, dem späteren Marquês de Pombal, und dem Adel, weil ersterer schnelle und durchgreifende Maßnahmen zur Schuttbeseitigung und zum Wiederaufbau einleitete. Unter Philosophen wurde die Theodizeefrage plötzlich ganz heiß gekocht. Und eine vom Premier angeordnete Umfrage in allen Pfarren wurde sozusagen zum Startschuß der modernen Seismologie, wurden die Befragten doch gebeten, nicht nur die Anzahl der Nachbeben, sondern auch Unauffälligkeiten im Verhalten von Tieren oder Besonderheiten an Wasseroberflächen zu notieren.

Grundsätzlich führt jede Naturkatastrophe zur Frage, wie man künftig in ähnlichen Fällen den Verlust von Menschenleben und Kulturgütern minimieren kann. Jedoch ist der Mensch hier in all seinen Überlegungen doch immer noch den Launen der Elemente unterworfen.

Für mich persönlich findet man das Entsetzen über Kunstzerstörung durch Naturkatastrophen im unteren Bereich meiner von 0 bis 10 reichenden "Schade!"-Skala, also ungefähr bei 2. Bei Naturkatastrophen geht mir in erster Linie immer das Schicksal der Menschen nahe und weniger das der Kunst.

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