Dienstag, 8. Mai 2018

Abriss

ein. Ich will nicht versuchen, das Internet in heillose Verwirrung zu stürzen, indem ich in seit langem unerhörter Weise an zwei Tagen zwei Beiträge absetze. Ich muß nur aus vielen gegebenen Anlässen mal eben ranten.

[HINWEIS: Wie alle Rants ist auch dieser sicherlich an der einen oder anderen Stelle nicht wasserdicht. Aber wie bei allen Rants ist auch bei diesem Text die vornehmste und erste Aufgabe, den Druck auf das Gemüt der Verfassers zu erleichtern]

Wir sind ja in der Kirche seit einigen Jahren in diese heiße Phase eingetreten, in der wir die Ernte einfahren von einer Elterngeneration, die null und nichts über den Glauben weiß (wissen will), in dem sie einst getauft wurde. Klar, daß man dann von Kindern nichts erwarten darf, die von ihrer Mama mit folgender Information in die Erstkommunion-Vorbereitung geschickt werden: "Die Hostie ist nur ein Keks".

Aber Erstkommunion bitte trotzdem und unbedingt, weil halt irgendwie nett und Tradition und so.

Natürlich: Als Priester ist es nicht nur meine Aufgabe sondern auch meine Pflicht, da etwas entgegenzusetzen. Und das tue ich während der Stunden, die ich mit den Kleinen verbringe selbstverständlich auch. Die haben, wenn sie zum ersten Mal den Leib Christi empfangen, aus meinem Munde mehr als einmal gehört, was so eine Hostie wirklich ist. Und sie haben es auch irgendwie kapiert. Das erkenne ich an dem kindlich-feierlichen Ernst, mit dem sie die Hostie entgegennehmen und sich in den Mund stecken (wenn sie sich die Hostie nicht von mir direkt auf die Zunge legen lassen, was auch vorkommt, da ich ihnen natürlich beide Empfangsalternativen beibringe). Das Problem ist, daß ich im gesamten Alltag und Leben der EK-Kinder nur als kurzer Blitz vorkomme, der im Idealfall auch mal die Eltern kurz aus dem Halbdunkel ihres Couch- und Koma-Christentums aufschreckt, bevor alles wieder ermattet die Hintern in die vorgeformten Polsterkuhlen fallen läßt. Von diesem Zeitpukt an gehören die Kinder dann wieder den Eltern und deren Nicht-Interesse an allem, was Christus, Kirche und Glaube ist.

Mein jährlicher Stimmungsverlauf im Zusammenhang mit der Erstkommunion und der Vorbereitung darauf ist dieser: Anfangs blankes Entsetzen wegen der totalen Ahnungslosigkeit fast aller (95%, schätze ich mal) Kinder: Kreuzzeichen? Wie geht'n das? Vaterunser? Ist das 'ne Band? Jesus? Ich glaube, den haben wir in Reli mal gemalt und besungen! Während der EK-Vorbereitung keimt dann Hoffnung auf, weil es offensichtlich ist, daß die Kleinen durchaus Interesse haben und neugierig sind. Nach der Erstkommunion dann milde Resignation, weil alles, was aufgebaut wurde, in relativ kurzer Zeit wieder eingerissen wird.

Eine verschwindend geringe Zahl von Erstkommunion-Empfängern sehe ich in den darauffolgenden Wochen ein- oder zweimal in der Sonntags-Messe, bis Papa und Mama dann irgendwann meinen, daß es nun aber auch genug ist mit dem gezeigten guten Willen. Es geschieht sogar, daß Kinder, die bei mir zur Erstkommunion gegangen sind, plötzlich sonntags in der Sakristei auftauchen und ministrieren möchten. Bombe! Aber: Wenn sie dann plötzlich nicht mehr kommen und ich sie zufällig auf der Straße treffe und anspreche, dann heißt es: "Meine Eltern wollen das nicht".

Es gibt keinen Nährboden mehr. Es kann nichts mehr wachsen.

Wie verhindern wir das totale Abreißen der Überlieferung unseres Glaubens? Wahrscheinlich bleibt letztlich nur das persönliche Zeugnis und die Standhaftigkeit. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, daß die Priester nur noch für diejenigen da sind (wegen der Mehrfachbelastung in diesen Zeiten oft auch nur noch da sein können), die ohnehin noch - aus welchen Gründen auch immer - mit an Bord sind. Die Kirche aber, das sind wir alle. Somit sind wir alle aufgerufen, den Glauben unverfälscht und unverdünnt zu vermitteln. Nicht mit diesem "Ich bin nicht hier, um Freunde zu machen und populär zu sein, sondern um Euch getauften Heiden die Wahrheit zu verkünden!"-Opferstolz. Sondern mit der einzigen Einstellung, in der die oft bemühte und oft begähnte "Augenhöhe" wirklich einmal Sinn ergibt: Von Sünder zu Sünder.

Natürlich wird im öffentlichen Diskurs bei vielen Gelegenheiten gerne der Begriff der "Barmherzigkeit" bemüht. Aber dieses Prinzip der Barmherzigkeit kann ja erst dort Früchte tregen, wo es innerhalb des Koordinatensystems der Gebote unseres Herrn und der Lehre der Kirche angewendet wird.

Wird durch eine pussyfizierte, zuckerwattige Beliebigkeit in Glaubens- und Praxis-Fragen die Schar der Schäfchen anwachsen? I don't think so. Wer die Kirche und mit ihr den von Christus über die Apostel und die Väter auf uns gekommenen Glauben retten möchte, der muß mit dafür Sorge tragen, daß die Wahrheiten und Realitäten dieses Glaubens unverdünnt und unerschüttert hinabfließen auf die dürstende Masse. Es gibt nur eine "Lebensrealität", in der die Menschen "abgeholt werden müssen". Und diese lautet:

Wir alle sind Sünder, doch keiner von uns ist verloren. Hier sind Christi Gebote, für alle bewahrt und weitergereicht durch die Kirche in ihrer Lehre. Halten wir uns daran. Sonst gehen wir zugrunde.

Kommentare:

Severus hat gesagt…

Herr Alipius, vor einiger Zeit habe ich Dich "zurück an der Front" willkommen geheißen. Leicht schamerrötend sehe ich jetzt, dass Du, und nicht ich, an allervorderster Front stehst, und das tagtäglich.
Allerdings durfte auch ich vor einigen Jahren als Leiter einer Vorbereitungsgruppe zur Firmung ganz ähnliche Sisyphus-Erfahrungen machen.

Der Herr Alipius hat gesagt…

Lieber Severus, ich bin mir aber sicher, daß die Kleinen bei Dir wenigstens eine solide Wissens-Basis bzgl. der Sakramente bekommen.

Severus hat gesagt…

nein - ich habe den Job nur einmal und das ziemlich dilettantisch gemacht, verstehe aber spätestens seitdem, was mit "Abriss" gemeint ist!
Gottes Segen!

Maria hat gesagt…

Ich kann Sie natürlich verstehen und bin sicher, dass jeder Pfarrer, der sich ehrlich um "seine" Erstkommunionkinder bemüht, so empfindet.
Aber: in unserer Kirche steht ein Ambo, auf dem die Worte eingemeißelt sind: EINIGES FIEL AUF GUTEN BODEN. Wenn ich diese Worte sehe, muss ich an die Kommunionvorbereitung meines Sohnes vor 6 Jahren denken, die in einer Weise durch einen begnadeten Pfarrer stttfand, für die ich heute noch Gott nur danken kann. Und ja, die Begeisterung von einigen ist mit dem Weggang dieses Pfarrer schnell wieder verflogen. Mein Sohn aber ist, wie nur wenige in seinem Alter, ein begeisterter Kirchgänger, Ministrant und Kirchenmusiker. Ich denke, der damalige Pfarrer ist nicht ganz "unschuldig" daran...
Hat es sich "nur" für einen gelohnt? War es wirklich nur einer? Gott wirkt manchmal ja ganz unauffällig. Was er durch Sie und ihre Kommunionvorbereitung bei den Kindern und deren Eltern (!) - ich spreche aus Erfahrung! - bewirken, bekommen Sie ja nicht immer mit und zeigt vielleicht sogar erst viel später mal. Ist natürlich aktuell ein schwacher Trost, aber ich glaube, der oben zitierte Spruch stimmt immer!

Damian hat gesagt…

Pardon, ohne defätistisch sein zu wollen - kann man diesen Artikel auch überschreiben mit "Angekommen im real existierenden Katholizismus"?
Ich beneide keinen Priester, der nicht bereit ist, zum Animateur oder Sozialarbeiter zu mutieren und dennoch gezwungen ist, "Pastoral"pläne umzusetzen, die immer noch einer verflossenen Volkskirchenherrlichkeit nachhängen. Die Steigerung einer solchen Pastoral lautet ja niederschwellig-unterschwellig-unterirdisch. Rod Dreher hat ganz Recht mit der Aussage, dass wir als Christen uns im Westen von der Vorstellung verabschieden müssen, es gebe für die Kirche in unserer hedonistischen Gesellschaft für die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte mehr als eine marginale Bedeutung. Es ist bitter, aber ich sehe hier derzeit keine Masse, die dürstet, und schon gar keine, die "abgeholt" werden will.

Gerd Franken hat gesagt…

"Halten wir uns daran. Sonst gehen wir zugrunde." Wenn mit diesen Schlussworten das Gemüt des Verfassers gefestigt wird, dann hat es auch mir geholfen.

Anonym hat gesagt…

Jesus hat ja zugesagt, daß die Pforten der Hölle Seine Kirche nicht überwinden werden. Und auch, wenn ich mir manchmal sage "Wir schaffen das auch ohne Pforten der Hölle", glaube ich doch meistens, die Kirche wird bestehen bleiben, ob die Welt das will oder nicht.
Allerdings finde auch ich schaurig, wenn ich merke, wie das Glaubenswissen schrumpft. Die Angebote fehlen ja nicht, aber die Zahl derer, die zum Bibelkreis oder zu Vorträgen über kirchliche Themen kommen, ist überschaubar. Zum jährlichen Eisbeinessen fehlt es allerdings nicht an Anmeldungen.

Anonym hat gesagt…

Ein kleiner Abriss (m)einer Biographie:
Am Land geboren und im Kreise einer „Wir-sind-nur-katholisch-weil-das-alle-hier-sind-und-wir-nicht-auffallen-wollen“-Familie aufgewachsen, im Religionsunterricht vom Priester mit dem Rohrstock geschlagen.
Im Rahmen der EK-vorbereitung, die damals von einigen engagierten Eltern durchgeführt wurde, von einer tief religiösen, liebevollen (fremden) Mutter dem Glauben an Jesus Christus so nah gebracht, dass ich als achtjähriges Kind nicht mehr ohne ihn leben wollte.
Die EK fand Anfang Mai statt und ich bin danach so lange jeden Tag in die Frühmesse bzw. Maiandacht gegangen – bis meine Mutter es verboten hat, weil sie kein Kind wollte, das von „den Leuten“ schräg angeschaut wird, weil es jeden Tag die Hl. Kommunion empfangen und Jesus nahe sein möchte.
Wie reagiert ein achtjähriges Kind auf so ein Verbot? Wir („die Familie“) waren also katholisch, weil alle es sind. Aber wir dürfen nicht katholisch leben, weil wir dann komisch sind. Widersinnig. Fragen durften keine gestellt werden. Ist halt so. Na dann. Habe ich halt im Stillen weitergebetet und mich auf die Zeit gefreut, da die Firmungsvorbereitung nahte. Leider war das zu Erlebende schon vorprogrammiert – der Freude am Glauben, der Vorbereitung auf diesen großen Tag, im Kreise tiefgläubiger Menschen, die sich trauten ihren Glauben zu leben (und im Dorf deshalb als „scheinheilige Kerzenschlecker“ – man verzeihe mir den zitierten Ausdruck – bezeichnet wurden) den tiefen spirituellen Hintergrund dessen zu erfahren, was mich so faszinierte und durch diese Zeit begleitete – einfach wunderbar! – folgte nach der Zeremonie das Verbot der Eltern. Ein harter Schlag ins Gesicht hätte mich nicht mehr verletzen, verwirren und aus der Bahn werfen können.
Nun ist man aber mit zwölf Jahren noch ein Kind, aber eines, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht und als solches wollte ich das nicht einfach so hinnehmen. Meine Versuche, meinen Glauben zu erforschen, zu leben und möglicherweise auch weiterzugeben wurden als pubertäres Gefasel abgestempelt und mit allem dazugehörenden Gepolter im Keim erstickt.
Die darauffolgenden Jahre waren aus heutiger Sicht leere Jahre, vollgepumpt und doch so unglaublich leer. Ständig auf der Suche. Buchstäblich überall.
Dabei – und das weiß ich jetzt – war ER immer bei mir. Ein leises Innehalten bei der Besichtigung einer Kirche – ein wunderbarer Sonnenuntergang irgendwo – der Tod eines geliebten Menschen – die Predigt eines Vorbildes im Sonntagsgottesdienst (in den ich eigentlich mehr oder weniger zufällige „gestolpert“ bin).
Ich könnte heute noch weinen, wenn ich daran denke, denn die Worte des Priesters haben mich so tief in meinem Herzen berührt, dass es schon fast schmerzhaft war.
Es war der 25.12. und es ging grob sinngemäß darum, dass wir als lebendige Nachfolger von Jesus Christus die Verpflichtung haben, ein Vorbild zu sein und so zu leben, dass andere sich angesprochen fühlen und damit beginnen, neugierig zu sein und Fragen zu stellen.
Und so ist aus diesem hineingestolperten Zufallsbesuch nach einiger Zeit meine Rückkehr nach Hause geworden und ich besuche so oft es mir der Alltag ermöglicht die Hl. Messe.
Es ist keine Verpflichtung für mich, sondern der Fix- und Höhepunkt der Woche. Wie ein Besuch bei einem gütigen und liebevollen Freund, den man ehrt und schätzt und in seinem Leben nicht mehr missen möchte.
DAS sollte unser Ziel als Christen sein - - die Leute so zu berühren, dass sie damit beginnen zu fragen und neugierig zu werden.
Und um nun den Kreis zu Ihrem Text zu schließen: Selbst wenn die Eltern Couch- und Koma-Christen sind, können WIR doch den Kindern vorleben, was es heißt ein Christ zu sein, ihnen Werte und Vorstellungen vermitteln und damit einen Samen setzen, der auch unter widrigsten Umständen zu einer wunderschönen Pflanze gedeihen wird. Und das nicht zuletzt deshalb, um wieder Vorbild für den /die Nächsten zu sein.
Für mich jedenfalls waren SIE diese Pflanze und ich danke Gott jeden Tag dafür.