Freitag, 22. Januar 2016

Nö...

m IDEA-Magazin ist zu lesen
    Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. (Moskau), gibt der Verweltlichung im Westen eine Mitverantwortung dafür, dass die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) entstehen konnte. Der IS erschaffe eine Zivilisation, „die neu ist im Vergleich zu der etablierten, die gottlos ist, verweltlicht und in ihrer Verweltlichung sogar radikal“, zitiert die Zeitung „The Independent“ (London) Äußerungen des Kirchenführers. ... Während Paraden sexueller Minderheiten nicht nur gestattet seien, sondern auch noch Unterstützung fänden, würden etwa Demonstrationen von einer Million Christen in Frankreich für die traditionelle Familie und gegen die Homo-Ehe von der Polizei aufgelöst.
Daß der Westen am der Entstehung und auch der Erstarkung des IS nicht ganz unschuldig ist, pfeifen ja eh schon lange die Spatzen von den Dächern. Da will ich auch gar nicht widersprechen.

Aber die Begründung des Patriarchen finde ich gewagt. Der IS erschafft also eine Zivilisation, die neu ist im Vergleich zu der etablierten, die gottlos und verweltlicht ist? Was ist denn bitteschön am IS NICHT gottlos und verweltlicht? Soll all das Morden, Vergewaltigen, Erpressen, Zerstören, Vertreiben, Unterdrücken, sollen all die Aktivitäten des IS jetzt also die gebenedeite Alternative darstellen für all jene, die mit dem gar schröcklich entgotteten Westen mit seinem pfuien Sex und seiner entarteten Religionsfreiheit irgendwie unzufrieden sind?

Humbug.

Natürlich ist der Westen gottlos und verweltlicht.

Aber die Leute gehen doch nicht zum IS, weil sie so mega-spirituell sind und dringend eine authentische Gotteserfahrung brauchen. Die Leute gehen doch nicht zum IS, weil sie dort keine Paraden gewagt gekleideter Gays ertragen müssen. Die Leute gehen doch nicht zu IS, weil sie endlich der Hölle auf Erden entfliehen wollen.

Die Leute gehen zum IS, weil irgendwelche machtgeilen Manipulatoren unbedeutenden Verlierern ein Ziel und eine Gemeinschaft geben und sie so in Kanonenfutter für ihre Gewaltorgien und Weltherrschaftsphantasien umwandeln. Wenn ein streng dreinblickender, bärtiger Herr mit ernster Stimme verkündet, daß das schon alles okay ist so, weil es schließlich Gottes Zustimmung findet, dann werden aus schüchternen Pickelmännchen blitzschnell dauergeile Wüstenrambos. Und da selbst in den Hirnen tumber Illiteraten offenbar immer noch Platz ist für eine "Aber im Koran steht/Aber Allah will..."-Monokultur, läßt sich jede noch so abartige Tat im Handumdrehen rechtfertigen.

Aber nur weil Allah drauf steht, erzähle man mir nicht, hier ginge es um geistliche Erfahrung, um spirituelle Sehnsucht oder gar um das Gegenteil von Gottlosigkeit und Verweltlichung. Hier geht es schlicht und einfach um eine simple Ausrede, ein nutzloses Schmarotzerdasein noch mit etwas Recht des Stärkeren würzen zu können, um sich all jene Träume zu erfüllen, die damals, in der ach so gottlosen Zivilisation des Westens, leider meilenweit entfernt waren, weil es dort gewisse Grundvoraussetzungen gab und gibt.

Und jetzt kommt mir nicht mit den Armen, den zu kurz Gekommenen, den Chancenlosen, den Mißverstandenen und all den anderen Variationen des offiziellen Verstehertums. Wer Energie genug hat, in ein fernes Land zu reisen, um dort zu morden und zu zerstören, der hat auch genug Energie, um in dem Land, in dem er sich befindet, an etwas Gutem mitzuwirken, ja vielleicht sogar etwas Gutes anzustoßen und ins Rollen zu bringen.

Es ist eine Frage der Wahl. Wer beim IS mitstinkt, der hat die falsche Wahl getroffen und braucht sich über kein noch so hartes Urteil zu beschweren.

1 Kommentar:

Martina Baro hat gesagt…

Was, der Westen soll komplett gottlos sein?
Bei mir war kein Jihadist, der mich nach meiner Spiritualität fragte oder nach welchen Grundsätzen wir unsere Kinder groß gezogen haben.
Keiner kam, um mit uns zu meditieren, sich in der Eine-Weltarbeit zu engagieren, Alte zu besuchen, einander zu helfen, zu teilen, miteinander zu beten und Gott zu loben. Niemand der Muslime hat uns über die Schulter gesehen, wenn wir, wie Rahner schrieb, den Alltag und das Gewöhnliche lieb hatten, schlicht und einfach taten, was dran war, ohne nach einer Kompensation zu fragen.
Sich genauer informieren, wie Christen leben, was für Werte sie vertreten, wie sie miteinander und vor allem mit anderen umgehen, das trauen sie sich nicht.
Es könnten aus Versehen die Vorurteile ins wanken kommen, dann sind diese Leute hilf- und kopflos.

Ist das des Rätsels Lösung?