Samstag, 9. April 2016

Merke: Bibelverse immer bis zum Ende lesen!

eil es regnet und ich heute Nachmittag keine Wander- oder Fahrrad- oder Rumturn-Therapie habe, möchte ich einmal beispielhaft einen Zeitungsartikel herauspicken, um zu demonstrieren, wie in diesen Tagen das nachsynodale Schreiben des Papstes, Amoris Laetitia, aufgenommen und kommentiert wird.

In der WELT schreibt Lucas Wiegelmann:
    Als Papst Franziskus an seinem neuesten Text arbeitete, scheint er über einer Bibelstelle besonders gegrübelt zu haben, jedenfalls kommt er insgesamt drei Mal auf sie zu sprechen. Es ist die Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin. "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie", wird Jesus an der entsprechenden Stelle des Johannesevangeliums zitiert. Darauf gehen alle, die sich über die Ehebrecherin empört hatten, nach Hause, und Jesus fährt fort: "Auch ich verurteile dich nicht."
Okay. Das gute, alte Johannesevangelium. Bibelkenntnis zieht immer. Der Autor fährt fort:
    Es ist eine populäre Geschichte. Vor allem liberale Katholiken erwähnen sie gerne, weil sie Nachsicht predigt statt Prinzipienreiterei. Doch die Erzählung hat einen Haken: Dass Jesus damals im Jerusalemer Tempel, wo die Geschichte spielt, auf ein Urteil verzichtet hat, mag für die Ehebrecherin eine gute Lösung gewesen sein. Aber wenn sich heute ein Papst über die Stelle beugt und daraus klare Verhaltensregeln ableiten will, hat er es ziemlich schwer.

    Ist es egal, dass die Frau die Ehe gebrochen hat? Oder befürwortet Jesus zwar keine Steinigung, aber zum Beispiel den zeitweisen Ausstoß der Ehebrecherin aus der Gottesdienstgemeinschaft? Was würde er sagen, wenn die Frau erneut die Ehe bricht? Jesus hat leider davon abgesehen, seine Vorstellung von Ehe, Familie und Sexualität näher zu erläutern.
"Was würde er sagen, wenn die Frau erneut die Ehe bricht?"

Echt blöd, daß die Evangelien immer so ultra-kryptisch sind und dazu den Berichten nie ein befriedigendes Ende geben.

Oh! Momentchen!

Geht es nach dem "Auch ich verurteile dich nicht" dort etwa weiter? Schaut so aus. Was steht denn da?
    Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!
Und schon haben wir mindestens drei Antworten: Es war nicht egal, daß die Frau die Ehe gebrochen hat. Jesus wäre wenig begeistert, wenn die Frau erneut die Ehe bricht. Und er brauchte seine Vorstellung von Ehe, Familie und Sexualität nicht näher zu erläutern, da er offenbar eine ziemlich genaue Vorstellung von der Sünde hat. Daß aber der Ehebruch zu den Sünden zählt, das wird aus dem zitierten Kapitel recht deutlich.

Es könnte so einfach sein...

Kommentare:

katholischlogisch hat gesagt…

Ich bin auf S. 138 des besagten Briefes. Ich werde bloggen. Aber erst, wenn ich fertig gelesen habe. Der Artikel ist in Arbeit.
Warum wachsen um mich herum eigentlich so viele Artikel wie Pilze aus dem Boden, die schon alle 304 Seiten gelesen und verstanden und die angegebenen Stellen nachgeschlagen (öhm... halb verstanden, halb nachgeschlagen) haben?
Ich würde mich schämen, einen Artikel über ein mir unbekanntes Schriftstück zu schreiben.

Josef Broszeit hat gesagt…

Ich hatte kürzlich einen Disput mit einem Theologen wegen des sekundären Charakters der Perikope vom Herrn und der Ehebrecherin.
Der Bericht steht nicht in der Urfassung des Johannesevangeliums und wurde erst später dort mit eingefügt, was aber meiner Meinung nach der Wahrhaftigkeit, dass sich diese Begegnung wirklich so ereignete, wie sie uns überliefert ist, keinen Abbruch tut.
Auf den sekundären Charakter des Textes hinzuweisen, wird sowohl von der Einheitsübersetzung (1980) als auch von der Bibelausgabe nach Hamp/Stenzel/Kürzinger (1966) erfüllt.
So sind waren die Ausführungen des betr. Theologen also diesbezüglich nichts wesentlich Neues.

Ich selbst lese und rezipiere die Erzählung vom Herrn und der Ehebrecherin in einer Hermeneutik des Vertrauens auf die Echtheit des Berichtes:

Was ist die Quintessenz der Perikope?

Jesus Christus setzt hier die nach dem jüdischen Thorarecht auf Ehebruch stehende Todesstrafe aus; hebt sie de facto auf.

Allerdings eben nicht nach dem Motto „Schwamm drüber – vergeben und vergessen“, wie der oberflächliche Betrachter vielleicht fälschlich meinen könnte.

Das Herrenwort „Geh hin und sündige nicht mehr“ ist in der damaligen Zeit und Gesellschaft ein keineswegs leichter Weg für die ertappte und öffentlich bloßgestellte Ehebrecherin:

Sie dürfte gesellschaftlich geächtet und erledigt sein. Es ist anzunehmen, dass der Ehemann sie verstoßen hat. So ist sie wahrscheinlich auf sich allein gestellt gewesen, denn auch die eigene Familie wird sich wohl wegen des Gesellschaftsdrucks kaum zur ihr bekannt haben.
Keine schöne Perspektive für diese Frau…

Josef Broszeit hat gesagt…

(Fortsetzung:)

Wie mag es wohl mit ihr weitergegangen sein?

In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage, wie es dazu kam, dass diese Erzählung gerade in der uns überlieferten Form zuerst mündlich weitergegeben und schließlich aufgeschrieben und in die Evangelien aufgenommen wurde:

Es wird in der Perikope ja am Ende berichtet, dass nur noch der Herr und die Frau alleine da standen, weil alle anderen weggegangen waren.

Wer hat dann den letzten Dialog zwischen Jesus und der Ehebrecherin weitergegeben?

Der Herr selbst wohl kaum.
Dass Jünger als Zeugen dabei waren, ist zwar möglich aber für mich eher unwahrscheinlich, gerade weil diese Geschichte erst verhältnismäßig spät
in die Evangelien aufgenommen wurde, wie der Theologe ja in seiner umfangreichen Ausführung dargelegt hatte.

Bleibt also die betroffene Frau selbst.
Das gerade halte ich aus den folgenden Überlegungen für durchaus wahrscheinlich und plausibel:

Ich hatte oben die an sich schlechte, ja ziemlich trostlose, zukünftige Lebensperspektive der sündigen und öffentlich gebrandmarkten Frau dargelegt.

Allerdings hatte sie die Barmherzigkeit des Herrn an sich erfahren – und zwar buchstäblich in höchster Todesnot.

Es ist höchst wahrscheinlich, dass sie sich spätestens jetzt mit dem Wirken und der Botschaft Jesu an die Menschen beschäftigt hat.

Sie wird dabei darauf gestoßen sein, dass er gerade auch zu den Sündern sprach und ihnen Vergebung und Rettung verhieß und es nicht nur bei Worten beließ, sondern auch direkten Umgang mit reuigen Sündern pflegte – sogar mit ihnen öffentlich aß und trank.
Und das zum Ärger der Rechtgläubigen, den er in Kauf nahm.
Auch wird die Frau von den gewirkten spektakulären Wundern Jesu Kenntnis bekommen haben.

Wenn sie sich nicht schon zu seinen irdischen Lebzeiten seiner Jüngerschaft so wie andere Frauen, z.B. Maria Magdalena, zugesellte, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie nach Jesu Tod und Auferstehung zu den ersten Christen der Urgemeinde stieß und sich ihnen anschloss.
Denn dort unter – nicht nur aber auch – ehemaligen öffentlichen Sündern und Parias war sie gewiss keine solche Unperson wie unter den gläubigen Juden.

Es ist ferner durchaus anzunehmen, dass sie in diesem neuen toleranteren und sogar zumindest teilweise empathischen Umfeld den Mut fand, ihre persönliche Begegnung mit dem Herrn detailliert zu erzählen, quasi als Zeugnis und Bekenntnis zu ihm.

Da sie aber nicht „nur“ eine Frau sondern zudem eine bei einer schweren, ja todeswürdigen, Sünde ertappte Frau war, mag es durchaus plausibel sein, dass es lange dauerte, bis diese ihre Geschichte auch aufgeschrieben wurde.

Noch länger mag es aus eben diesen genannten Gründen dann noch gedauert haben, bis dieser Bericht dann in die schriftlichen Evangelien aufgenommen wurde.

Das sind sicher nur Spekulationen meinerseits, ich kann sie aber nach den mir vorliegenden Kenntnissen – zumindest nach meiner Auffassung – schlüssiger begründen, als wenn ich annehme, irgendein Textkopist habe in späteren Jahrhunderten hiermit eine fromme Legende mehr um den Herrn den Evangelien hinzugefügt, wie es mein Disputpartner zwar nicht explizit zugab aber doch wohl für möglich erachtete.

Josef Broszeit hat gesagt…

Wie mag es wohl mit ihr weitergegangen sein?

In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage, wie es dazu kam, dass diese Erzählung gerade in der uns überlieferten Form zuerst mündlich weitergegeben und schließlich aufgeschrieben und in die Evangelien aufgenommen wurde:

Es wird in der Perikope ja am Ende berichtet, dass nur noch der Herr und die Frau alleine da standen, weil alle anderen weggegangen waren.

Wer hat dann den letzten Dialog zwischen Jesus und der Ehebrecherin weitergegeben?

Der Herr selbst wohl kaum.
Dass Jünger als Zeugen dabei waren, ist zwar möglich aber für mich eher unwahrscheinlich, gerade weil diese Geschichte erst verhältnismäßig spät
in die Evangelien aufgenommen wurde, wie der Theologe ja in seiner umfangreichen Ausführung dargelegt hatte.

Bleibt also die betroffene Frau selbst.
Das gerade halte ich aus den folgenden Überlegungen für durchaus wahrscheinlich und plausibel:

Ich hatte oben die an sich schlechte, ja ziemlich trostlose, zukünftige Lebensperspektive der sündigen und öffentlich gebrandmarkten Frau dargelegt.

Allerdings hatte sie die Barmherzigkeit des Herrn an sich erfahren – und zwar buchstäblich in höchster Todesnot.

Es ist höchst wahrscheinlich, dass sie sich spätestens jetzt mit dem Wirken und der Botschaft Jesu an die Menschen beschäftigt hat.

Sie wird dabei darauf gestoßen sein, dass er gerade auch zu den Sündern sprach und ihnen Vergebung und Rettung verhieß und es nicht nur bei Worten beließ, sondern auch direkten Umgang mit reuigen Sündern pflegte – sogar mit ihnen öffentlich aß und trank.
Und das zum Ärger der Rechtgläubigen, den er in Kauf nahm.
Auch wird die Frau von den gewirkten spektakulären Wundern Jesu Kenntnis bekommen haben.

Wenn sie sich nicht schon zu seinen irdischen Lebzeiten seiner Jüngerschaft so wie andere Frauen, z.B. Maria Magdalena, zugesellte, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie nach Jesu Tod und Auferstehung zu den ersten Christen der Urgemeinde stieß und sich ihnen anschloss.
Denn dort unter – nicht nur aber auch – ehemaligen öffentlichen Sündern und Parias war sie gewiss keine solche Unperson wie unter den gläubigen Juden.

Es ist ferner durchaus anzunehmen, dass sie in diesem neuen toleranteren und sogar zumindest teilweise empathischen Umfeld den Mut fand, ihre persönliche Begegnung mit dem Herrn detailliert zu erzählen, quasi als Zeugnis und Bekenntnis zu ihm.

Da sie aber nicht „nur“ eine Frau sondern zudem eine bei einer schweren, ja todeswürdigen, Sünde ertappte Frau war, mag es durchaus plausibel sein, dass es lange dauerte, bis diese ihre Geschichte auch aufgeschrieben wurde.

Noch länger mag es aus eben diesen genannten Gründen dann noch gedauert haben, bis dieser Bericht dann in die schriftlichen Evangelien aufgenommen wurde.

Das sind sicher nur Spekulationen meinerseits, ich kann sie aber nach den mir vorliegenden Kenntnissen – zumindest nach meiner Auffassung – schlüssiger begründen, als wenn ich annehme, irgendein Textkopist habe in späteren Jahrhunderten hiermit eine fromme Legende mehr um den Herrn den Evangelien hinzugefügt, wie es mein Disputpartner zwar nicht explizit zugab aber doch wohl für möglich erachtete.

Jorge hat gesagt…

Zu den Spekulationen um die Zukunft der Ehebrecherin und die Entstehung und Deutung der Überlieferung:

- Es wird üblicherweise angenommen, dass die Geschichte einfach zu anstößig war. Die frühen Abschriften der Evangelien kamen ja oftmals so zustande, dass jemand sich eine Kopie für seine Familie bestellte, um mit seinem Haus Lesungen durchführen und die Messe feiern zu können. Solche Familienväter haben den Kopisten dann u.U. gesagt: Ich hätte gern einmal das Lukasevangelium, aber bitte ohne die Geschichte von dieser Ehebrecherin am Ende von Kapitel 21. Die Leute hatten schlicht Sorge um die Moral ihrer Töchter und Ehefrauen. Deshalb endet das Kapitel jetzt mit Vers 38, dahinter stand früher diese Perikope.

- Wo Lukas oder ein späterer Harmonist diese Tradition her nahm, ist ziemlich uninteressant. Viele dieser apokryphen oder (in diesem Falle) beinahe apokryphen Episoden stammen ja aus judenchristlichen Kreisen, die nach 135 meistenteils ausgegrenzt wurden oder verschwanden. Dass die Geschichte von der Frau selbst weitergegeben worden sein soll, wäre in diesem Kontext denkbar, ich halte das aber trotzdem für ganz unwahrscheinlich. Die Erzählperspektive spricht ja vollkommen dagegen. Der Vorfall ist erkennbar nicht aus der Perspektive der begnadigten Sünderin erzählt.

- Ob das Ganze nicht doch nur eine Legende aus dem jüdisch-christlichen Konfliktraum ist, die irgendwie in den Kanon rutschte, weiß man natürlich nicht, aber die Tatsache, dass die Perikope offensichtlich unterdrückt wurde und es erst so spät und auf Umwegen in unklarer Position doch noch ins Evangelium schaffte, spricht in diesem Fall eigtl. eher *für* die Echtheit bzw. ein hohes Alter der Überlieferung als dagegen, meine ich (ich stimme hier Ken Bailey zu).

- Die Geschichte der Ehebrecherin ist interessant, sie wird aber sowohl von Befürwortern wie Gegnern der Wiederverheiratetenkommunion oft unangemessen instrumentalisiert. Meines Erachtens kann man aus dieser Geschichte weder in die eine noch in die andere Richtung wirklich verlässliche Schlüsse ziehen.

- Der wichtigste Punkt ist folgender: Im Mittelpunkt der Episode steht ja überhaupt nicht der Ehebruch, sondern das Verhalten der Steiniger und deren Selbstgerechtigkeit, die Jesus spektakulär entlarvt. Es geht in der Perikope also um das Urteilen über Missetäter, das man tunlichst unterlassen sollte, weil man sich im Grunde selbst mitverurteilt. Ehebrechen als solches ist gar nicht das Thema. Es hätte jedes andere Vergehen sein können, die Moral von der Geschicht' wäre dieselbe.

- Etwas erstaunlich ist vielleicht, dass die von Jesus gerettete Frau trotz seiner bekanntermaßen strikten Verurteilung der Ehescheidung, die er als „Ehebruch“ brandmarkte, ausgerechnet eine Ehebrecherin ist. Weiter gehende Schlüsse im Hinblick auf Jesu Haltung zur Ehe und zur Scheidung lassen sich aber m.E. keine ziehen, auch nichts, was die liberalere Position bzgl. der Sakramente für zivil Wvh. wirklich stützen könnte.

- Was aus der Frau geworden ist, ob sie nochmal geheiratet hat oder allein geblieben ist, bleibt völlig offen. Was Jesus für sie im Sinn hatte, wissen wir nicht. Der letzte Satz "sündige nicht mehr" ist trivial. Was hätte Jesus sonst sagen sollen? "Beim nächsten Mal bist du dran" vielleicht :-)
Wenn dieser Satz tats. zur Überlieferung gehört (und nicht etwa von einem der "besorgten Familienväter" drangehängt wurde), meint Jesus damit vielleicht, sie soll keine Prostituierte werden. Oder sie soll sich einen Scheidebrief holen und ihren Geliebten heiraten (unwahrscheinlich). Oder sie soll allein bleiben (auch eher unwahrscheinlich).

Jorge hat gesagt…

(Forts.)

- Was viele, die den Schlusssatz der Perikope als Argument für ein strenges Verbot der Zweitehe (als „Ehebruch“) heranziehen, ärgerlicherweise übersehen, ist jedoch Folgendes: Wenn Jesus gemeint hätte, eine zweite Heirat wäre Sünde, hätte er die Frau eigtl. nicht mit diesen Worten entlassen können.
Dass sie nach diesem Vorfall allein geblieben und nicht wieder geheiratet hätte, ist ja (nach Jesu eigenen Worten in Mt Kap. 5) sehr unwahrscheinlich. Die Zweitehe fällt also zumindest nach dieser Geschichte dem Herrn zufolge gar nicht immer unter die Rubrik "Ehebruch", wie es die traditionelle Morallehre insinuiert.

- Im Endeffekt lassen sich keine wirklich weiter führenden Schlüsse ziehen. Was aus der Frau geworden ist, wird in der Überlieferung nicht gesagt, die Pointe liegt auch nicht beim Ehebruch, sondern beim Verurteilen, und alles andere ist spekulativ.

- Meine Lieblingshypothese wäre die, dass Jesus eine Rückkehr der Frau zu ihrem Mann ins Auge gefasst oder angestrebt hätte. Das wäre ein skandalöser Tabubruch gewesen, den man Jesus zutrauen könnte. Nur sagt die Überlieferung in diese Richtung leider nichts, und damit ist und bleibt das (leider) die unwahrscheinlichste von allen Möglichkeiten. Also kein Happyend ;-)

Josef Broszeit hat gesagt…

Nun, @Jorge, auch was Sie schreiben, sind nicht minder Spekulationen genau so wie ich sie anstellte.
sie schreiben:
" Der Vorfall ist erkennbar nicht aus der Perspektive der begnadigten Sünderin erzählt."
Daraus schließen Sie, dass diese, wie Sie ja immerhin einräumen "anstößige" Begebenheit, nicht von der vom Tod der Steinigung durch den Herrn geretteten Ehebrecherin erzählt worden sein könne.

Hierzu von mir 2 Einwände:
1. Ich hatte eben gerade angenommen, dass die Ehebrecherin ihre Geschichte selbst erzählt hat, diese aber lange Zeit, vielleicht erst nach ihrem Ableben, aufgeschrieben wurde. Eben deshalb, weil sie "nur" von einer Frau und noch dazu von einer überführten Sünderin kam. Wenn sie so spät erst und noch dazu von einer dritten Person aufgeschrieben wurde, ist es doch nur natürlich, dass sie nicht aus der Perspektive der Ehebrecherin fixiert wurde.

2.Welche biblische Begebenheit ist denn aus der Perspektive der mit Jesus kommunizierenden Person geschrieben?
Auch z.B. die Begegnung und das Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen ist es nicht.
Wer aber soll denn dieses Gespräch überliefert haben, wenn nicht auch da die Samariterin, die ja zunächst mit dem Herrn allein war?

Dass es bei der Begebenheit mit der Ehebrecherin zunächst mal darum geht, dass der Herr sie praktisch vor der vom Thorarecht resultierenden Tötung durch Steinigung rettet, geben selbst Sie ja zu.
Er gibt ihr damit die Chance, künftig noch etwas aus ihrem Leben zu machen und zwar im Hinblick auf die beiden Ihm so am Herzen liegenden Hauptgebote der Gottes- und der Nächstenliebe.
Der Rest ist in der Tat Spekulation.

Jorge hat gesagt…

Hallo @Josef!

weshalb so defensiv? Ich habe die Darstellungen ja nicht im mindesten kritisiert oder angegriffen, sondern bloß ergänzt und befragt.

Was die Frage angeht, ob die Frau die Begebenheit selbst überliefert haben könnte, gibt es zwei Punkte zu beachten:
1. Vom judenchristlichen Milieu her, aus dem die Geschichte vermutl. stammt, wäre das grds. durchaus denkbar.
2. Vom Inhalt der Überlieferung und vom erzählerischen Aufbau her spricht allerdings nichts dafür.

Begebenheiten, die von Beteiligten überliefert werden, sind ja normalerweise daran erkennbar, dass es persönliche Informationen gibt. Wenn die Frau die Geschichte selbst weitergegeben hätte, wüssten wir also bspw. ihren Namen oder es gäbe irgendwelche Hinweise auf ihre Herkunft oder was aus ihr geworden ist. Da die Frau in der Episode aber eine Randfigur bleibt und der Erzähler keinerlei biografisches Interesse an ihr zeigt, ist es unwahrscheinlich, dass der Bericht aus ihrer Verwandtschaft stammt.

Anders als bei dem von Ihnen (oder Dir) zum Vergleich angeführten Gespräch mit der Samaritanerin enthält diese Geschichte eben auch keinen einzigen Punkt, wo etwas erzählt würde, was allein der Frau bekannt sein kann. Im Gegenteil bleibt alles, was die Ehebrecherin als Person betrifft, völlig dunkel und ungenannt. Die Frau ist hier also eine austauschbare Figur, von der der Überlieferer nichts weiß und an deren Person er auch nicht interessiert scheint.

Josef Broszeit hat gesagt…

Hm, nur daraus, dass sonst nichts persönliches von der Ehebrecherin in der Geschichte steht, zu schließen, sie könne sie nicht selbst erzählt haben, halte ich für wenig überzeugend.
Sie ist nach jüdischer Auffassung eine schwere Sünderin gewesen - da wird selbstverständlich nicht auch noch der Name oder irgendwelche persönlichen Lebensumstände von ihr genannt.
Ich vergleiche das mit der Sünderin, die Jesus mit dem kostbaren Öl salbte.
Von ihr ist sonst auch überhaupt nichts weiter bekannt an persönlichen Lebensumständen außer eben ihrem Liebesbeweis den Herrn gegenüber und eben dass sie eine stadtbekannte Sünderin war.

Jorge hat gesagt…

Naja, aber gerade dieser Vergleich mit der Frau mit dem Salböl bestätigt ja meine Skepsis. Über diese Frau erfährt man ja auch nichts und es ist kaum anzunehmen, dass die Überlieferung von ihr oder aus ihrem Umfeld stammt, genauso wenig wie bei der Ehebrecherin.

Gerade weil die Geschichte für die Betroffene nicht unbedingt positiv ist, da sie als Sünderin bloßgestellt wird, ist es ja auch unwahrscheinlich, dass sie selber davon erzählt haben soll. Zumal eben in der Erzählung nicht darauf hindeutet (es muss ja nicht der Name sein, aber es gibt eben kein einziges Detail in der Darstellung, das sie irgendwie hervorhebt oder als Protagonistin erkennbar werden lässt).

Damit ist nat. nicht ausgeschlossen, dass sie doch die Quelle sein könnte, es ist halt nur sehr unwahrscheinlich bzw. es gibt keinerlei Anhaltspunkte für diese Vermutung. Es wäre weitaus einfacher anzunehmen, dass sie einfach völlig unbekannt ist.
Gegenbeispiele von Randfiguren aus den Evv., die auch keine sehr große Rolle spielen, aber den Überlieferern offenbar trotzdem bekannt waren und von denen deswegen gewisse Detail (wie Name oder Beruf) mitüberliefert werden, wären z.B. Simon von Kyrene oder Josef von Arimathäa.

Josef Broszeit hat gesagt…

Jorge, Sie scheinen meine Ausführungen z.T. nicht sorgfältig genug gelesen zu haben. Wer, wenn nicht die Ehebrecherin selbst, sollte denn die z.T. unter 4 Augen erfolgte Begegnung mit Christus berichtet haben?
Ich hatte dargelegt, wie und in welchem Umfeld überhaupt die Frau den Mut zu solch einem für sie peinlichen Bericht gehabt haben könnte.
Sie halten dagegen offenbar für wahrscheinlich, dass es sich bei der Perikope lediglich um eine später zugedichtete fromme Legende aus dem frühchristlichen Umfeld handelt.
Wie ich schon sagte, beruht auch gerade Ihre These nicht auf Fakten sondern ist wie die meinige Spekulation.
Ihre für die Wahrscheinlichkeit Ihrer Annahmen sprechenden Argumente (vornehmlich, dass nichts sonst über die Frau berichtet wird) überzeugen mich in diesem Zusammenhang nicht.
Es wird hier, wie in anderen biblischen Erzählungen auch,von der betr. Person gerade das berichtet, was wirklich wichtig ist - hier eben das Ertappen in flagranti.
Bei der Frau am Jakobsbrunnen sind es die ihr vom Herrn auf den Kopf zugesagten Lebensumstände, die Jesus ja nicht vorher von ihr oder jemand anderem erfahren haben konnte.
Erst das überzeugte sie, dass er ein Prophet o.ä. sein müsse.
Bei der Frau mit dem Salböl ist wichtig, dass sie eine öffentlich bekannte Sünderin war, um die erteilten Lehren des Herrn an die Zeitgenossen und uns zu verstehen.
So ist es auch z.B. mit dem mitgekreuzigten reuigen Verbrecher: Wir erfahren nichts Näheres über ihn, außer das er seine Strafe annimmt und sich an die Barmherzigkeit Jesu wendet.
Sein angeblicher Name ist in Apokryphen überliefert, aber zum Verständnis uninteressant.
Oder zweifeln Sie auch an all diesen Berichten, die ich hier anführte?

Jorge hat gesagt…

Das Kompliment gebe ich zurück.
Ob es sich bei der Perikope lediglich um eine später zugedichtete fromme Legende aus dem frühchristlichen Umfeld handeln könnte, hatte ich im dritten Absatz meiner ersten Einlassung erwogen.
Dort hatte ich auf Ken Bailey verwiesen und ihm zugestimmt: Die lange Unterdrückung der Geschichte spricht in diesem Fall gerade *nicht* für eine späte Entstehung der Tradition. John P. Meier ist mit vielen anderen ebfs. der Ansicht, die Episode dürfte keine freie Dichtung sein, sondern auf ein hist. Ereignis zurückgehen.

Argumente gegen die Historizität findest du in diesem Fall zumeist bei evangelikalen Bibeltreuen, weil die die Vulgata ablehnen und diese Perikope nicht zum Kanon rechnen wollen. Deren Argumente sind natürlich bloß konstruiert und überzeugen nicht. Sie stellen nicht auf den Inhalt der Überlieferung selbst ab, sondern nur auf die späte und unsichere Kanonizität.

Die Möglichkeit, dass die Frau selbst die Quelle für die Überlieferung sein könnte, schließe ich ja nicht völlig aus, nur ist das wie gesagt vom Textbefund her kaum vorstellbar. Gerade wenn sie sich, wie oben vermutet, der Urgemeinde angeschlossen haben soll, wären persönliche Einzelheiten zu erwarten, wie sie bspw. von der Samaritanerin bekannt sind.

Diese Frau bleibt aber völlig konturlos und anonym und ihr Dialog mit Jesus am Schluss der Perikope enthält nichts, was auch nur ansatzweise über die literarische Rolle ihrer Figur als Beinahe-Opfer hinausgeht. Selbst da dreht sich noch alles um die selbstgerechten Pharisäer, die einer nach dem anderen den Schauplatz verlassen haben.

In diesem Sinn ist natürlich auch die Angabe aufzufassen, Jesus sei mit der Ehebrecherin "allein" gewesen. Auch wenn man den Tempelvorhof als Ort für unhistorisch hält, weil er für eine illegale Steinigung vor den Augen der Tempelpolizei und der römischen Garnison natürlich denkbar ungeeignet ist, muss man doch grundsätzlich von einer Szene irgendwo im öffentlichen Raum ausgehen, wo sich vermutlich eine Zuschauermenge ansammelt und der ein oder andere Jünger mit Jesus unterwegs ist. Zuschauer und Jünger hätten hier nicht den geringsten Grund, Jesus mit der Frau allein zu lassen.

Fazit: Das "Alleinsein" Jesu mit der Frau ist offensichtlich eine Stilisierung (um zu unterstreichen, dass "alle" Steiniger davongelaufen sind). Dgl. enthält der Dialog nichts, was man sich nicht sowieso denken könnte. Die Frau bleibt Staffage, ihr Auftritt dient dazu, Jesu spektakuläre Entlarvung der Selbstgerechtigkeit des pharisäischen Pöbels herauszustellen, sie gewinnt aber kein eigenständiges Profil. Das spricht wie gesagt eher gegen eine an ihre Person geknüpfte Überlieferung. Mit der Frage der Historizität hat das aber nichts zu tun.

Josef Broszeit hat gesagt…

Dass beabsichtigt war, die Frau an Ort und Stelle im Tempel bzw. im Vorhof zu steinigen, lesen Sie zu Unrecht aus dem Text - davon ist in dem biblischen Bericht gar nicht die Rede.
Ich halte die Erzählung für eindeutig biblisch echt obwohl wohl erst später den Evangelien hinzugefügt, wie es mein anfangs und ursprünglich erwähnter theologischer [katholischer!] Disputant als wichtige Erkenntnis meinte, groß herausstellen zu müssen. Nach seiner Meinung sei die betr. Erzählung erst in einem späteren Jahrhundert nach Christus in den biblischen Kanon aufgenommen worden.
Da sind dann schnell Vermutungen nach apokryph-legendarischem Ursprung der Erzählung bei der Hand.
Und obwohl Sie, Jorge, letztlich doch der Auffassung Ken Balles bzw. John P. Meiers einer historischen Echtheit der Erzählung zuneigen, haben auch Sie immerhin erwogen und ausdrücklich auf das diesbezügliche "Nichtwissen" über den Ursprung der Perikope hingewiesen.
Das also ist Ihre Meinung: "Nichts Genaues über die Echtheit der Perikope weiß man nicht."
Ich lasse das mal so stehen und schlage vor, dass wir damit unsere Diskussion beenden und dem etwaigen Leser derselben es überlassen, welche der ausgetauschten Argumente er für stichhaltiger bzw. für sich überzeugender annimmt.
Ich jedenfalls betrachte und rezipiere den Text der Perikope sehr nüchtern und wie schon gesagt in einer Hermeneutik des Vertrauens in die Echtheit des Textes, der eben am Ende von einem 4-Augen-Gespräch des Herrn mit der Ehebrecherin berichtet.
Meine oben dargelegten - zugegeben spekulativen - Überlegungen basieren auf dem Textbefund in der uns vorliegenden Form und den speziellen Umständen seines späten Aufnehmen in den Kanon.
Ich habe an anderen Beispielen biblischer Berichte aufzuzeigen versucht, dass uns im allg. nur das wirklich für unser Heil Wichtige berichtet wird und auch bei anderen biblischen Berichten nähere Einzelheiten zu den mit Jesus in Kontakt tretenden Personen fehlen.
Man kann dann natürlich auch die Echtheit dieser biblischen Stellen aus gleichen oder ähnlichen Gründen anzweifeln, aber dann bleibt schließlich nur noch eine willkürliche Auswahl der schriftlichen Zeugnisse übrig. Das wird dann kaum noch jemanden überzeugen - ganz im Gegenteil!


Jorge hat gesagt…

Hallo Josef, in Ordnung und danke.

Nur noch als Nachbemerkung:

Den Disput über die Geschichte mit dem Theologen Achilles habe ich im Netz gefunden. Achilles sagt über die Historizität der Geschichte gar nichts, sondern spricht nur über die späte Aufnahme in den Kanon. Das ist völlig unstrittig. Die Kritik an seinen Darstellungen ist also ganz unbegründet.

Achilles verweist allerdings auf einen Artikel von Bart Ehrman aus dem Jahr 1988 (erneut veröffentlicht 2006). Den sollte man lesen (man kann ihn runterladen), das ist ausgesprochen aufschlussreich und seine Hypothese zur Entstehung der Geschichte aus zwei versch. Traditionen ist recht überzeugend. Sie machen sich an den Papyrusfunden 1941 in Ägypten fest, wo eine neue Version der Geschichte von Didymus dem Blinden gefunden wurde.

Allein wegen diesem Artikel (den ich nicht kannte) war unsere Diskussion für mich sehr fruchtbar, also nochmals vielen Dank.

Zum Zitat:
Ich halte die Erzählung für eindeutig biblisch echt.

Grundsätzlich ist es schwierig, über die "Echtheit" einer biblischen Episode zu reden, wenn zwischen Kanonizität und Historizität nicht sauber unterschieden wird. Oben im letzten Diskussionsbeitrag ist an anderer Stelle von der historischen Echtheit der Erzählung die Rede, und abschließend wird meine Position dahin zusammengefasst, meine Meinung sei: "Nichts Genaues über die Echtheit der Perikope weiß man nicht." Das trifft es natürlich nicht genau, einfach weil der Begriff "Echtheit" hier ganz schwammig bleibt.

"Biblisch echt" bedeutet ja nur, dass etwas zur Bibel gehört, aber nicht unbedingt, dass es "historisch" so passiert ist. Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Biblizistisches Denken würde das zwar einfach gleichsetzen, aber das ist der katholischen Bibelauslegung nach "Dei Verbum" glücklicherweise relativ fremd, es sind ja mehr die Evangelikalen, die biblizistisch denken (auch wenn es im kath. Bereich solche Tendenzen nat. auch gibt).

Meine Ansicht zu dieser Frage ist ziemlich klar: Wenn wir anfangen, nicht mehr die Wahrheit zu suchen und, soweit sie gesichert ist, anzuerkennen, sondern lieber eine eigene "Wahrheit" erfinden, die es gar nicht gibt, entfernen wir uns von Christus, weil der halt die wirkliche Wahrheit ist und keine ausgedachte. Von daher halte ich Biblizismus für christusfeindlichen Unfug.

In der Frage der historischen Zuverlässigkeit der Erzählung von der Ehebrecherin tun Sie den Mitdiskutanten aber Unrecht, weil praktisch alle (ich selber sowieso, ebenso aber auch Ehrman und auch der kritisierte Theologe Achilles) eine historische Basis gar nicht abstreiten, sondern im Gegenteil eher bejahen. Für die Entdeckung des Ehrman-Aufsatzes bin ich jdfs. echt dankbar. :-)

Josef Broszeit hat gesagt…

Ja, ich sehe und lese diese Perikope als historisch so geschehen, auch wenn das in Ihren Augen "biblizistisches Denken" ist und ein "christusfeindlicher Unfug".

Mit diesem Ihrem Vorwurf ebenso wie mit der Unterstellung, hier eine eigene "Wahrheit erfunden zu haben", muss und kann ich leben.

Mag, wie schon gesagt, der kritische Leser selbst entscheiden, wessen durch Argumente belegter Spekulation er eher zuneigt: Ihrer oder meiner oder keiner von beiden?

Fairerweise sollte man zu Bart Ehrmann folgendes wissen:

Der ursprünglich aus dem evangelikalen Christentum stammende [Bibel-]Wissenschaftler Bart Ehrmann hat nach Auskunft von Wikipedia über seinen Forschungen und offenbar durch das Nichtklarkommen mit der Frage der Theodizee seinen christlichen Glauben verloren und bezeichnet sich inzwischen als Agnostiker und Atheist.

In meinen Augen eine Tragik und ein Unglück für ihn.

Ich möchte damit von meiner Seite aus unsere Diskussion beenden und überlasse Ihnen, falls Sie unbedingt möchten, das letzte Wort.