Es war einmal ein Redemptoristen-Pater, der mit großem Vergnügen von all den Dingen erzählte, die er in seinem Leben so erlebt hatte. Oft und gerne plauderte er aus einem großen Erinnerungs-Schatz, den er früh aufzubauen begonnen hatte, und der im Laufe seines Lebens immer reichhaltiger wurde.
[Nebenbei bemerkt: Ich kenne kaum einen Menschen, der sich nach so vielen Jahren noch an so viele Kleinigkeiten erinnern konnte. Als ich Pater Rudi im Dezember des vergangenen Jahres zum letzten Mal sah, wohnte er bereits im Pflegeheim. Ein Horror für einen Menschen, der spätestens seit den frühen 80er-Jahren immer unterwegs war, um pastorales Wirken mit einer Ausdehnung des Horizonts zu verbinden. Ich brachte ihm dann an einem Nachmittag aus seinem Zimmer im Kloster drei dicke Ordner mit, in denen er die Gemeindemissionen dokumentiert hatte, die er zwischen 1978 und 2010 abgehalten hatte. Es gab die Programme der Missionen, dazu Photos der Kirchen und diverser Ereignisse. Er schlug den ersten Ordner auf und sofort sprudelte es aus ihm heraus: "Ach! 1980 in Sankt Soundso in Daunddort! Ich kann mich noch gut an die Pfarrkirche erinnern. Da stand eine Marienstatue an deren rechter Hand ein Finger felhte! Und die Haushälterin hieß Schneider und hatte zwei Kinder. Der Bub konnte sehr gut turnen...". Unfaßbar... Er konnte sich wirklich an die aberwitzigsten Details erinnern]
Jedenfalls: Pater Rudi erzählte immer und überall Geschichten aus seiner Kindheit, aus seiner Jugend und vor allem aus seiner Zeit als Kaplan, als Gemeindemissionar und als Bordgeistlicher auf tausendmilliausend Ozeanschiffen. Die meisten dieser Geschichten waren lustig und interessant, einige abenteuerlich, nur ganz wenige traurig.
Egal wie interessant oder lustig oder aufregend eine Geschichte war: Pater Rudi besaß die Gabe, sie noch viel interessanter, lustiger und aufregender zu machen, indem er sie einfach erzählte.
Wenn sein rundes Gesicht in Mienen schwelgte, wenn er eine Augenbraue hochzog, ein Auge aufriß, das andere halb geschlossen hielt, wenn er sich auf die Unterlippe biß, die Hand vor seinen Mund hielt, sich mit dem Finger an die Schläfe pochte und - dem Spannungsbogen der Geschichte folgend - mit seiner berühmten, leicht angehauchten Normal-Stimme begann, bei Bedarf auch mal ein Raunen oder Flüstern einlegte, um dann bei der Pointe so zu schallen, daß ich nur noch Kirchenglocken vor meinem inneren Auge sah: Das war nicht nur großes Kino für lau, sondern auch so mitreißend, daß ich ihm nicht nur geduldig stundenlang zuhörte und zusah, sondern mir die eine oder andere Anekdote auch gerne mehrmals anhörte.
Oft begann Pater Rudi nämlich eine Geschichte, brach nach dem ersten halben Satz ab und sagte: "Aber das habe ich dir bestimmt schon mal erzählt, oder?" - "Nö" schwindelte ich, bat Gott um Vergebung für die kleine Notlüge und genoß die erneute Aufführung.
Weil irgendwo einmal ein Leser bat, ich möge doch, wenn es nicht zu unangenehm ist, Bilder von Pater Rudi zeigen, veröffentliche ich hier mal einen schönen Schnappschuß, der zeigt, was passierte, wenn Pater Rudi eine Geschichte erzählte: Er selbst war in Hochform und alles, was anwesend war, hing an seinen Lippen (Ich meine übrigens, daß der ihm stets leicht im Nacken sitzende Schalk hier auch ganz gut durchkommt):
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Mittwoch, 13. Mai 2015
Sonntag, 10. Mai 2015
Die Macht der Mütter (Teil 2)
Auch vom guten Pater Rudi habe ich eine schöne Mama-Geschichte. Pater Rudi wurde 1938 geboren und wuchs daher im Krieg auf. Dieser hat bei ihm einen solchen Eindruck hinterlassen, daß er noch im Alter von über 50 Jahren bei allen möglichen Gelegenheiten (unter anderem mitten in der Messe) zu stottern begann. Irgendwann später kriegte er es dann plötzlich in den Griff.
Die Jahre 1944 und 1945 verbrachte Rudi mit Mama und Geschwistern in Karlsbad, wohin man sie verschickt hatte. Weil die Propaganda der Nazis offenbar auch Kinder erreichte und programmierte, kam es Anfang Mai 1945 zu dieser Szene: Klein-Rudi spielte vor dem Haus auf der Straße mit anderen Kindern. Plötzlich verbreitete sich die Nachricht: "Hitler ist tot!"
Rudi ließ alles stehen und liegen, lief ins Haus, fand die Mutter in der Küche, klammerte sich an ihr fest, begann zu knüttern und klagte: "Hitler ist tot!"
Mama streichelte ihm über den Kopf und antwortete: "Ja, aber wegen dem brauchst du nicht zu weinen".
Original-Ton Pater Rudi: "Da bin ich wieder raus auf die Straße und hab' weiter Unsinn gemacht..."
Original-Fazit Pater Rudi: "Das Wort der Mutter ist Gesetz!"
Die Jahre 1944 und 1945 verbrachte Rudi mit Mama und Geschwistern in Karlsbad, wohin man sie verschickt hatte. Weil die Propaganda der Nazis offenbar auch Kinder erreichte und programmierte, kam es Anfang Mai 1945 zu dieser Szene: Klein-Rudi spielte vor dem Haus auf der Straße mit anderen Kindern. Plötzlich verbreitete sich die Nachricht: "Hitler ist tot!"
Rudi ließ alles stehen und liegen, lief ins Haus, fand die Mutter in der Küche, klammerte sich an ihr fest, begann zu knüttern und klagte: "Hitler ist tot!"
Mama streichelte ihm über den Kopf und antwortete: "Ja, aber wegen dem brauchst du nicht zu weinen".
Original-Ton Pater Rudi: "Da bin ich wieder raus auf die Straße und hab' weiter Unsinn gemacht..."
Original-Fazit Pater Rudi: "Das Wort der Mutter ist Gesetz!"
Sonntag, 26. April 2015
Streng genommen...
... hatte Pater Rudi eigentlich das, was man umgangssprachlich ein "Mondgesicht" nennt. Das meine ich selbstverständlich nicht im herablassenden oder im sich-darüber-lustig-machenden Sinne, sondern ich meine es so freundlich, lieb und gut, wie sein Gesicht und sein Gemüt es mit den Leuten meinte.
Aber die Menschen griffen immer wieder zu einem anderen Vergleich, und zwar zu einem, in dem er sich das Licht nicht nur geborgt hat sondern selbst das Licht spendete. Am besten wird das illustriert durch diese Anekdote: Als Pater Rudi sich in den Tagen vor und nach meiner Priesterweihe bei uns im Haus aufhielt, kam er eines Morgens erst zum Frühstück, als es im Refektorium wegen der Besucher und Mitbrüder schon recht voll war. Die Türe ging auf, Pater Rudi trat ein, lächelte in die Runde und drei Mitbrüder bzw. Gäste sagten unabhängig voneinander (und laut genug, daß ich es hören konnte): "Die Sonne geht auf!"
Die Aussage war deswegen gerechtfertigt, weil er nicht nur ein hochgerühmtes aber bisher wenig besungenes Strahlemann-Lächeln hatte, sondern weil man mit "sonnig" auch sehr viel Richtiges über sein Gemüt aussagt.
Es gibt viele, kleine Details, die ich für den Rest meines Lebens schmerzlich vermissen werde. Dieses Lächeln (sowie sein begeistertes, lautes, ansteckendes Lachen und seine melodiöse, irgendwie beruhigend hauchende Stimme) stehen ziemlich weit oben auf der Liste.
Es ist blöd, daß er nicht mehr da ist. Aber es ist gut, daß er in so vielen, schönen Erinnerungen lebt.
Aber die Menschen griffen immer wieder zu einem anderen Vergleich, und zwar zu einem, in dem er sich das Licht nicht nur geborgt hat sondern selbst das Licht spendete. Am besten wird das illustriert durch diese Anekdote: Als Pater Rudi sich in den Tagen vor und nach meiner Priesterweihe bei uns im Haus aufhielt, kam er eines Morgens erst zum Frühstück, als es im Refektorium wegen der Besucher und Mitbrüder schon recht voll war. Die Türe ging auf, Pater Rudi trat ein, lächelte in die Runde und drei Mitbrüder bzw. Gäste sagten unabhängig voneinander (und laut genug, daß ich es hören konnte): "Die Sonne geht auf!"
Die Aussage war deswegen gerechtfertigt, weil er nicht nur ein hochgerühmtes aber bisher wenig besungenes Strahlemann-Lächeln hatte, sondern weil man mit "sonnig" auch sehr viel Richtiges über sein Gemüt aussagt.
Es gibt viele, kleine Details, die ich für den Rest meines Lebens schmerzlich vermissen werde. Dieses Lächeln (sowie sein begeistertes, lautes, ansteckendes Lachen und seine melodiöse, irgendwie beruhigend hauchende Stimme) stehen ziemlich weit oben auf der Liste.
Es ist blöd, daß er nicht mehr da ist. Aber es ist gut, daß er in so vielen, schönen Erinnerungen lebt.
Freitag, 17. April 2015
Eine weitere Eigenschaft,...
... die Pater Rudi in meinen Augen zu einem wirklich besonderen Menschen machte, war seine vollkommene Angstfreiheit gegenüber anderen Menschen.
Er ging einfach auf die Leute zu, setzte sein berühmtes Drei-Dutzend-Sonnen-Lächeln auf und sprach sie an. Diese Art von Offenheit, Freundlichkeit und Leutseligkeit macht natürlich auch ein wenig verletzbar, aber bei ihm hat es, so weit ich es beurteilen kann, immer funktioniert. Sobald er merkte, daß irgendwer ihn ausnutzen wollte, sagte er schlicht und einfach "Nein!"
Als ich vor einiger Zeit einer Mitarbeiterin in unserem Kammeramt erklärte, daß ich nach Deutschland zur Beerdigung von Pater Rudolf Matuszek fahren muß, da sagte sie mir gleich, daß sie sich gut an ihn erinnern kann und daß sie nicht die einzige im Hause ist, der das so geht. Denn - und das erfuhr ich in diesem Moment zum ersten Mal - wenn Pater Rudi bei mir im Stift zu Besuch war und ich für ein, zwei Stunden irgendwohin mußte, um etwas zu erledigen, dann nutze er die Zeit, indem er in unserem Stift herumflitzte und sich alles anschaute, was man sich ohne Generalschlüssel und Mega-Spezial-Vollmacht eben so anschauen kann. Wenn er dabei einem Chorherrn oder einem Angestellten über den Weg lief, dann quatschte er diesen sofort an und unterhielt sich für einige Minuten mit ihm. Deswegen haben viele bei uns im Haus ihn in guter Erinnerung.
Pater Rudi hatte dazu erstens eine Hammer-Intuition und zweitens ein wenig den Schalk im Nacken sitzen. Er konnte einen Raum betreten, der mit 100 Priestern gefüllt war, sich kurz umschauen und dann schnurstracks auf den einen Priester zugehen, welcher der Meinung ist, daß er eigentlich schon längst Bischof sein müßte und sich ein wenig darüber ärgerte, daß er bei den letzten Ernennungen übergangen worden war. Pater Rudi begrüßte solche Männer in der Regel mit dem Satz: "Sie müssen der Bischof sein!". Das war vielleicht ein wenig fies, aber weil er sich nicht erhöhen wollte, holte er hin und wieder mal gewisse Leute einfach zu sich auf den Boden der Tatsachen herunter. Passend dazu konnte es durchaus auch vorkommen, daß er auf den Satz "Ahhhhhhh! Sie sind auch Priester/Mitglied dieser Ordensgemeinschaft!?" als Antwort zu hören bekam: "Ich bin der Bischof/der Abt!"
Manche Leute würden ihn naiv nennen, andere gewieft. Ich behaupte, er war eher beides oder keines von beiden, als nur eines. Wobei seiner Naivität jegliche Tölpelhaftigkeit fehlte und seiner Gewieftheit jegliche Bosheit.
Ich kann jedenfalls mit reinem Gewissen sagen, daß all die Leute, die durch mich mit Pater Rudi in Kontakt kamen, ihn nicht nur sehr mochten, sondern auch oft fragten, wann er denn mal wieder kommt.
Jetzt wird er leider gar nicht mehr kommen, aber dafür lebt er in den guten Erinnerungen nicht weniger Menschen weiter.
Er ging einfach auf die Leute zu, setzte sein berühmtes Drei-Dutzend-Sonnen-Lächeln auf und sprach sie an. Diese Art von Offenheit, Freundlichkeit und Leutseligkeit macht natürlich auch ein wenig verletzbar, aber bei ihm hat es, so weit ich es beurteilen kann, immer funktioniert. Sobald er merkte, daß irgendwer ihn ausnutzen wollte, sagte er schlicht und einfach "Nein!"
Als ich vor einiger Zeit einer Mitarbeiterin in unserem Kammeramt erklärte, daß ich nach Deutschland zur Beerdigung von Pater Rudolf Matuszek fahren muß, da sagte sie mir gleich, daß sie sich gut an ihn erinnern kann und daß sie nicht die einzige im Hause ist, der das so geht. Denn - und das erfuhr ich in diesem Moment zum ersten Mal - wenn Pater Rudi bei mir im Stift zu Besuch war und ich für ein, zwei Stunden irgendwohin mußte, um etwas zu erledigen, dann nutze er die Zeit, indem er in unserem Stift herumflitzte und sich alles anschaute, was man sich ohne Generalschlüssel und Mega-Spezial-Vollmacht eben so anschauen kann. Wenn er dabei einem Chorherrn oder einem Angestellten über den Weg lief, dann quatschte er diesen sofort an und unterhielt sich für einige Minuten mit ihm. Deswegen haben viele bei uns im Haus ihn in guter Erinnerung.
Pater Rudi hatte dazu erstens eine Hammer-Intuition und zweitens ein wenig den Schalk im Nacken sitzen. Er konnte einen Raum betreten, der mit 100 Priestern gefüllt war, sich kurz umschauen und dann schnurstracks auf den einen Priester zugehen, welcher der Meinung ist, daß er eigentlich schon längst Bischof sein müßte und sich ein wenig darüber ärgerte, daß er bei den letzten Ernennungen übergangen worden war. Pater Rudi begrüßte solche Männer in der Regel mit dem Satz: "Sie müssen der Bischof sein!". Das war vielleicht ein wenig fies, aber weil er sich nicht erhöhen wollte, holte er hin und wieder mal gewisse Leute einfach zu sich auf den Boden der Tatsachen herunter. Passend dazu konnte es durchaus auch vorkommen, daß er auf den Satz "Ahhhhhhh! Sie sind auch Priester/Mitglied dieser Ordensgemeinschaft!?" als Antwort zu hören bekam: "Ich bin der Bischof/der Abt!"
Manche Leute würden ihn naiv nennen, andere gewieft. Ich behaupte, er war eher beides oder keines von beiden, als nur eines. Wobei seiner Naivität jegliche Tölpelhaftigkeit fehlte und seiner Gewieftheit jegliche Bosheit.
Ich kann jedenfalls mit reinem Gewissen sagen, daß all die Leute, die durch mich mit Pater Rudi in Kontakt kamen, ihn nicht nur sehr mochten, sondern auch oft fragten, wann er denn mal wieder kommt.
Jetzt wird er leider gar nicht mehr kommen, aber dafür lebt er in den guten Erinnerungen nicht weniger Menschen weiter.
Donnerstag, 16. April 2015
Das Sterben der Meinen
Josef Bordat fragt und erklärt, warum uns 150 tote Europäer mehr interessieren als 150 tote Afrikaner.
Ich sage: Mich interessieren weder die Einen noch die Anderen.
Das soll kein kaltherziger Einwurf sei, der jetzt aber mal allen Heulsusen und Betroffenheits-Touristen und Nachrichten-Ausschlachtern so richtig zeigen soll, was für ein harter Hund ich bin. Noch weniger soll es ein Vorwurf sein an jene, die intensiv und anhaltend mitfühlen und mittrauern können.
Es ist schlicht und einfach eine Realität, mit der ich, seit ich denken kann, lebe bzw leben muß (abhängig davon, als wie essentiell, also den Mensch zum Menschen machend, die Fähigkeit zum Mitfühlen und Mitleiden bei kleinen und großen Katastrophen allgemein eingeschätzt wird).
Wenn irgendwo soundsoviel Dutzend Menschen bei dieser oder jener Katastrophe ihr Leben verlieren, dann denke ich mir kurz "Scheiße für die armen Angehörigen" und mache weiter. Abhängig von der Art der Katastrophe kann sich noch eine Portion Unverständnis oder Wut beimischen, wenn z.B. haarsträubendes menschliches Versagen die Katastrophe ausgelöst hat, wenn ein Haufen von Frömmigkeits-Verlierern zu den Waffen greift und mal wieder die Spreu vom Weizen zu trennen müssen glaubt oder wenn die gute, alte Gier (egal ob nach Geld oder Macht) dahintersteckt.
Bedeutet das nun, daß ich nicht mitfühlen und mitleiden kann?
Nö.
Josef Bordat schreibt am Ende seines Beitrages:
"Das geht mich etwas an" sollte man jetzt vielleicht nicht unbedingt immer übersetzen in "Da mische ich mich auf jeden Fall ein, wenn's sein muß auch gerne ungefragt". Akkurater wäre für mein Empfinden eher "Da werde ich sofort helfen, wenn es offensichtlich ist, daß Hilfe benötigt wird".
Die Erweiterung von "Germans" auf "humans" ist dann auch folgerichtig, denn wenn wir sehen, daß jemand in Not ist, dann helfen wir - wenn wir helfen - ja nicht, weil unsere innere Stimme uns sagt "Oh! Dieser Deutsche / Spanier / Türke / Guatemalteke braucht Hilfe" sondern weil sie uns sagt "Dieser Mensch braucht Hilfe".
Tote Menschen sind für mich - streng genommen - uninteressant. Ich bete für die Verstorbenen, das versteht sich von selbst. Aber ich leide nicht mit ihnen und nicht für sie. Ich leide auf Distanz auch nicht mit ihren Angehörigen oder mit denen, die mit ihren Angehörigen leiden, weil mir dazu einfach der Blickwinkel zu fehlen scheint.
Interessant sind für mich die Lebenden, die Begegnung mit ihnen und die Augenblicke, in denen ich plötzlich mit ihnen fühle, mich mit ihnen freue oder auch mit ihnen leide. Säße also die Mutter des Opfers eines Flugzeugabsturzes neben mir in dem Moment, in dem sie die entsetzliche Nachricht erhält, dann hätte ich wahrscheinlich größte Probleme, meine Tränen zurückzuhalten, selbst dann, wenn diese Frau mir bis dahin vollkommen fremd war. Sprich: Mitleid funktioniert grundsätzlich schon, aber auf eine Entfernung von mehreren Hundert Kilometern in Abwesenheit aller Betroffenen irgendwie nicht.
Richtig zu schaffen macht mir der Tod nur dann, wenn er sich einen der Meinen holt. Tut er dies dann auch noch zu einem ungünstigen Zeitpunkt, dann gibt es auch etwas, das mich "emotional wochenlang beschäftigt".
Ansonsten macht mir das Leben zu schaffen, weil da einfach mehr los ist und weil es mir immer wieder meine Versäumnisse vor Augen hält und mir so immer wieder Gelegenheit gibt, dafür zu sorgen, daß ich um mich herum erst einmal nur Menschen sehe und keine Deutschen oder Katholiken oder Weiße oder Gutsituierte etc...
Unter allen Menschen gibt es aber immer die Menge derjenigen, die mich etwas angehen (also im Grunde alle) und die Teilmenge derjenigen, die mir etwas bedeuten (also wenige). Und hier läßt mich der Tod mit seiner unterschiedslos dreinschlagenden Sense durch den entstehenden Schmerz immer ganz genau wissen, wenn er sich aus der Teilmenge bedient.
Mag sein, daß ich egoistisch trauere. Wenn ich andererseits spüre, was so eine richtige Trauer ist, dann ist es vielleicht auch ganz gut, daß sie sich bei mir selten einstellt. Ich bin für diese Täler einfach nicht geschaffen, und meine Mitmenschen haben - wenn sie es denn wollen - mehr von mir, wenn ich mich nicht in diesen Tälern befinde.
Ich sage: Mich interessieren weder die Einen noch die Anderen.
Das soll kein kaltherziger Einwurf sei, der jetzt aber mal allen Heulsusen und Betroffenheits-Touristen und Nachrichten-Ausschlachtern so richtig zeigen soll, was für ein harter Hund ich bin. Noch weniger soll es ein Vorwurf sein an jene, die intensiv und anhaltend mitfühlen und mittrauern können.
Es ist schlicht und einfach eine Realität, mit der ich, seit ich denken kann, lebe bzw leben muß (abhängig davon, als wie essentiell, also den Mensch zum Menschen machend, die Fähigkeit zum Mitfühlen und Mitleiden bei kleinen und großen Katastrophen allgemein eingeschätzt wird).
Wenn irgendwo soundsoviel Dutzend Menschen bei dieser oder jener Katastrophe ihr Leben verlieren, dann denke ich mir kurz "Scheiße für die armen Angehörigen" und mache weiter. Abhängig von der Art der Katastrophe kann sich noch eine Portion Unverständnis oder Wut beimischen, wenn z.B. haarsträubendes menschliches Versagen die Katastrophe ausgelöst hat, wenn ein Haufen von Frömmigkeits-Verlierern zu den Waffen greift und mal wieder die Spreu vom Weizen zu trennen müssen glaubt oder wenn die gute, alte Gier (egal ob nach Geld oder Macht) dahintersteckt.
Bedeutet das nun, daß ich nicht mitfühlen und mitleiden kann?
Nö.
Josef Bordat schreibt am Ende seines Beitrages:
- Den Raum dieser Dinge, die uns etwas angehen, stetig zu erweitern, auch, wenn sie, diese Dinge, uns erst einmal fremd sind, ist das Gebot der Nächstenliebe, mit dem wir unser Gehirn systematisch überlisten können. Damit uns irgendwann ein “accident” auch dann interessiert, wenn keine “Germans” betroffen sind. Sondern schlichtweg nur “humans”.
"Das geht mich etwas an" sollte man jetzt vielleicht nicht unbedingt immer übersetzen in "Da mische ich mich auf jeden Fall ein, wenn's sein muß auch gerne ungefragt". Akkurater wäre für mein Empfinden eher "Da werde ich sofort helfen, wenn es offensichtlich ist, daß Hilfe benötigt wird".
Die Erweiterung von "Germans" auf "humans" ist dann auch folgerichtig, denn wenn wir sehen, daß jemand in Not ist, dann helfen wir - wenn wir helfen - ja nicht, weil unsere innere Stimme uns sagt "Oh! Dieser Deutsche / Spanier / Türke / Guatemalteke braucht Hilfe" sondern weil sie uns sagt "Dieser Mensch braucht Hilfe".
Tote Menschen sind für mich - streng genommen - uninteressant. Ich bete für die Verstorbenen, das versteht sich von selbst. Aber ich leide nicht mit ihnen und nicht für sie. Ich leide auf Distanz auch nicht mit ihren Angehörigen oder mit denen, die mit ihren Angehörigen leiden, weil mir dazu einfach der Blickwinkel zu fehlen scheint.
Interessant sind für mich die Lebenden, die Begegnung mit ihnen und die Augenblicke, in denen ich plötzlich mit ihnen fühle, mich mit ihnen freue oder auch mit ihnen leide. Säße also die Mutter des Opfers eines Flugzeugabsturzes neben mir in dem Moment, in dem sie die entsetzliche Nachricht erhält, dann hätte ich wahrscheinlich größte Probleme, meine Tränen zurückzuhalten, selbst dann, wenn diese Frau mir bis dahin vollkommen fremd war. Sprich: Mitleid funktioniert grundsätzlich schon, aber auf eine Entfernung von mehreren Hundert Kilometern in Abwesenheit aller Betroffenen irgendwie nicht.
Richtig zu schaffen macht mir der Tod nur dann, wenn er sich einen der Meinen holt. Tut er dies dann auch noch zu einem ungünstigen Zeitpunkt, dann gibt es auch etwas, das mich "emotional wochenlang beschäftigt".
Ansonsten macht mir das Leben zu schaffen, weil da einfach mehr los ist und weil es mir immer wieder meine Versäumnisse vor Augen hält und mir so immer wieder Gelegenheit gibt, dafür zu sorgen, daß ich um mich herum erst einmal nur Menschen sehe und keine Deutschen oder Katholiken oder Weiße oder Gutsituierte etc...
Unter allen Menschen gibt es aber immer die Menge derjenigen, die mich etwas angehen (also im Grunde alle) und die Teilmenge derjenigen, die mir etwas bedeuten (also wenige). Und hier läßt mich der Tod mit seiner unterschiedslos dreinschlagenden Sense durch den entstehenden Schmerz immer ganz genau wissen, wenn er sich aus der Teilmenge bedient.
Mag sein, daß ich egoistisch trauere. Wenn ich andererseits spüre, was so eine richtige Trauer ist, dann ist es vielleicht auch ganz gut, daß sie sich bei mir selten einstellt. Ich bin für diese Täler einfach nicht geschaffen, und meine Mitmenschen haben - wenn sie es denn wollen - mehr von mir, wenn ich mich nicht in diesen Tälern befinde.
Mittwoch, 8. April 2015
Es wird in der kommenden Zeit zwangsläufig so sein,...
... daß ich immer wieder mal auf meinen verstorbenen Pater Rudi zu sprechen komme. Den kannte ich nämlich seit über 31 Jahren, und so hatte er reichlich Gelegenheit, sich mir gegenüber immer wieder als er selbst zu erweisen und auf diese schlichte Art mein Leben extrem zu bereichern.
Da nun diese - streng genommen von meiner Seite aus noch nicht vorgesehene und eingeplante - Amputation erfolgt ist, sind Phantomfreuden unumgänglich (Phantomschmerz = Etwas, das nicht mehr da ist, tut weh; Phantomfreude = Jemand, der nicht mehr da ist, tut immer noch gut).
Und einzelne Perlen dieser Phantomfreuden will ich hin und wieder mit Euch teilen.
Da ist zum Beispiel der Glaube dieses Mannes. Ich kenne und kannte niemanden, der so liebevoll glaubt. Wann immer er von Gott sprach, von Christus und auch von der Gottesmutter Maria, dann klang er wie ein Kind, das über seine Eltern spricht und dabei ganz genau weiß, daß sie ihn niemals im Stich lassen werden, daß sie ihn niemals fallen lassen werden.
Um Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen: Er legte dabei nicht diese leicht hochnäsige "Ich werde sowieso gerettet und in den Himmel kommen"-Art an den Tag (obwohl er vielleicht einer der wenigen Menschen war, die dies tun dürfen, weswegen sie es aber eben genau nicht tun).
Nein, was er an den Tag legte, war eine perfekte Mischung aus Ehrfurcht, die keine Angst kennt, aus Demut, der jegliches "Guckt mal, wie klein ich mich machen kann!" fremd ist und aus Liebe, die ohne jede Ausreden daherkam.
Wenn er von Gottes Barmherzigkeit sprach, dann klang er dabei nicht wie ein Sünder, der einen Notausgang sucht, sondern wie ein Sünder, dem das Heilmittel nicht nur gut tut sondern auch schmeckt.
Ich danke ihm dafür, daß er diesen wilden Bilokations-Trick drauf hatte, der es ihm gestattete, Zeit seins Lebens Gott zu Füßen zu liegen und ihn anzuhimmeln und gleichzeitig unter den Menschen hin und her zu wuseln und diese ganz spezielle Art der Freude am Glauben und der Liebe zu Gott zu verbreiten.
Da nun diese - streng genommen von meiner Seite aus noch nicht vorgesehene und eingeplante - Amputation erfolgt ist, sind Phantomfreuden unumgänglich (Phantomschmerz = Etwas, das nicht mehr da ist, tut weh; Phantomfreude = Jemand, der nicht mehr da ist, tut immer noch gut).
Und einzelne Perlen dieser Phantomfreuden will ich hin und wieder mit Euch teilen.
Da ist zum Beispiel der Glaube dieses Mannes. Ich kenne und kannte niemanden, der so liebevoll glaubt. Wann immer er von Gott sprach, von Christus und auch von der Gottesmutter Maria, dann klang er wie ein Kind, das über seine Eltern spricht und dabei ganz genau weiß, daß sie ihn niemals im Stich lassen werden, daß sie ihn niemals fallen lassen werden.
Um Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen: Er legte dabei nicht diese leicht hochnäsige "Ich werde sowieso gerettet und in den Himmel kommen"-Art an den Tag (obwohl er vielleicht einer der wenigen Menschen war, die dies tun dürfen, weswegen sie es aber eben genau nicht tun).
Nein, was er an den Tag legte, war eine perfekte Mischung aus Ehrfurcht, die keine Angst kennt, aus Demut, der jegliches "Guckt mal, wie klein ich mich machen kann!" fremd ist und aus Liebe, die ohne jede Ausreden daherkam.
Wenn er von Gottes Barmherzigkeit sprach, dann klang er dabei nicht wie ein Sünder, der einen Notausgang sucht, sondern wie ein Sünder, dem das Heilmittel nicht nur gut tut sondern auch schmeckt.
Ich danke ihm dafür, daß er diesen wilden Bilokations-Trick drauf hatte, der es ihm gestattete, Zeit seins Lebens Gott zu Füßen zu liegen und ihn anzuhimmeln und gleichzeitig unter den Menschen hin und her zu wuseln und diese ganz spezielle Art der Freude am Glauben und der Liebe zu Gott zu verbreiten.
Montag, 16. März 2015
Pimpf-freies Intermezzo
Ich wurde soeben telefonisch darüber informiert, daß mein geistlicher Ziehvater, guter Freund und allgemeiner Lieblingsmensch, Pater Rudolf Matuszek (Er hier) im Alter von 76 Jahren verstorben ist.
Noch warte ich darauf, aufzuwachen und festzustellen, daß ich diesen Anruf nur geträumt habe. Aber irgendwie setzt sich dann langsam doch auch die unangenehme Gewißheit durch.
Ich würde gerne einen Nachruf auf ihn verfassen, aber das mache ich besser privat als Aufarbeitung. Wer ihn kannte, dem muß man nichts über ihn sagen. Wer ihn nicht kannte, dem kann man ihn nicht beschreiben.
Die Welt hat viele sogenannte Kleine. Er war einer der Größten unter diesen.
Gott hab ihn selig.
Mit der Bitte um Euer Gebet...
Noch warte ich darauf, aufzuwachen und festzustellen, daß ich diesen Anruf nur geträumt habe. Aber irgendwie setzt sich dann langsam doch auch die unangenehme Gewißheit durch.
Ich würde gerne einen Nachruf auf ihn verfassen, aber das mache ich besser privat als Aufarbeitung. Wer ihn kannte, dem muß man nichts über ihn sagen. Wer ihn nicht kannte, dem kann man ihn nicht beschreiben.
Die Welt hat viele sogenannte Kleine. Er war einer der Größten unter diesen.
Gott hab ihn selig.
Mit der Bitte um Euer Gebet...
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