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Montag, 8. Mai 2017

Summen

s ist nicht einfach, in dieser Zeit Priester zu sein. Letztkommunionempfänger, Kulturkatholiken und Christentumsbeender soweit das Auge reicht. Leere Kirchenbänke, leerere Ordenshäuser und leerste Seminare in Hülle und Fülle. Dazu eine Amtsträger- und Laien-Schar, die sich immer schön zu fetzen weiß und dabei häufig die Gewichtung nicht hinkriegt: Während in Ägypten die Christen den Mördern ihrer Angehörigen vergeben und für diese beten, wird im Westen darüber gestritten, ob diese oder jene Formulierung in diesem oder jenem Kommentarbereich "justiziabel" ist. A propos Kommentarbereich: Virtuell herrscht eine solche geistige Unbeweglichkeit, daß man sich mit den falschen Fragen oder den falschen Kommentaren schnell mal innerhalb weniger Stunden die Vorwürfe anhören darf, man sei viel zu Nazi UND viel zu Kommie (ein Problem, mit dem auch andere Leute zu kämpfen haben). Als Kirsche auf dem Sahnehäubchen erweisen sich die regelmäßigen Zwischenrufe diverser Theologen, die wieder einmal die Kirche neu erfinden, die Bibel neu deuten, den Glauben umschreiben und das Lehramt umlenken wollen. Darf ich mich denn überhaupt darüber aufregen, wenn ich einen Satz vorher noch die geistige Unbeweglichkeit angeprangert habe? Ja, wenn all diese Versuche, die Kirche "ins 21. Jahrhundert" oder "up to date" zu bringen, nicht nur regelmäßig stattfinden, sondern mittlerweile auch so gehäuft daherkommen, daß man die Beweglichkeit eigentlich nicht mehr erkennen kann. Ich meine, wenn man 440 mal pro Sekunde die Frauenweihe oder die Abschaffung des Zölibats oder das Aufbrechen verkrusteter Strukturen fordert, dann gibt's halt den Kammerton A, und der ist nicht bunt oder frech oder modern, sondern monoton und unbeweglich, hat aber den Vorteil, daß er weder zu tief noch zu hoch ist, so daß sehr, sehr, sehr, sehr viele Stimmen mitsummen können.

In der Schar der regelmäßigen Meßbesucher in Floridsdorf tauchen in den letzten Wochen und Monaten immer wieder und immer häufiger Familien mit ihren kleinen und kleinsten Kindern auf. Diese Familien kommen von überall her: Aus Osteuropa, aus Afrika, aus dem arabischen Raum und natürlich auch aus Österreich. Die Kinder sind während der Messe eher ungefesselt und machen auch mal durch Krähen, Heulen oder Plappern auf sich aufmerksam. Vor allem ein superwinziges, etwas über ein Jahr altes Mädel aus Afrika traut sich jeden Sonntag immer ein wenig näher an den Altar und den Herrn Pfarrer heran. In der Gemeinde sollen angeblich schon Wetten eingegangen sein, an welchem Sonntag im Kirchenjahr die Kleine mir zum ersten Mal am Talarsaum zupft. Die älteren Kinder, die schon ansatzweise verstehen können, worum es geht, sind vor allem bei den Lesungen mucksmäuschenstill, weil sie die Geschichten von Jesus in der Regel ziemlich interessant bis faszinierend finden. Wenn ich mir die mittlerweile nicht mehr total überalterte sondern ziemlich abwechslungsreiche Menge der Gläubigen ansehe, die da sonntags regelmäßig in den Kirchenbänken sitz oder um die Kirchenbänke herumläuft (die Kleinen), dann stimmt mit der Welt immer sehr, sehr vieles.

Ich weiß auch nicht genau, wie ich die Moral von der Geschichte formulieren will. Auf jeden Fall ist es so, daß mir das Summen der kleinen Kinder während der Messe sehr viel lieber ist als das Summen der zuvor erwähnten Kammerton-A-Erzeuger. Denn das erste Summen sorgt immer dafür, daß ich mich lebendig fühle und auch die Kirche als lebendig verstehe.

Sonntag, 9. April 2017

Ist das Internet doch besser, als ich dachte?

m vergangenen Wochenende geschah auf reddit etwas Erstaunliches: Die User bekamen eine riesige, leere Fläche mit dem Namen Place zur Verfügung gestellt. Sie durften nun diese Fläche mit Pixeln füllen. Zur Auswahl standen 16 Farben. Jeder User durfte über den Verlauf des Experiments (Dauer: 72 Stunden) beliebig viele Pixel setzen, mußte aber nach jedem Pixel einige Minuten warten, bevor er das nächste Pixel setzen konnte.

Was sich dann an Spontaneität, Gruppenbildung, Ideenfindung, Absprachen, Planung, Aufbau, Zerstörung, Krieg, Versöhnung, Albernheit und Ernsthaftigkeit abspielte und zu welchem Ergebnis es führte, das läßt mich schon ziemich staunen. Sind wir doch besser, als man annehmen sollte? Wenn ich mir überlege, daß die Aktivitäten auf Place im Grunde in einem rechtsfreien Raum stattfanden, dann finde ich es nicht nur erstaunlich, sondern eigentlich auch beruhigend und großartig, daß sich nicht die phantasielosen Zerstörer, die kruden Kriegsführer und die ewig in Grundschul-Lautstärke kichernden Pimmel-Maler durchgesetzt haben, sondern daß am Ende tatsächlich so etwas zustande gekommen ist wie ein Gesamtkunstwerk, an dem Leute aus allen Enden und Ecken der Erde beteiligt waren.

Die ganze Geschichte ist faszinierend. Lesen könnt Ihr sie hier (inkl. vieler Zeitraffer-gifs).

Und hier ist das Endergebnis (in einer ziemlich großen Bilddatei):

Samstag, 27. August 2016

When we were young...

ch habe in meinem Leben in genau zwei Bands gespielt, habe also schon mal doppelt so viel gemacht, wie ich mir mit 12 oder 13 Jahren (als ich zum ersten mal Depeche Mode gehört habe) ursprünglich vorgenommen hatte. Die erste Band war eine Synth-Pop-Combo aus Düsseldorf (1984-1987), mit der ich immerhin drei kurze Demos aufgenommen und ein anständiges und amtliches Konzert im Zakk gespielt habe. Die zweite Band war eine Indie-Rock-Band aus Freiburg i.Br. namens "The Sons". Ich habe da von 1987 bis 1989 Keyboard gespielt, aber die Band hat vorher schon und nachher auch noch ein wenig existiert. Wir haben damals eine handvoll Konzerte in Freiburg und Frankreich gespielt und haben auch zwei schicke Demos aufgenommen. Und wir hatten eine ausgedehnte Photo-Session, weil wir unsere Demos auch an ein paar Labels verschicken wollten und da natürlich nachdrücklich darauf hinweisen mußten, daß wir nicht nur coole Songs komponierten, sondern auch voll nach Teenie-Ohnmacht aussahen! Von genau dieser Photo-Session stammt dieses Bild. Das war eine hammergeile Zeit mit den Jungs! Danke für die Erinnerungen an (v.r.n.l.) Thomas (Schlagzeug), Roland (Gitarre), Wolfgang (Bass) und Achim (Gesang). Ganz links der blutjunge Herr Alipius, damals noch Claus.


P.S.: Ich habe dieses Bild mit diesem Text gestern auch schon auf facebook geteilt, aber da ist es - aus welche Grund auch immer - nur in meiner Timeline erschienen und nicht auf der allgemeinen Wall. Weil ich aber erstens das Bild zu cool finde und weil es zweitens streng genommen auch ein Geburtstagsgeschenk war, poste ich es jetzt nochmal hier auf dem Blog mit entsprechenden Hinweisen auf facebook, in der Hoffnung, daß dieses Mal nicht irgendwelche komischen Algorithmen die gar köstliche Information von geneigten Lesern und Hinguckern fernhalten.

Montag, 1. Februar 2016

Der Radikale

iane Bednarz hat's erkannt:
    Konservative Katholiken und Evangelikale haben endlich eine politische Kraft gefunden, die zu ihnen passt: die AfD. Sie machen Stimmung gegen Flüchtlinge und den Papst. Die neuen Helden heißen Putin und Orbán.
Wissen wir doch eh alle schon längst: Konservative Katholiken (und Evangelikale) sind in exakt dem Maße genau SO UND NICHT ANDERS, in welchem Moslems, Asylbewerber, Flüchtlinge etc NIE UND NIMMER über einen Kamm geschert werden dürfen.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Verhältnisse

enn man bedenkt, wie viele Menschen sich in ihrem Protest gegen Was-auch-immer auf ein christliches Erbe, auf christliche Tradtionen, auf ein christliches Menschenbild, auf christliche Werte und auf ein christliches Abendland berufen, dann muß man eigentlich davon ausgehen, daß Kirchenbänke, Beichtstühle, Priesterseminare und Ordenshäuser in Europa bestens gefüllt sind.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Köln...

ür Köln und Hamburg und Stuttgart und alle vergleichbaren Situationen gilt: Nur Idioten gehen hin und sagen "Aha! Und so sind sie alle, die männlichen Ausländer, Flüchtlinge und Moslems!"

Ich will damit nicht sagen, daß es keine Idioten gibt. Ich will damit auch nicht sagen, daß man diesen Idioten nicht beibringen muß, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Aber muß man sich die Arbeitseinteilung wirklich so sehr von diesen Idioten diktieren lassen, daß man zuerst bei ihnen am Tisch steht und das von ihnen bestellte Menü aus Beschwichtigung und Mahnung bringt, wenn einen Tisch weiter begrapschte und quasi vergewaltigte Frauen im Schockzustand sitzen und zwei Tische weiter heitere Täter die Tatsache feiern, daß sie aus der Überforderung bzw Unterbesetzung der Polizei Kapital schlagen konnten?

Für den Augenblick hätte ich gerne nur Antworten auf zwei Fragen: Wie kann man verhindern, daß sich solche Vorfälle künftig wiederholen? Und wie sicher kann ich sein, daß entsprechende Maßnahmen auch umgesetzt werden?

Ich befürchte aber, daß ein Teil dieser Antworten die Bevölkerung um circa eine Armlänge verunsichern würde.

Montag, 14. Dezember 2015

Aus Alt mach Neu!

Heute um ca. 11:00 Uhr wurde in einem außerordentlichen Plenarkapitel unser Propst Bernhard von den Kapitularen des Stiftes Klosterneuburg auf Lebenszeit in seinem Amt bestätigt.

Ich wünsche ihm Gottes Segen, alles Gute und weiterhin gutes Geschick und eine väterliche Gesinnung bei der Leitung unserer Gemeinschaft.

Montag, 14. September 2015

Es ist nur eine Stimme, ...

... aber was StraightOuttaSyria auf reddit berichtet ist schon interessant und lesenswert. StraightOuttaSyria ist ein Kurde aus Syrien, der vor neun Monaten einen Asylantrag in Deutschland gestellt hat, welcher vor zwei Monaten genehmigt wurde. Er beantwortet in seinem Beitrag nun 9 Fragen, die er öfters zu hören bekommt.

Dies ermuntert andere Leser, auch ihre Fragen zu stellen und so wird die ganze Geschichte im Kommentarbereich, der mittlerweile über 4.000 Beiträge aufweist, richtig faszinierend. Denn dort interessieren sich ganz normale reddit-User nicht nur für die offensichtlichen Themen (Syrien, IS, Flucht, Integration etc...), sondern es gibt plötzlich auch Tips, welche Bands man hören sollte, um schnell Deutsch zu lernen. Es wird kurz angedacht, ob es für einen Syrer okay ist, Bayern-Fan zu sein, wenn er es bereits seit seinem 5 Lebensjahr ist und daher immerhin aufgrund seiner Loyalität Respekt verdient. Es wird nach Lieblings-Videospielen gefragt. Man erfährt ein wenig darüber, wie die sprachliche Integration der Flüchtlinge funktioniert. Man erkundigt sich auch schon, welche syrischen Speisen gut und hip sind, so daß man weiß, was man in den künftig aus dem Boden schießenden syrischen Restaurants und Imbißbuden bestellen soll. Es werden auch viele Fragen zur Situation der Flüchtlinge in der Türkei gestellt und beantwortet.

Natürlich fehlen auch nicht vereinzelte Stimmen, die dem Autor vorwerfen, ein Fake zu sein. Ist es möglich? Natürlich. Ist es wahrscheinlich? Für mich klingt er ziemlich legit.

Schaut halt selbst mal rein.

Mittwoch, 9. September 2015

"Für wie doof halten die mich eigentlich?" versus "Sind die wirklich so doof?"

Die "sozialen" Netzwerke, in denen ich unterwegs bin, sind facebook (viel) und twitter (wenig). Ein Phänomen, welches ich dort (sowie hin und wieder auch hier auf meinem Blog) schon seit geraumer Zeit beobachte ist das der "Erleuchtungsgehemmten Aufklärungsmanie", wie ich es mal ganz unkompliziert nennen will.

Was das ist? Nun, aufgrund meiner Arbeit habe ich in besagten "sozialen" Netzwerken viel Umgang mit Katholiken und Christen. Diese liegen mit mir nicht immer auf einer Wellenlänge. Und dieses Nicht-auf-einer-Wellenlänge-Liegen schiebt offenbar in nicht wenigen Hirnen den "Ich geh jetzt mal online missionieren" Regler auf "11" (im Spinal Tab'schen Sinne).

Dann kommt es zu Sätzen und Kommentaren wie "Die katholische Kirche geht unter, weil Franziskus!" oder "Die katholische Kirche ist schon untergegangen, weil Benedikt!" oder auch "Jesus wollte überhaupt keine Kirche (also... zumindest nicht die katholische...)", gewürzt mit Klassikern aus der "Ich versuch's einfach nochmals mit diesem Argument"-Schublade ("9 Millionen verbrannter Hexen" oder "Vatikan verkaufen = Eine Welt aus Wattebäuschen, Regenbogen und Teddybären!" oder auch "Handkommunion = Erneute Kreuzigung unseren Herrn!"). Es gibt auch die akademische Variante, in welcher die Sätze geschliffener und die Argumente ausgefeilter klingen, die aber dafür mit unbelastbaren Zahlen, nicht nachprüfbaren Anekdoten und sehr, sehr viel "es wird allgemein davon ausgegangen" oder "man darf annehmen" oder "könnte, wäre, hätte" operiert, und so letztlich auch nicht wirklich mit dem superdicken Fundament daherkommt.

Und jetzt nehmt mal dieses Phänomen und übertragt es auf die aktuelle Flüchtlings-Debatte.

Hallo, lieber Pupillenstillstand!

Es ist mir im Moment nicht möglich, auf facebook auch nur drei Einträge weit zu scrollen, ohne daß mir indirekt (weil nicht mich persönlich, sondern jeweils die gesamte persönliche facebook-Freundesliste ansprechend) zu verstehen gegeben wird, daß ich das Thema vollkommen falsch einschätze, indem Bilder, Informationen und Links gepostet werden, die ganz klar das Ziel haben, meine Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken. In den seltensten Fällen wird bei den Bildern und den Informationen eine überprüfbare Quelle mitgeliefert. Und gibt es diese Quelle doch, dann führt sie eher oft als nie zu irgendwelchen Online-Akademien für künftige Aluminiumfolienhüte-Träger.

Und es beschleicht mich das dumpfe Gefühl, daß dort draußen tatsächlich Leute unterwegs sind, die mir nicht zutrauen, mir selbst bestimmte Fragen zu stellen, nach Antworten zu suchen und eine eigene Meinung zu entwickeln. Das wäre dann einigermaßen erträglich, wenn diese Leute mich gut kennen und wenn ich die Möglichkeit habe, ihre gute Absicht zu spüren. Wenn allerdings geshoppte Photos, erfundene Artikel und Links zu Bananenbieger-Seiten von streng genommen wildfremden Leuten in Hülle und Fülle meine Timeline fluten, dann kommt es schon mal dazu, daß ich mir eher die zweite der beiden in der Überschrift formulierten Fragen stelle.

Worauf ich hinaus will: facebook war mal erträglicher und leberschonender (23 Bier, irgendwer?).

Donnerstag, 3. September 2015

Willkommen in der Blogoezese...

Auch im wasweißichwievielten Jahr ihrer Existenz gibt es in der Blogoezese immer wieder neue Blogs.

Heute habe ich den dummen Fuchs entdeckt. Ich lasse ihn auch mal selbst zu Worte kommen:
    Ich bin der "Dumme Fuchs" und dies ist mein Blog. Ich bin katholisch und erst vor kurzem 21 geworden. Dieser Blog ist meine Spielwiese und dient in erster Linie dazu, Literatur zu besprechen, wobei mein Fokus vor allem auf den Großen Büchern liegt, aber dazu erzähle ich später mehr.

    Der "Fuchs" in meinem Blognamen leitet sich von meinem Familiennamen ab, während das Adjektiv "dumm" zuerst einmal abwertend klingt, eigentlich den Gipfel der Anmaßung darstellt, handelt es sich dabei doch um eine Anspielung auf den größten Theologen und Philosophen des Mittelalters, Thomas von Aquin, dessen Spitzname "Der dumme Ochse" lautete. Zudem passt es irgendwie zu mir.
Wenn Ihr jetzt neugierig geworden seid, dann geht doch mal kurz rüber und sagt "Hallo!"

Freitag, 28. August 2015

Was noch zu sagen wäre...

In den letzten Tagen und Wochen ist so viel geschehen und über das Geschehene in so kurzer Zeit soviel geredet und geschrieben worden, daß ich persönlich irgendwann einfach zumachen und in mich gehen mußte.

Das Zusammentreffen einer nicht eben kleinen Menge von Flüchtlingen mit einer ebenfalls nicht mickrigen Anzahl von Menschen, die in kürzestmöglicher Zeit mit brutalstmöglichem Vokabular und geringstmöglichem Innehalten und Nachdenken sich und allen, die es interessieren könnte, klarmachen wollen, wer nun ein "stocktumber Nazi" und wer ein "linksgrünversiffter Gutmensch" ist, hat meine Lust auf öffentliche Kommentare gewaltig geschmälert.

Da ich mich nicht in der Lage sah, die komplexen Detail-Probleme zu lösen, schielte ich nach dem groben Pinsel. Und alles, was mir einfiel, ist dies:

Erstens: Menschen, die es sich zu einfach machen, sagen Sätze wie:
  • "Jeder Einwanderer ist nur ein Glücksritter, der sich bei uns ein schönes Leben machen will!"
  • "Jeder Moslem ist automatisch ein potentieller Terrorist!"
  • "Niemand ist willkommen!"
  • "Alle sind ausnahmslos willkommen!"
  • "Wer auf mögliche Probleme mit importierten religiösen/ethnischen Konflikten hinweist, ist ein Nazi!"
  • "'Pack?' Aber das sind doch immer die Anderen, oder?"

Zweitens: Es ist möglich, daß ich mir das nur einbilde, aber mir scheint insgesamt die Situation etwas instabiler geworden zu sein. Daher halte ich es für dringend notwendig, alle Straßen als Sackgassen auszuweisen, die zu Gewalt führen könnten. Wer auch nur ansatzweise alle Gabeln in der Besteckschublade hat, der ist nicht daran interessiert, daß die "falsche" Gewalt unterbunden und die "richtige" Gewalt totgeschwiegen, schulterzuckend genehmigt oder gar tönend gefördert wird. Sondern er ist daran interessiert, daß Gewalt so weit wie möglich eingedämmt wird. Sei es nun Gewalt, die in den Gedanken beginnt, die sich in Worten zeigt oder die sich im Gebrauch von Fäusten und Waffen entlädt. Sei es Gewalt, die von den Rändern der Gesellschaft kommt, oder aus ihrer Mitte. Sei es Gewalt, die von Traumatisierten ausgeübt wird oder von Aufgehetzten. Sei es Gewalt, die im Namen einer Religion ausgeübt wird oder sich gegen eine Religion richtet.

Drittens: Ich bin - und man verzeihe mir den Ansatz, wenn man ihn für wirklichkeitsfremd hält - sehr davon überzeugt, daß wir umso mehr Regeln und Ordnung nicht nur brauchen sondern auch durchsetzen müssen, je mehr unterschiedliche Lebensentwürfe, Wertekataloge, Traditionen und Überzeugungen aufeinandertreffen. Haben wir diese Regeln nicht und sorgen wir nicht dafür, daß sie eingehalten werden, dann kommt es über kurz oder lang entweder sofort zu blutigem Chaos, oder es wird erst einmal nur derjenige recht haben und Recht ausüben, welcher der Lautere, später möglicherweise der Überzeugendere und am Ende dann der Stärkere war.

Viertens: Es liegt sehr viel Arbeit vor uns. Wenn wir bereits an einem Punkt angekommen sind, an dem besoffene Faschos in einer S-Bahn auf Migrantenkinder urinieren und aufgebrachte Muslime wegen eines mißhandelten Korans einen Lynchmord versuchen, dann sollte eigentlich jedem klar sein, daß wir keine Streichhölzer an die Lunte halten dürfen, sondern daß wir nüchtern und scheuklappenfrei all jenen Kräften Einhalt gebieten müssen, die irgendwelche Komplexe auf Kosten anderer ausleben wollen.

Fünftens: Es wäre sicherlich hilfreich, wenn wir die Gebote und die Lehre unseres Herrn Jesus Christus nicht nur zitieren sondern auch leben und dies auf eine Weise tun, die andere Menschen nicht vor unserem Glauben zurückschrecken läßt. Natürlich ist es verlockend (und tatsächlich auch nicht falsch), dem Anderen zu erklären, wo und warum und wie er sündigt. Aber wenn diese Erklärung nicht einhergeht mit dem Eingeständnis der eigenen Sündhaftigkeit und dem Hinweis auf einen Weg zum Heil, den es gemeinsam zu beschreiten gilt, dann werden wir immer Gefahr laufen, die Welt in eine Wagenburg der Reinen und ein gegen sie anbrandendes Meer der Schmutzigen aufzuteilen.

Noch zwei Punkte in mehr oder weniger eigener Sache:

Sechstens: Kommt mir jetzt bitte nicht mit der Rettung des christlichen Abendlandes, es sei denn, Ihr gehört nicht zu den Leuten, die das, was von eben diesem christliche Abendland noch übrig war, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit Freudenseufzern selbst auf dem Altar Ihrer Bedürfnisse und Interessen geopfert haben.

Siebtens: Ein besonderer Gruß an die Kommentarspalten-Helden, die Couch-Analytiker und die Fernbedienungs-Moralisten. Die Welt ist glücklicherweise nicht so schwarz und weiß, wie Ihr es gerne hättet. Ich habe das mittlerweile gelernt und erkannt, und ich weigere mich daher, nach irgendeiner Pfeife zu tanzen, egal wie schmeichlerisch oder wie bedrohlich sie auch klingen mag. Es gibt Menschen, die halten mich für einen bambiäugigen Gutmenschen. Es gibt andere Menschen, die halten mich für total Autobahn. Geschenkt. Schubladen sind einfach und schön und erleichtern all jenen den Weg, die lieber gleich ein Urteil hätten, ohne vorher groß nachzudenken oder nachzufragen. Die meisten Leute scheinen mich glücklicherweise korrekt einordnen zu können. Diese Tatsache gibt mir eine Ruhe und Gewißheit, die bei weitem allen Ärger überwiegt, den irgendwelche hausgestrickten Diagnosen mir bereiten könnten. Was auch immer Ihr aus welchen Gründen an Selbstbestätigung benötigt: Zieht es meinetwegen aus vorschnellen Urteilen über meine Person, aber glaubt bitte nicht, daß Ihr mich jemals ändern könnt. Ich weiß, daß ich mich verletzbar und angreifbar mache, wenn ich unter meinem richtigen Namen poste und auch sonst aus meiner Identität und Beschäftigung keinen Hehl mache. Aber ich habe mich dazu entschlossen, mit offenen Karten zu spielen, mich nicht zu verstecken und zu vermummen, und ich möchte das auch durchhalten. Das Internet ist mittlerweile ja kein Parallel-Universum mehr, sondern Teil unserer realen Welt. Vielleicht lohnt sich einmal das Nachdenken darüber, auf welcher Seite in eben dieser realen Welt in der Regel die Vermummten stehen.

Freitag, 21. August 2015

Ich kapier's einfach nicht...

Die Fahndungsshow "Aktenzeichen XY ungelöst" wird einen Beitrag absetzen, in dem um Mithilfe bei der Suche nach einem Vergewaltiger gebeten wird. Grund: Der mutmaßliche Täter hat eine dunkle Hautfarbe. Chefredakteurin Ina-Maria Reize-Wildemann erklärt:
    Da der von der Polizei in Dortmund bisher vergeblich mit einem Fahndungsfoto gesuchte Mann eine dunkle Hautfarbe hat, könnten Vorurteile gegenüber Ausländern geschürt werden. "Wir wollen kein Öl ins Feuer gießen und keine schlechte Stimmung befördern. Das haben diese Menschen nicht verdient."
Jetzt wird zwar der Beitrag nicht ausgestrahlt, aber dafür werden in den einschlägigen Foren die Wellen gewaltig hochschlagen, so von wegen "System-Funk unterschlägt Ausländerkriminalität! - Was passiert wirklich in unserem Land (und warum dürfen wir es nicht wissen)?"

Ob damit den Ausländern geholfen ist?

Wie wäre es einfach mal mit unhysterischer aber offener Berichterstattung?

Mittwoch, 12. August 2015

Heime ohne Hass? - Zukunft ohne Angst!

Der Rückzug des Kolumnisten und Rechtsanwalts Heinrich Schmitz aus der Petition #HeimeOhneHass und der politischen Arbeit beschäftigt auch die Blogoezese (z.B. hier, hier oder hier).

Andere Beobachtung: Das Magazin The European steht vor dem Aus. Heinrich Schmitz schrieb für The European. Das Magazin tritt auf mit dem Untertitel "Das Debattenmagazin".

Es wird also von einem aufgeheizten Mob ein Autor aus seiner Arbeit weggeschüchtert, welche er vor allem für ein Magazin ablieferte, welches sich der Debatte verschrieben hat und welches nun um seine Zukunft bangt.

Willkommen in Deutschland 2015.

Wäre The European ein vermummtes Krawallmagazin, ein anonymes Beleidigungsmagazin, ein angstschweißspritzendes Fingerzeigmagazin, die Existenz wäre gesichert. Wäre The European ein Magazin, das mit panisch geweiteten Augen in die Zukunft blickt, und die Schuld an all dem Horror, welcher dort vermeintlich zu erkennen ist, denen da oben in die Schuhe schiebt, während es den Frust darüber an Schwachen und Verunsicherten ausläßt: Hallo, klingelnde Kasse!

Aber The European ist ein Debattenmagazin. Und es hinkt so immer den leicht zu entflammenden und schwer zu zügelnden Massen hinterher.

Es gab und gibt zum Thema "Krawall vor Flüchtlingsheimen" viele offene Fragen. Eine Frage, die mich beschäftigt ist diese: Wie schafft man es, daß Angst sich nicht mehr instrumentalisieren läßt? Oder, kürzer: Wie kriegt man die Angst aus den Köpfen?

Heinrich Schmitz schreibt in seiner Stellungnahme:
    "Ich werde sicher der oft gescholtene Gutmensch bleiben, aber ich werde mir nicht mehr für meine lieben Mitbürger, die ihren Arsch erst hoch bekommen, wenn sie von einem Hooligan aus ihrem Sofa geprügelt werden, in der Öffentlichkeit den Arsch aufreißen."
Er spielt hier, ob er es will oder nicht, ob er es weiß oder nicht, ebenso mit der Angst wie jene, die sagen:
    "Ich werde mir nicht mehr für meine lieben Mitbürger, die ihren Arsch erst hoch bekommen, wenn sie von einem [** Hier nicht-deutsches Lieblings-Schreckgespenst des Tages einsetzen **] aus ihrem Sofa ge-[** hier verabscheuungswürdige Lieblingsaktivität des nicht-deutschen Schreckgespenstes des Tages einsetzen **] werden, in der Öffentlichkeit den Arsch aufreißen."
Daß der Mensch immer und überall versucht, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen, ist normal. Aber wenn darüber die Gegenwart in Vergessenheit gerät, ist es nicht hilfreich. Natürlich kenne auch ich diese Augenblicke, in denen ich ein unangenehmes Phänomen der Gegenwart nehme und sein Wachstum linear (manchmal auch exponentiell, selten nach oben beschränkt) in die Zukunft weiterspinne. Aber ich halte dabei auch immer mindestens ein Bein in der Gegenwart, weil ja nur die Gegenwart uns die Chance gibt, die Dinge so zu beeinflussen, daß in der Zukunft etwas besser wird oder etwas Arges nicht geschieht.

Und hier kommt jetzt der Punkt, an dem ich mich gerne an die Christen wenden möchte: Wir leben doch im Glauben an einen Gott, der uns in ein Reich holen kann und möchte, in dem nichts von dem existiert, was uns das Leben auf der Welt machmal erschwert. Und wir leben im Glauben an einen Gott, der uns ziemlich deutlich den Stellenwert alles Irdischen vor Augen gehalten hat: Weltliches Wuseln ist dann von Wert, wenn es dazu dient, Schätze im Himmel zu sammeln. Erstens kann uns diese niemand mehr nehmen und zweitens müssen wir uns daher hier auf Erden auch keine Sorgen mehr um sie machen (siehe: Angst vor der Zukunft).

Das bedeutet: Vor jedem "Hätte, wäre, könnte" sollten für uns jene Aktivitäten stehen, mit denen wir Schätze im Himmelreich anhäufen können. Also der Dienst an jenen, welche von unserem Herrn als die geringsten seiner Brüder, als die Kleinen und auch als die Nächsten angesprochen werden. Und wenn diese Menschen nun aber gar keine Christen sind [** fingernägelbeiß **]? Nun, dann erst recht. Die wenigsten Leute wenden sich dem Christentum zu, weil seine Vertreter passiv und lustlos sind. Aber [** schwitz **] wenn einige dieser Nicht-Christen uns gar nicht mögen, sondern uns Gewalt antun wollen? Dann zweimal erst recht. Gott schaut milde auf diejenigen, die um seines Namens Willen Verfolgung erdulden müssen. Er steh nicht so doll auf jene, die ihn wenn schon nicht im Wort, so doch in der Tat verleugnen (sprich: Die ihn gerne zitieren, aber bei der Feindesliebe dann doch lieber zur Keule greifen).

Wir sollten in der Gegenwart richtig - also den Wünschen und Geboten Christi entsprechend - handeln, dann müssen wir auch keine Angst vor der Zukunft mehr haben. Denn Zukunft ist nur das, was auf Erden passiert. Was danach kommt, das ist Ewigkeit.

Samstag, 8. August 2015

Ist doch wirklich nicht so schwierig...

In den letzten Tagen und Wochen nehme ich im Internet wieder vermehrt einen Schlagabtausch zwischen Katholiken wahr, in welchem das bei aller Simplizität offenbar doch nie zu Ermüdungserscheinungen führende Thema der würdigen bzw unwürdigen Meßfeier aufgewärmt wird.

Wobei der Begriff "Schlagabtausch" ein wenig irreführend ist. Viele Meldungen sind auch einfach nur Bestätigungs-Revolversalven innerhalb der eigenen Wagenburg, die nur dann nicht in die Luft abgefeuert werden, wenn mal ein irgendwie unreines Element von außen eindringt und die Stimme erhebt.

Also [** seufz **] nochmals für alle zum Bookmarken und Immer-wieder-Nachlesen die meiner Meinung nach drei entscheidenden Punkte:
  1. Eine würdige Meßfeier ist wichtig
  2. Die Würde der Meßfeier hängt allerdings auch von der eigenen, inneren Disposition ab
  3. Nicht nur unser Beten und unser Messe-Feiern sagt etwas über unseren Glauben aus, sondern auch unser Reden und Handeln
Es ist vollkommen wurscht, für wie würdig und recht, geziemend und heilsam wir "unsere" Form des römischen Ritus halten, wenn wir nicht dazu bereit sind, dem Anderen gegenüber in unserem Reden und Handeln unseren christlichen Glauben durchscheinen zu lassen.

Wir alle haben unsere großen Panik-Momente. Was dem "Tradi" die Handkommunion ist, das ist dem "Modernisten" die Cappa Magna. Und wenn ich auch gerne und offen zugebe, daß ich wirklich haarsträubende liturgische Magenhiebe bisher ausschließlich in irgendwie selbstgetöpferten Kuschel-und Klampfen-Messen beobachtet habe, so halte ich das verbale Niedermachen des Anderen dennoch für falsch. Nein, ich halte es grade dann für besonders falsch, wenn es aus einer Ecke kommt, in der man liturgisch eine besondere Nähe zum Geheimnis sucht, nur um sich dann nach Verlassen der Kirche in eine peinliche Entfernung zur Lehre unseres Herrn zu begeben.

Also laßt den Mist!

Donnerstag, 2. Juli 2015

Muß das sein?

Der frühere ProChrist-Hauptredner, Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel) bezeichnet laut idea den Atheismus als eine Geisteskrankheit. Eine Begründung ist dem Text leider nicht zu entnehmen (Ich hoffe zumindest, daß das, was folgt, nicht die Begründung sein soll).

Ich weiß nicht, ob das eine Retourkutsche sein soll für atheistische Glanzleistungen wie z.B. "Glaube ist heilbar" oder "Religioten". Aber ich weiß, daß es sicherlich nicht hilfreich ist.

Und zwar nicht, weil jetzt einige Atheisten wieder total beleidigt unter Schnappatmung beteuern können, wie gemein die Christen sind und somit in ihren negativen Urteilen nur noch bestärkt werden. Sondern weil ich immer ein mulmiges Gefühl bekomme, wenn gläubige Menschen sich als die besseren hinstellen wollen und das offenbar nur schaffen, indem sie darauf hinweisen, was andere schlecht(er) machen.

Kommt schon, Leute! Wir haben der Welt doch mehr zu bieten, oder?

Donnerstag, 11. Juni 2015

Bevor ich's vergesse...

Phil pickte neulich ein Mem aus der englischsprachigen Blogoezese auf und fragte (nicht nur sich sondern indirekt auch uns): Warum bleibe ich Katholik?

Meine Antwort: Wahrscheinlich, weil ich mir diese Frage noch nie gestellt habe.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Überall...

... stoße ich im Moment auf die Formulierung des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)", daß zwischen Lehre und Lebenswirklichkeit Brücken gebaut werden müssen. Das liegt wahrscheinlich auch und vor allem daran, daß die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken anlässlich der XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode im Vatikan 2015 eben diesen Titel trägt: "Zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen – Familie und Kirche in der Welt von heute".

Jetzt bin ich allerdings der Meinung (und habe das auch gestern schon mal irgendwo auf facebook im Kommentarbereich geschrieben), daß eine Brücke zwischen Lehre und Lebenswirklichkeit gar nicht gebaut werden muß, weil sie bereits besteht. Man nennt sie gemeinhin "Gewissen".

Die Anstrengungen, diese Brücke begehbar zu machen, nennt man dementsprechend "Gewissensbildung" und nicht "Lehranpassung".

Mittwoch, 29. April 2015

Vergebung...

"Darf man einem Nazi-Schergen vergeben?", so fragt heute Radio Bremen.

Der Hintergrund: Die KZ-Überlebende Eva Kor hat dem in Lüneburg vor Gericht stehenden "Buchhalter von Auschwitz", Oskar Groening, vergeben und die Hand gereicht nachdem dieser seine Mitschuld an den Morden im Konzentrationslager "mit Demut und Reue" anerkannt hatte.

Andere Opfer und Überlebende, die als Nebenkläger auftreten, haben sie dafür kritisiert.

Wie genau funktioniert eigentlich Vergebung?

Vergebung kommt dort ins Spiel, wo einem Menschen Unrecht angetan wurde und der für das Unrecht Verantwortliche zu der Einsicht kommt, daß etwas nicht unausgesprochen bleiben darf. Die Bitte um Vergebung und das Gewähren derselben ist somit ein ausgesprochen privater, ja intimer Austausch zwischen zwei Individuen. Um Vergebung bitten in der Praxis zwar auch Staaten oder Konzerne oder Vereine. Aber dieser ganz breite Pinsel kann unbefriedigend wirken, weil man als Betroffener durchaus mit dem Gefühl nach Hause gehen kann, daß der Mund, der um Vergebung bat, nur indirekt mit der Hand zusammenhängt, die geschlagen hat.

Natürlich passen in einer Welt der überdrehten Öffentlichkeit Kollektivschuldeingeständnisse und Stellvertretervergebungsbitten wunderbar zusammen. Aber streng genommen trifft das Eine den Kern so wenig wie das Andere.

Die überlebenden Individuen - seien sie nun Opfer oder Täter - haben den Toten gegenüber den Vorteil, daß sie auf ihr Leben zurückblicken können und daß sie so die Worte und Taten der Vergangenheit mit Blick auf die Erwartungen der Zukunft an sich nagen lassen können. Um wieviel leichter wird jenen das Leben, die um Vergebung bitten können und die Vergebung gewähren können.

Ich kann daher die Kritik an Frau Kor nicht nachvollziehen. Vielmehr sollte man sie doch als positives Beispiel dafür hinstellen, daß auch nach langer Zeit und unmenschlichen Vergehen die Hände sich nicht in Faustform nähern müssen.

Oder, ganz einfach: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern".

Donnerstag, 16. April 2015

Das Sterben der Meinen

Josef Bordat fragt und erklärt, warum uns 150 tote Europäer mehr interessieren als 150 tote Afrikaner.

Ich sage: Mich interessieren weder die Einen noch die Anderen.

Das soll kein kaltherziger Einwurf sei, der jetzt aber mal allen Heulsusen und Betroffenheits-Touristen und Nachrichten-Ausschlachtern so richtig zeigen soll, was für ein harter Hund ich bin. Noch weniger soll es ein Vorwurf sein an jene, die intensiv und anhaltend mitfühlen und mittrauern können.

Es ist schlicht und einfach eine Realität, mit der ich, seit ich denken kann, lebe bzw leben muß (abhängig davon, als wie essentiell, also den Mensch zum Menschen machend, die Fähigkeit zum Mitfühlen und Mitleiden bei kleinen und großen Katastrophen allgemein eingeschätzt wird).

Wenn irgendwo soundsoviel Dutzend Menschen bei dieser oder jener Katastrophe ihr Leben verlieren, dann denke ich mir kurz "Scheiße für die armen Angehörigen" und mache weiter. Abhängig von der Art der Katastrophe kann sich noch eine Portion Unverständnis oder Wut beimischen, wenn z.B. haarsträubendes menschliches Versagen die Katastrophe ausgelöst hat, wenn ein Haufen von Frömmigkeits-Verlierern zu den Waffen greift und mal wieder die Spreu vom Weizen zu trennen müssen glaubt oder wenn die gute, alte Gier (egal ob nach Geld oder Macht) dahintersteckt.

Bedeutet das nun, daß ich nicht mitfühlen und mitleiden kann?

Nö.

Josef Bordat schreibt am Ende seines Beitrages:
    Den Raum dieser Dinge, die uns etwas angehen, stetig zu erweitern, auch, wenn sie, diese Dinge, uns erst einmal fremd sind, ist das Gebot der Nächstenliebe, mit dem wir unser Gehirn systematisch überlisten können. Damit uns irgendwann ein “accident” auch dann interessiert, wenn keine “Germans” betroffen sind. Sondern schlichtweg nur “humans”.
Wenn man jetzt mal die "accidents" (die mich, wie gesagt, eher nicht berühren) außen vor läßt, dann kann ich diesen Satz unterschreiben. Es ist tatsächlich so, daß die Zahl der Dinge, die uns etwas angehen, größer ist, als wir vermuten.

"Das geht mich etwas an" sollte man jetzt vielleicht nicht unbedingt immer übersetzen in "Da mische ich mich auf jeden Fall ein, wenn's sein muß auch gerne ungefragt". Akkurater wäre für mein Empfinden eher "Da werde ich sofort helfen, wenn es offensichtlich ist, daß Hilfe benötigt wird".

Die Erweiterung von "Germans" auf "humans" ist dann auch folgerichtig, denn wenn wir sehen, daß jemand in Not ist, dann helfen wir - wenn wir helfen - ja nicht, weil unsere innere Stimme uns sagt "Oh! Dieser Deutsche / Spanier / Türke / Guatemalteke braucht Hilfe" sondern weil sie uns sagt "Dieser Mensch braucht Hilfe".

Tote Menschen sind für mich - streng genommen - uninteressant. Ich bete für die Verstorbenen, das versteht sich von selbst. Aber ich leide nicht mit ihnen und nicht für sie. Ich leide auf Distanz auch nicht mit ihren Angehörigen oder mit denen, die mit ihren Angehörigen leiden, weil mir dazu einfach der Blickwinkel zu fehlen scheint.

Interessant sind für mich die Lebenden, die Begegnung mit ihnen und die Augenblicke, in denen ich plötzlich mit ihnen fühle, mich mit ihnen freue oder auch mit ihnen leide. Säße also die Mutter des Opfers eines Flugzeugabsturzes neben mir in dem Moment, in dem sie die entsetzliche Nachricht erhält, dann hätte ich wahrscheinlich größte Probleme, meine Tränen zurückzuhalten, selbst dann, wenn diese Frau mir bis dahin vollkommen fremd war. Sprich: Mitleid funktioniert grundsätzlich schon, aber auf eine Entfernung von mehreren Hundert Kilometern in Abwesenheit aller Betroffenen irgendwie nicht.

Richtig zu schaffen macht mir der Tod nur dann, wenn er sich einen der Meinen holt. Tut er dies dann auch noch zu einem ungünstigen Zeitpunkt, dann gibt es auch etwas, das mich "emotional wochenlang beschäftigt".

Ansonsten macht mir das Leben zu schaffen, weil da einfach mehr los ist und weil es mir immer wieder meine Versäumnisse vor Augen hält und mir so immer wieder Gelegenheit gibt, dafür zu sorgen, daß ich um mich herum erst einmal nur Menschen sehe und keine Deutschen oder Katholiken oder Weiße oder Gutsituierte etc...

Unter allen Menschen gibt es aber immer die Menge derjenigen, die mich etwas angehen (also im Grunde alle) und die Teilmenge derjenigen, die mir etwas bedeuten (also wenige). Und hier läßt mich der Tod mit seiner unterschiedslos dreinschlagenden Sense durch den entstehenden Schmerz immer ganz genau wissen, wenn er sich aus der Teilmenge bedient.

Mag sein, daß ich egoistisch trauere. Wenn ich andererseits spüre, was so eine richtige Trauer ist, dann ist es vielleicht auch ganz gut, daß sie sich bei mir selten einstellt. Ich bin für diese Täler einfach nicht geschaffen, und meine Mitmenschen haben - wenn sie es denn wollen - mehr von mir, wenn ich mich nicht in diesen Tälern befinde.

Montag, 13. April 2015

Hmm...

Interessanter Screenshot aus meinem Blogroll (aufgenommen vor fünf Minuten):