ch lehne mich mit dem Rücken gegen die Zeit und spreche die Zauberworte. Der Riß ist klein, aber zuverlässig. Mit dem nötigen Druck zwinge ich mich hindurch und lasse mich durch die Jahre fallen. Ich lande auf einer saftig-grünen Wiese. Ich lande in einem totenstillen Schützengraben. Ich lande in klarem seichtem Wasser. Ich lande unter einem stumpfen Henkersbeil. Ich lande an einer reich gedeckten Tafel. Ich lande in einer aufgebrachten Menschenmenge. Ich lande auf einem sanft behauchten Gipfel. Endlich lande ich in einer schaukelnden Kutsche. Auch die Vergangenheit hat unschöne Realitäten, welche die Unmittelbarkeit ihrer jeweiligen Gegenwart nutzen, um hämisch grinsend ihre gezückten Pläne und ihre gewetzten Zukünfte anzubieten. Doch wo die Phantasie frech ist, die Lust auf Vertrautes groß und die Sehnsucht nach morgen begrenzt, dort lasse ich mich auf weichen Polstern und Kissen gerne tragen durch die unentschlossene Natur eines herbstlichen Nachmittags, dem Licht der Lüster und dem Klang der Gläser entgegen, hinein in das zauberhaft gequälte Rauschen. Die Gesellschaft ist ein wenig schlaff, ein wenig übersättigt. Aber nie zu frei von Furcht oder Dünkel, mich nicht entweder als ihren Herrn oder ihren Untergebenen zu behandeln. Ich bin behütet genug, beides mit großem Vergnügen zu leben. Mir ist es einerlei. Ich habe in der Vergangenheit Deine Gegenwart noch immer gefunden, sei es an Höfen oder in Kloaken. Natürlich und ehrlich und ein für alle Mal: Der Glanz und der Überfluß und die Sorglosigkeit sind mir dort immer lieber als der Schmutz und der Mangel und die Qual. Doch wer weiß schon, wie er für seine Herrlichkeit einst zu bezahlen hat? Immerhin: Oft genug erbarmt sich Gott der Reichen, der Prassenden, der Luxuriösen und schmettert sie noch zu ihren Lebzeiten in den Untergang, um sie später nicht zu streng richten zu müssen. Nun erkenne ich Dich noch. Bald ich sehe Dich nicht mehr. Und dann kommen die Fragen.
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Sonntag, 15. Oktober 2017
Freitag, 19. Mai 2017
Enthüllung / Geheimnis
en silberblauen Nebel verlassend, lausche ich den Maschinen. Wie verzerrtes Wolfsgeheul schallt es von den harten Schemen herüber. In kantiger Geschäftigkeit verrichten die Metallskulpturen ihren monotonen Dienst, in rauhem Dialekt gleichzeitig schaffend und zerstörend. Ein einsamer Vogel fleht im kalten Morgenduft. Er wird von zischenden Dampferuptionen verhöhnt.
oldene Schnallen gemächlicher Schuhe bewerfen mich mit Sonnenlicht. Der Würdenträger lange Purpurschleppen ziehen gravitätisch an mir vorbei, fließen durch die alten Straßen wie schweres Blut durch glatte Adern. Routine glänzt sanft auf runden Gesichtern. Ein Säugling jauchzt in den warmen Mittag hinein. Das Geläut der Glocken bestätigt sein Zeugnis.
oldene Schnallen gemächlicher Schuhe bewerfen mich mit Sonnenlicht. Der Würdenträger lange Purpurschleppen ziehen gravitätisch an mir vorbei, fließen durch die alten Straßen wie schweres Blut durch glatte Adern. Routine glänzt sanft auf runden Gesichtern. Ein Säugling jauchzt in den warmen Mittag hinein. Das Geläut der Glocken bestätigt sein Zeugnis.
Montag, 30. Januar 2017
Revolution im Verstand
rivilegiert, beleibt und wohlhabend stolziere ich durch meinen Gehirn-Palast. Umhüllt von kostbarsten Gedanken-Gewändern feiere ich mich selbst in den prunkvollen Gemächern der Argumentation, errichtet und ausgeschmückt von Selbstvergewisserungs-Tatsachen, die mir über Jahre hinweg in einer festen Ordnung immer demütig und brav den mir laut Tradition zustehenden Anteil brachten, und auf die ich dennoch - mal heimlich, mal offen - mit Verachtung hinabblickte, ohne mich jemals zu ihnen hinabbegeben zu haben. Wollte ich die Zeichen nicht erkennen? Konnte ich die Zeichen nicht erkennen? Als die Türen zum Festsaal krachend auffliegen, ist die Antwort auf diese Fragen nicht mehr von Belang. Rauher Fakten-Pöbel stürmt hinein und beginnt sofort mit seinem Zerstörungswerk. Ungewaschene, grobe Hände greifen gierig nach zarten Gedanken, die sie bald zerfetzen und zertrümmern. Aller Pracht entkleidet, allen Glanzes verlustig, gedemütigt und ohnmächtig stehe ich bis auf die Leibwäsche entblößt inmitten der Verwüstung. Aus meinen einstürzenden Augen flieht ein Blick zurück und bleibt hoffnungsleer an einem letzten Stückchen unversehrter, trügerischer Gewißheit haften, während ich gepackt und hinausgezerrt werde in die Kälte, in die Schutzlosigkeit. Man wirft mich in eine schmutzige Zelle, und das Gelächter ist groß, als ich das zusammengereimte, weiche Prunkbett gegen die wahrhaftige Härte einer strohbedeckten Pritsche tauschen muß. "Wir hätten dir alle unsere Waren zu dem vernünftigen Preis der Überprüfung angeboten. Doch du ließest sie einfach eintreiben und hast blind und gierig an dich gerafft, was dir gefiel, was zu dir paßte, was dich schmückte!" So lautet die Anklage. "Aber...", stammele ich. "Aber... Ich liebe Euch doch, meine Untertanen!". Höhnisches Gelächter, obszöne Gesten, verächtliches Ausspucken. "Dir bleibt eine Nacht des unruhigen, bilderlosen Schlafes! Verzichte morgen offiziell vor unserem Tribunal auf deine parfümierte Fassaden-Kenntnis und lerne das Leben in der Latrine der Tatsachen kennen", raunt man mir noch zu. "Und glaube nicht, daß wir bei dir eine Ausnahme machen: Wir haben schon ganz andere Köpfe von ihren Träumen getrennt". Meine ungeübte Seele steht nackt dem Schöpfer zur Verfügung, der sie - so muß ich hoffen - mit Milde betrachtet.
Mittwoch, 2. November 2016
Allerseelen
er Himmel hängt tief und grau wie ein Meer von Tauben. Die Luft ist mit silbernen Fäden durchwirkt. Das Gespräch zweier Krähen schwebt den Wind hinab, ruht für einen Augenblick auf meiner Schulter, gleitet zu Boden und verliert sich im Laub. Brillanten tropfen von den Zweigen kahler Pappeln. Der vernebelte Tag überreicht seine Stille dem herbeieilenden Abend. Letzte Blätter fallen. Letzte Blätter werden beschrieben. Die Vergangenheit verkriecht sich zum Winterschlaf in mein Herz. Wecke nicht die Erinnerungen!
Montag, 3. Oktober 2016
Der Herbst
r fällt in ungezählten Blättern und ungemeßnen Tropfen. Er fällt durch Linsen und durch Pinsel, durch Reime und Akkorde. Er fällt in das Gemüt und auch in den Verstand. Er hebt mich in kürzer werdenden Tagen dem Wolkengrau entgegen. In vogelstillen Nächten wartet er geduldig draußen, vor dem gekippten Fenster. Der Herbst kommt und ergreift Besitz. In fieberfreiem Tanz, mit wohl gemessenen Farben legt er sich übers Land, dort, wo es grün war und bald schon kahl sein wird. Er würzt die Gedanken und die Luft und nimmt wissend lächelnd immer wieder die gleichen Lieder aus unseren Herzen entgegen. "Ach, wär's doch schon so weit", singen die Einen. "Noch nicht," singen die Anderen. "Geh nicht nochmal fort", sage ich, dreh mich um und sehe einen späten Stern am Dämmerhimmel.
Samstag, 13. August 2016
... und warten immer noch
ewohnt von Geistern aus Fleisch und Blut lärmen Erinnerungen, die ich besitze, obwohl es nicht die meinen sind. In großen Stiegenhäusern treiben steinerne Gespensterchen Unfug. Sie werden sich zum richtigen Zeitpunkt zu mir gesellen, um die farbenfrohen Schattenschnitte aus meiner Vergangenheit anzustarren. Von gestern und morgen kommt ein Rauschen wie von tausend Roben im Festsaal, wie aus einer Fontäne im Garten, wie in einem Ohr, das dem eigenen Blutflusse lauscht. Laßt Euch nieder auf diesem Parkett. Verweilt unter diesem Dach. So oft schon tatet Ihr es. So oft noch werdet Ihr es tun. Und wenn dieser eine Herzschlag kommt, an dem Träume und Leidenschaften sich kreuzen dürfen hinweg über Zeit und Raum, dann müssen wir nicht verharren in bekannten Bewegungen, sondern dürfen noch einmal knien und danken und alles so betrachten, als wär's das erste Mal.
Montag, 13. Juni 2016
Nicht im Sturm, nicht im Beben, nicht im Feuer
artete ich einst, so wartete ich nicht auf Dich, der Du bist und immer bist und immer da bist. Zögerte ich einst, so zögerte ich nicht wegen Dir, dessen Tore immer weit geöffnet stehen. Ging ich einst in die Irre, so tat ich es nicht wegen Dir, der Du der Weg bist und das Ziel. Fand ich zu Dir zurück, so tat ich es nicht aus eigener Kraft, denn ich war ein Blatt im Wind, hineingeweht in Deine Hand. Liebte ich einst, dann hatte ich immer schon geliebt und liebe noch heute und werde immer lieben. Glaube ich heute, dann zieht sich der Lärm langsam zurück in seine Höllenlöcher. Werde ich einst hoffen, dann werde ich am Fuße des Berges keine Angst mehr kennen. Auf Gipfeln hör ich keine Stimmen mehr. Auf Gipfeln streichelt mich die Luft. Stürzen kann ich nicht, das Fallen birgt keinen Schrecken dort, wo ich nur die Augen schließen muß, um langsam emporzusinken.
Dienstag, 31. Mai 2016
Alles oder nichts
ie uralte Monster, die es zwar nicht gibt, die trotzdem jeden Kinderschlaf regelmäßig stören, so sinken sie endlich lautlos in den Sand, weil sie, als man ihnen sagte, sie sollten zu leben versuchen, meinten, man forderte sie auf, vom Leben zu kosten. Und so schlenderten sie um ihre Jahre herum, wie um ein Buffet, sicherheitshalber nur von dem nehmend, was auch die Anderen bevorzugten, was sie selbst zu kennen glaubten oder was ihnen - wenn ihre Erinnerung sie nicht täuschte - einst einmal empfohlen wurde. Eifersüchtig schielten sie auf die Tage der Anderen, befürchtend, daß diese gefüllter sein könnten, als die eigenen. Stumm, manchmal verträumt, manchmal dringlich, manchmal verzweifelt kauten sie ihre Stunden und wurden doch nie satt. Ein Gott flüsterte ihnen zu, und sie machten ärgerliche, hektische Bewegungen mit ihren Händen, als verscheuchten sie eine Fliege. Und irgendwann zwischen Dessert und Mundabwischen kam die entsetzte Frage: "War das wirklich schon alles?"
Dienstag, 10. Mai 2016
Fluchtpunkte
ie Straßen durch die wir gingen, in welcher Stadt auch immer; sie wirkten ja ohnehin alle gleich, so lange du an meiner Seite warst. Die Kirchen, in denen wir flüsterten und irgendwie scherzhaft so taten, als läse Gott dort nicht mit. Die alte Bank auf der wir saßen und hinüberblickten zur Burgruine, die du bereits zu gut kanntest und die ich neben Dir nicht kennen mußte. Die Namen, an denen wir vorbeifuhren und die nicht schnell genug verblassen konnten, bevor Dir zu ihnen eine Geschichte einfiel. Die Hand, die ich nicht ergriff, weil Du sie noch brauchtest und weil sowieso alles so war, wie es sein sollte. Der Segen, den ich empfing, kniend in Deinem letzten Zimmer, in meinem ersten Abschied. Die Brücke, auf der ich das Weinglas und die Zigarette mit einer Hand hielt, auf der ich mich zurücklehnte, nach oben blickte und dachte: 'Wäre es immer so, dann wäre das mit dem Himmel nicht so dringend, und die Welt wäre keine Horrorbühne sondern ein kleiner Raum voller schöner und curioser Dinge'.
Dienstag, 26. April 2016
Frühling ohne
um fröhlich-fordernden Gesang der Vögel entfaltet der Frühling sich gemächlich. Vor himmelblauem Himmel verhüllen Wolkenkissen die Sonne und ziehen bald darauf weiter. Die Luft schmeckt nach Ich-weiß-nicht-was; sie erinnert mich an ein schwereloses Herz und an das Ende des Winters. Vor dem kleinen Cafe auf der großen Piazza steigt Dampf aus Espressotassen auf. Zu kalt, um im Freien zu sitzen. Zu schön, um drinnen zu bleiben. Vor meinen Augen ein vielfältiges Werden; in mir ein einziges Sein. Hunderte von Füßen tragen euch eurem Tag entgegen. Ich sitzen in meinem und warte, daß eine Türe sich endlich öffnet oder eine Lücke sich wieder füllt.
Samstag, 2. April 2016
Ein Baum zu sein
in Baum zu sein. Hoch gewachsen und mit tiefen Wurzeln, mit breitem Stamm und weitem Geäst. Ein Baum zu sein. Ein Kaiser mit und ohne neuen Kleidern. Komm nur, lieber Wind! Reiß mir das Gewand vom Leib! Mich friert es nicht, ich freu mich schon im Dezember auf das Kitzeln des Knospensprungs. Ein Baum zu sein. Streng genommen unbeweglich und stumm. Und doch bringen sie mich stets zum Klingen, die Eichhörnchen mit ihren Krallen, die Spechte mit ihren Schnäbeln, die Verliebten mit ihren Taschenmessern und jeder Luftzug, der an meinen Zweigen rüttelt. Ein Baum zu sein. Und dann zur rechten Zeit am rechten Ort zu stehen, wenn Du einen Stamm zum Anlehnen brauchst, einen Schatten, um Dich abzukühlen.
Freitag, 25. März 2016
Die Traurigkeit
ie hängt schwer in meiner Brust. Wie Gewichte einer antiken Uhr hält sie das Werk meines Herzens in Bewegung, so daß es immer weiter tickt und tickt und tickt und zur vollen Stunde einen Schrei ausstößt, der die Rückkehr der Dinge verlangt, die niemals wiederkommen können. Wie still Dein Herz, wie abgelaufen Deine Uhr auch sein mag: In meiner Erinnerung schenken sich mir Deine Tage und unsere Zeit immer wieder neu. Kostbar mögen die Tränen sein, schmerzhaft der wehmütige Blick. Doch niemals läßt Staub sich nieder auf dem Platz, der immer der Deine war und den ich Dir aus Respekt und aus Liebe mit einem Lächeln freihalte.
Dienstag, 15. März 2016
Wo ich mich finde
n Deinen Quellen, o Niemandsland, wo die Seelen sich treffen, bevor sie gemeinsame Wege gehn. Dort hängen die Äste niedrig über sprudelnder Geschwätzigkeit. Aus der Deckung des Laubes stimmt das kleine Federvieh mit ein. Strudel flirten mit Zehen, die im kalten Wasser spielen. Finger greifen nach blankpolierten Steinen. An Deinen Quellen, o Niemandsland, wo die Liebenden warten auf die Geliebten. Dort versteht man sich ohne Worte, mit vielen Blicken. Melodien haken sich in die Momente ein und lassen sie in die Vergangenheit entgleiten, wissend, daß sie sie mit wenigen Klängen wieder heranholen können. An Deinen Quellen, o Niemandsland, wo das Sonnenlicht durch die Zweige bricht wie ein immerwährendes Versprechen. Dort ist die Vorfreude der Atem, der alles am Leben erhält. Aus den Gesichtern sprechen die blühenden Herzen, deren sanftes Schlagen eine simple Botschaft trägt: Heute noch werde ich bei Dir sein und somit auch bei mir.
Montag, 7. März 2016
Wanderer
ch habe ihn nicht genommen, diesen Abschied, denn er wurde mir nicht - so wie Du zuvor - auf einem silbernem Tablett hingehalten. Was folgte, war sehr viel mehr als nur eine Erschütterung, und doch auch etwas weniger als ein Nervenzusammenbruch. Das Gesicht auf der Wasseroberfläche hat viele Fragen. Der kalte Vorfrühlingswind trägt viele Antworten über das sonnenhelle Pflaster. Eine Jugend zerrt am Herzen, während ein Verstand sich dem Alter zuneigt. In einer anderen Version begleitest Du mich auf allen Wegen meines Lebens. Hier jedoch wanderst Du abwechselnd auf den sachlichen, neonbeleuchteten Straßen meiner Erinnerung und den märchenhaften, sternengewürzten Pfaden meiner Träume. Es tobt eine Sehnsucht in vielen Augenblicken. Früher wurde sie nach langem Warten doch stets erfüllt, damals, als noch alle Wege zu Dir führten, obwohl uns so viele Kilometer trennten. Heute trennt uns nur noch ein Herzschlag: Mein letzter.
Donnerstag, 3. März 2016
Das Photo
s hat kein davor, und es hat kein danach. Die Zeit preßt sich von beiden Seiten in engstmöglicher Weise an das Photo heran. Sie hält es fest wie in einem Schraubstock und läßt es nirgendwohin entfliehen. Das Leben reißt Dich mit in Momenten, die zu Sekunden werden, zu Stunden, Tagen, Wochen, Monaten, Jahren und die sich letztlich anhäufen zum Leben selbst. Wie in einem Film läufst Du durch die Augenblicke, die Dir wiederum durch die Finger gleiten. Die Zeit hält niemals inne, um sich mit Dir am Ersehnten, am Geliebten, am Unersetzlichen zu erfreuen. Doch herausgerissen aus dem Fluß Deines Lebens liegt vor Dir der eingefrorene Moment, das einzelne Bild, das Photo und lügt Dich an mit einem Gesicht, daß nie altert, einem Leib, der nie verwest, einer Gegenwart, die nie vergeht und einem Versprechen, das außerhalb seiner selbst nie gehalten werden kann. Es sagt: "Ich bleibe, wie ich bin" und wirft Dich zurück in den Strom.
Montag, 15. Februar 2016
Klänge der Versuchung / Stille der Erlösung
s gibt Tage, die haben ihren eigenen, ganz besonderen Klang. Wie wilde Trommeln fern in einem rostroten Herbstwald. Wie ein sehnendes Saxophon aus der urinsauren Tiefe eines U-Bahn-Schachtes. Wie kühle Synthesizer vor einer jalousie- durchschnittenen Abend-Skyline. Wie jammernde Geigen in den rauchenden Ruinen einer Frontstadt. Wie ein filigranes Spinett zwischen Rosenduft und Marmorglanz. Wie fröhliche Flöten am Ufer eines sprudelnden Baches. Wie eine trauernde Orgel am Sarg eines geliebten Menschen: So sinken diese Tage auf mich herab und lassen sich nieder in mir. Sie klingen, spinnen Melodien und krallen sich mit Ohrwurmwiderhaken fest in meiner Erinnerung, so daß sie immer unvergeßlich bleiben: Sie, die besten Tage und die schlechtesten. In Träumen fort und fort lebend bringen sie mich nachts an Orte, die mal zu schön sein können, mal zu schrecklich, oft zu laut und niemals still genug, an denen letztlich aber doch immer die Hoffnung wie Morgentau auf Schädelhöhen liegt, weil ein ewiges Versprechen der Erlösung für einen Augenblick aus fünf Wunden blutete. Der Satan nimmt immer den Bühneneingang. Der Messias nimmt oft die Hintertüre.
Samstag, 30. Januar 2016
Die anderen Gedanken
it hochgezogenen Schultern und tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen lungern sie herum an den schlecht beleuchteten Ecken meines Denk-Dorfes. Sie kicken Stichwort-Steinchen in meine Richtung über das feuchte Pflaster des Themen-Troittoirs und lassen manchmal durch heftiges Ziehen ihre Zigaretten provozierend aufleuchten, bevor die Gedanken-Glut als Argumenten-Asche fortrieselt. Sie werfen tausendfach betatschte Meinungs-Münzen ins verunreinigte Recherche-Rinnsal und versuchen mit angestrengt nicht-überheblichem Lächeln, mir das Wasser im Berichte-Brunnen als rein zu verkaufen.
Ich will weder blind vertrauen noch elendig verdursten.
Ich will weder blind vertrauen noch elendig verdursten.
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