Montag, 27. April 2015

Das Heilige Rosa

"Gaudete in Domino semper" und "Laetare, Ierusalem": So erklingt es am 3. Sonntag im Advent und am 4. Sonntag der Fastenzeit in den Kirchen, wenn die Priester das für diese Zeiten vorgeschriebene Violett der liturgischen Gewänder wegen des freudigen Charakters der beiden Tage durch Rosa (also ein helleres Violett) ersetzen.

Grund für die Freude ist die Erwartung: Im Advent fiebert man der Menschwerdung Gottes entgegen, der Geburt dessen, der das Universum erschaffen hat, in menschlichem Fleische. In der Fastenzeit freut man sich auf den Einzug des Königs in Jerusalem.

Wenn wir nun in einer Zeit leben, in der die Christen in den Ländern mit echten Erste-Welt-Problemen feststellen, daß das antipatriarchalische Violett der Feministen langsam aber sicher ersetzt wird durch das brutal-zarte Rosa der Gleichgeschlechts-Aktivisten, dann wächst auch hier die Erwartungshaltung bei jenen, die bereit sind, sich nicht nur im HErrn zu freuen, sondern auch in seinen Spuren zu gehen, und sei es bis zum Kreuz.

Zumindest in den USofA nämlich setzt der Staat eindeutige Signale, was ihm künftig wirklich heilig sein soll. All die "Gleichgeschlechtliche Ehen werden doch niemals irgendwelche negativen Auswirkungen auf irgendwen haben"-Beteuerungen, die ich schon vor Jahren für laute Luft hielt, kommen mir nun nur noch verlogener vor.

Daß eine winzige Gruppe von der ganzen Welt verlangt, sie möge ihr doch bitte exakt die gleiche Bewunderung entgegenbringen, die sie für sich selbst hegt, das halte ich nicht einmal für seltsam. Daß aber diese Selbstbewunderung den Leuten nicht die Kraft gibt, sich ohne Beihilfe von Mama Staat mit bestimmten Realitäten abzufinden, das läßt mich einigermaßen verwundert zurück bzw. läßt mich vermuten, daß die Bewunderung vielleicht doch nur das Pfeifen im dunklen Keller sein könnte.

Hinzu kommt ein weiteres Rätsel: Jahrelang haben sich Schwule und Lesben zurecht gegen dämliche Sprüche, Erniedrigung, Gewalt und Ausgrenzung gewehrt. Das bedeutet doch, daß sie am eigenen Leibe (oder an der eigenen Seele) erfahren haben, wie schlimm diese Dinge sind. Wie kann es dann sein, daß sie sich nun anschicken, alles in gleicher Münze zurückzuzahlen und dies teilweise auch noch mit Hilfe des Gesetzes?

Sollen ruinierte Familienbetriebe, beschädigte Autos, Aufrufe zu Mord und Gewalt, heugabelschingende Internet-Mobs und eingekerkerte Pastoren wirklich das Fundament sein, auf dem das Heilige Rosa dieser Leute blüht und gedeiht?

Kommentare:

Matthias Ruckenbauer hat gesagt…

Teil des Problems in (u.a.) den Vereinigten Staaten ist, daß eine kirchlich geschlossene Ehe auch gleichzeitig zivile Anerkenntnis hat. Es wird hier etwas vermischt das bei uns in große Weisheit getrennt ist (auch wenn manche das übersehen). Das eröffnet aber *natürlich* eine Tür für Rechtstitel, denn was staatlich erlaubt ist kann man als Kirche, wenn man staatliche Aufgaben übernimmt, nicht verweigern.
In meinen Augen könnte man auch bei uns deutlicher machen, daß die standesamtliche Hochzeit keine Bedeutung vor Gott hat.[1] Dann wäre auch klarer, daß eine Rede von "wieder verheirateten Geschiedenen" von Grunde auf unsinnig ist, weil weder die zivile Scheidung noch die erneute zivile Ehe von besonderem Interesse sind außer als äußeres Zeichen des fortgesetzten Bruchs des christlichen Sakraments. Wenn natürlich nicht "Gott verbindet" sondern: "Ich durch die mir vom Staat ... übertragene Vollmacht" die beiden zu Mann und Frau erkläre, dann ist auch klar wessen Diener ich bin. Und ein Diener ist nie höher als sein Herr(chen).

Matthias

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[1] Ja, es gibt so etwas wie eine "Sanatio in Radice" in der die Kirche feststellt, daß die Ehe, obgleich nicht der Form nach geschlossen von Anfang an bestanden hat (ab dem Zeitpunkt der zivilen Trauung). Ein weises Instrument das dem Umstand Rechnung trägt, daß man manchmal etwas wirklich verbuxelt und die "normalen" Regeln nicht für jede Dummheit ausgelegt werden können.

Michael hat gesagt…

off topic: kennt ihr diesen Artikel schon?
http://m.bild.de/politik/ausland/isis/warum-ich-mich-als-christ-outen-moechte-40730986,variante=S.bildMobile.html

Richard hat gesagt…

Ich komme ehrlich gesagt nicht so ganz klar mit dem Artikel. Zum ersten finde ich die Weigerung für ein Fest einen Kuchen zu backen nicht unbedingt einen Ausdruck aufrecht christlicher Überzeugung sondern eher eine Kinderei - aber das nur am Rand. Aber was soll der Satz: "...sich ohne Beihilfe von Mama Staat mit bestimmten Realitäten abzufinden," - welche Realitäten meinen Sie damit? Die Realität aufgrund seiner sexuellen Orientierung wegen diskriminiert zu werden? Wohin soll das außerdem führen, wenn jeder sich weigern würde für andere Dienstleistungen zu erbringen nur weil ihnen deren Religion, Hautfarbe, ethische Herkunft oder sexuelle Orientierung nicht passt. Wird sich dann ein atheistischer Florist weigern Blumen für ein christliches Beerdigungsfest zu liefern oder ein rassistischer Bäcker Brot für eine Hochzeit verweigern weil dort eine weiße Frauen einen Schwarzen heiratet? Inwiefern soll das vorbildlich christlich sein. Jeder hat das Recht gemäß seinen religiösen Überzeugungen zu leben. Niemand hat aber das Rechte jemanden aufgrund seiner eigenen religiösen Überzeugungen fundamentale Menschenrechte abzusprechen. Jeder - egal ob Hetero- oder Homosexuell - hat das grundlegende Recht eine Beziehung zu führen, die auf gegenseitiger Achtung, Treue und Intimität beruht.Wenn ein "Christ" das jemanden abspricht nur weil ihm dessen Orientierung nicht passt dann bewegt er sich außerhalb von Demokratie und Menschenrechten. Genau wie ein rechter Glatzkopf, der dunkelhäutige Kinder anpöbelt.

Der Herr Alipius hat gesagt…

"Aber was soll der Satz: "...sich ohne Beihilfe von Mama Staat mit bestimmten Realitäten abzufinden," - welche Realitäten meinen Sie damit?"

Nach dieser Frage hätten Sie vielleicht erst einmal den Atem anhalten und meine Antwort abwarten sollen. Dann hätten Sie Sich nicht mit der Spekulations-Kette abmühen müssen, an deren Ende dann plötzlich "fundamentale Menschenrechte" auf dem Spiel stehen und Christen gar anderen Menschen absprechen wollen, eine Beziehung zu führen. Das ist leider sehr weit am eigentlichen Punkt vorbei.

Die kleinen US-Unternehmer, die beispielhaft in meinem Beitrag verlinkt werden, weigern sich keinesfalls, in ihren Läden an alle Menschen all das zu verkaufen, was eben angeboten wird. Sie möchten nur nicht bestimmte Zeremonien oder Feste mit ihren Waren unterstützen, weil sie das mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Ich selbst finde diese Einstellung übrigens auch komisch, denn es gibt ja einen ganzen Haufen anderer Sünden, die auch nicht eben versteckt gelebt werden und für die man dann eigentlich auch nicht liefern dürfte.

Noch komischer - um nicht zu sagen bitterer - finde ich allerdings diese inszenierten Hetzjagden von Leuten, die genau wissen, daß sie drei Straßenecken weiter genau das bekommen, was sie wollen (worauf sie von den Läden, die ihren Wunsch abschlagen übrigens auch oft genug hingewiesen werden).

Richard hat gesagt…

Ich denke dass sich meine grundsätzliche Meinung auch nach Ihrer Antwort nicht ändert. Erstens finde ich das amerikanische Schadensersatzrecht für übertrieben und in diesen Fällen nicht angemessen. Auch "Shitstorms" finde ich entbehrlich. Andererseits bleibt es eine reine Vermutung, dass die betreffenden Gewerbetreibenden Homosexuelle auch dann bedienen würden, wenn sie wüssten dass diese homosexuell leben. Vergleichbare Fälle gab und gibt es ja genug. Das ist aber noch gar nicht der Punkt. Ich gestehe jeder Krankenschwester zu aus Gewissensgründen nicht bei einer Abtreibung assistieren zu wollen und jedem Priester aus Gewissensgründen keine gleichgeschlechtliche Partnerschaft segnen zu wollen. Ich tue mich aber schwer damit einem Bäcker zuzugestehen, aus Gewissensgründen kein Brot backen zu wollen. Hier geht es auch nicht um die Ablehnung einer gewissen Zeremonie geht sondern um die Ablehnung der Menschen selbst. Das lässt sich nicht - wie Josef Bordat meint - treffen. Wenn ich der Meinung bin, dass jeder Mensch das Recht hat eine Beziehung zu führen, dann muss ich seine Entscheidung auch respektieren. Die Nichtbelieferung ist Zeichen des Nicht-Respekts und der Verachtung - sowohl der Zeremonie wie auch des Menschen. Es ist außerdem ein sehr großer Unterschied ob sich ein Bäcker, der Nachkomme von Holocaust-Überlebenden ist, weigert für eine Veranstaltung der Kameradschaft IV zu liefern oder wenn sich jemand weigert für eine Verpartnerung zu liefern. Es geht hier einfach auch ums Prinzip. Ich möchte nicht in einer Welt leben, wo es aus "Gewissensgründen" gerechtfertigt wäre kein Brot an eine Hochzeit zu liefern, nur weil das Ehepaar jüdisch ist. Und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist genauso zu abzulehnen wie Diskriminierung aufgrund der Religion.

Der Herr Alipius hat gesagt…

Es ist eben keine Vermutung, daß homosexuelle in einer Pizzeria oder in einer Bäckerei in den USA ebenso bedient werden, wie andere Leute auch. Ich habe viele Artikel gelesen, die sich mit dem Thema beschäftigen und immer wieder war der Tenor: "Wir bedienen in unseren Läden jeden, der hereinkommt, aber wir stellen uns nicht für jede Veranstaltung zur Verfügung". Somit geht es eben nicht um die Ablehnung eines Menschen, sondern in der Tat um die Ablehnung einer Zeremonie.

Respekt bedeutet erst einmal nicht, daß ich mich für Aktionen zur Verfügung stelle, in die sich eine Befürwortung hineinlesen läßt, sondern daß ich gemäß der Herkunft des Wortes Rücksicht nehme. Und Rücksicht können tatsächlich auch jene ausüben, die sie einfordern. Sprich: Es könnten mit bedeutend weniger Ärger die Leute, die sich in einer christlichen Bäckerei in puncto Hochzeitsanlieferung unberücksichtigt fühlen, die Gewissensvorbehalte des Bäckers respektieren, zum nächsten Bäcker gehen und dort erhalten, was sie begehren.

Richard hat gesagt…

Es geht schlicht und einfach um Diskriminierung. Das heißt um die gezielte und absichtliche Benachteiligung von Menschen aufgrund einer Eigenschaft, für sie nichts können und an der sie auch nichts ändern können. Und das ist nun einmal zurecht verboten - in den USA und in Europa. Dabei macht es keinen Unterschied ob sie jemand aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner sexuellen Orientierung diskriminieren. Und die subtile Täter/Opfer Umkehr funktioniert schon gar nicht. Soll zum Beispiel auch ein schwarzes Brautpaar Rücksicht nehmen auf die Befindlichkeiten eines rassistischen Wirtes, der Ihnen Hochzeitsgesellschaft nichts servieren will? Ist das die "schöne neue Welt", die wir uns vorstellen?

Der Herr Alipius hat gesagt…

Leute, die Juden nicht bedienen wollen und Leute (siehe Ihr zweiter Kommentar), die Schwarze nicht bedienen wollen (siehe Ihr letzter Kommentar) sind bisher reine Spekulation, auf die ich mich nicht einlasse. Die Fakten stehen in den von mir verlinkten Artikeln. Es ist müßig, jetzt vom Absprechen fundamentaler Menschenrechte und/oder vom Absprechen des Rechtes auf das Führen einer Beziehung (siehe Ihr erster Kommentar) auf das breite Feld der Diskriminierung zurückzurudern, wenn diese nach wie vor keine Einbahnstraße ist. Leute, deren Lebensgrundlage ruiniert wird, weil selbstverliebte, publicitysüchtige Schreihälse nicht den Respekt üben, den sie fordern, werden ein Lied davon singen können. Und mit einem simplen "Die haben aber angefangen" kriegt man da auch den Hals nicht aus der Schlinge. Immerhin sind es ja die gleichgeschlechtlich Heiratenden, die nicht diskriminiert werden wollen. Das dürfte ja wohl heißen, daß sie Diskriminierung nicht nur erfahren haben, sondern auch als schlecht bewertet haben. Wie kann es dann sein, daß sie genau zu dieser Taktik greifen, um ihren Willen durchzusetzen, wenn es - ich wiederhole mich - um die Ecke den nächsten Laden gibt, der ihre Wünsche erfüllt? Geht es wirklich um die Torte, oder geht es darum, gesellschaftsweit möglichst hohe Zustimmung zu erzwingen?

Richard hat gesagt…

Sie weichen sehr geschickt und wortreich dem eigentlichen Thema aus. Vorerst mal - ganz offen gesagt - als Richter würde ich den "Geschädigten" in diesen Fällen nicht mehr als 50 Euro Schadenersatz zugestehen, für den zusätzlichen Weg den sie vielleicht hatten. Das ist aber nicht das eigentliche Thema. Die eigentliche Frage ist ob Diskriminierung in jedem Fall gleich zu bewerten ist oder nicht. Ich meine hier zum Beispiel Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Wenn sie gleich zu bewerten wäre, dann müsste dem Bäcker, der kein Brot für Hochzeit zwischen einem Mann schwarzer und einer Frau weißer Hautfarbe liefern will genauso Respekt entgegengebracht werden, wie dem Bäcker, der kein Brot zu einer Homo-Hochzeit liefern will. Ob es solche Fälle jetzt konkret gibt oder gegeben hat spielt dabei keine Rolle.

Der Herr Alipius hat gesagt…

Mein persönliches Empfinden geht in die Richtung, daß Diskriminierung wegen der Hautfarbe schwerer wiegt als Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung, vorausgesetzt, es handelt sich in der Tat um eine Gewissensfrage und nicht um plumpen Schwulenhaß, den ich ablehne.